Kultur : Wunderkinder

Musikdoku 1: „Die Konkurrenten“

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Elena ist verzweifelt. Gerade ist sie beim Wiener Beethoven-Wettbewerb rausgeflogen – in der ersten Runde. Dabei fühlte sie sich mit ihrer Interpretation so sicher. Vielleicht hat sie gerade ihre letzte Chance auf eine Solokarriere vergeben. Denn die Altersgrenze der allermeisten Wettbewerbe liegt bei 30 Jahren, und wer keinen international bedeutenden Preis vorzuweisen hat, braucht bei den Konzertagenturen gar nicht erst vorzusprechen. Vor zehn Jahren lag die Zukunft strahlend vor Elena: Sie wurde als Wunderkind herumgereicht, schaffte die Aufnahmeprüfung an der Moskauer Hochbegabten-Musikschule. Wenn jetzt nicht noch ein Wunder geschieht, wird sie sich den Rest ihres Berufslebens wohl mit Klavierschülern herumplagen müssen, die nicht ein Hundertstel ihres Talents haben.

Elenas Zusammenbruch ist der emotionalste Moment in Irene Langemanns Dokumentation „Die Konkurrenten“, der Fortsetzung eines Films über russische Nachwuchspianisten, den die Regisseurin im Jahr 2000 auf der Berlinale vorgestellt hat. Doch man muss den ersten Teil nicht kennen, um von den Lebensläufen der vier Protagonisten berührt zu werden. Wer zu früh auf den Wunderkind-Sockel gestellt wird, weiß der Zuschauer nach 98 Minuten, steht bald im eigenen Schatten. „Schnelle Finger haben sie alle“, sagt ein Juror. „Entscheidend ist allein die Persönlichkeit.“ Wie aber soll ein junger Mensch diese ausbilden, im täglichen Konkurrenzkampf, im Wettlauf von Wettbewerb zu Wettbewerb?

Pianisten haben es besonders schwer. Denn sie sind Einzelkämpfer: Während andere Instrumentalisten nach ein paar Jahren des Übens richtig Spaß in Jugendorchestern haben können, bleiben sie fast immer allein mit ihrem großen schwarzen Kasten. Und während sich Streicher und Bläser um eine Orchesterstelle bewerben können, gilt für die Klavierspieler: Ganz oder gar nicht, Solistenkarriere oder Kärrnerarbeit jenseits des Rampenlichts, als Probenbegleiter oder Lehrer. So sehr sich Irene Langemann auch um sensible Beobachtung bemüht, sie beschönigt nichts: Dieser Film holt Überflieger zurück auf den Boden.

Irina nimmt jedes Engagement an, musiziert in Südamerika mit Laienorchestern, Dmitri sucht Sinn in der Religion, Nikita holt sich Rat beim Großvater. Ihre Chancen auf dem brutalen Klassikmarkt aber stehen schlecht. „Was ist dein größter Schmerz?“, wird Elena Kolesnitschenko gefragt. Die Antwort kommt unter Tränen: „Dass ich als Künstlerin nicht gebraucht werde.“ Frederik Hanssen

Kino Krokodil, ab 3.5. in der Urania, ab 14.5. im Bali. Am 2. Mai treten alle vier Protagonisten in der Urania auf.

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