Xavier Dolans „Einfach das Ende der Welt“ : Die Wut über den verlorenen Sohn

Kriegsschauplatz Familie: Xavier Dolans stargespickter Film „Einfach das Ende der Welt“ ist ein Psychothriller über die Grenzen der Kommunikation.

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Explosive Runde. Vincent Casselll, Marion Cotillard, Gaspard Ulliel, Léa Seydoux und Nathalie Baye (v.l.).
Explosive Runde. Vincent Casselll, Marion Cotillard, Gaspard Ulliel, Léa Seydoux und Nathalie Baye (v.l.).Foto: Weltkino

Zuhause ist, wo es wehtut, singt Camille, „Home Is Where It Hurts“. Ganz schön mutig, so kurz nach Weihnachten einen Film ins Kino zu bringen, der nach dem Prolog des Helden mit eben diesem Song einsetzt. Der Schriftsteller Louis kehrt nach 12 Jahren zu seiner Familie zurück, um ihr zu erzählen, dass er sterben wird. Vielleicht tritt Xavier Dolan aber auch offene Türen ein, der kanadische Regisseur ist Experte für Familienunglück...

Es ist Sommer, die Hitze macht alle verrückt, nervös, hektisch, laut. Das Taxi fährt vor, der verlorene Sohn ist wieder da, die Mutter föhnt schnell ihre frisch lackierten Fingernägel, Essen wird vorbereitet, der Kühlschrank klappt auf und zu, nur die Schwiegertochter Catherine schaut still aus großen runden Augen. Dolan, das Regiewunderkind, ist inzwischen 27, „Einfach das Ende der Welt“ sein sechster Spielfilm. Wieder eine Theateradaption, wieder ein Psychothriller über die Unmöglichkeit von Familie, mit Nathalie Baye als Mutter, Lea Seydoux als Schwester, Vincent Cassel als Bruder und Marion Cotillard als dessen Frau Catherine.

Ein typischer Dolan-Film

Jean-Luc Lagarce, Frankreichs meistgespielter Gegenwartsdramatiker, hatte das Stück 1990 in Berlin geschrieben, der Autor starb 1995 an den Folgen von Aids, mit nur 38 Jahren. Autobiografisch sind auch Dolans Filme, er kommt einem nahe, es ist oft unangenehm, wie im Leben. Auch hier: Gesichter im Halbdunkel, düstere, verlebte Interieurs, Silhouetten vor blendender Sonne. Der Regisseur mag dieses Jenseits-Licht, dazu Songs von Grimes, Moby, Blink, Jimmy Eat World – Indie, Punk, Nouvelle Chanson. Dolan hat einen typischen Dolan-Film aus dem Stück gemacht, mit gezielten Unschärfen und extremen Closeups. Die Kamera kennt keine Diskretion, klebt an Cotillards Nacken, erkundet Seydoux’ Halbprofil, und Dolans Ästhetik der Enge provoziert eben jene Aggression, die auch die Figuren ausstrahlen.

Im Auge des Sturms: Gaspard Ulliel als Louis. Die anderen reden meist wild durcheinander, toben, wüten, schnappen nach Luft. Warum bist du gekommen? Keiner wartet auf die Antwort. Also schweigt Louis und als er am Ende doch eine kurze Rede hält, behält er seinen nahenden Tod für sich, sagt stattdessen, was die anderen hören möchten. Zum Beispiel, dass seine Schwester ihn jederzeit gern besuchen kann. Es lauert Wut in dieser Familie, Wut darauf, wie sie alle in den Werken von Louis vorkommen, Wut auf seine Postkarten, die er in den zwölf Jahren geschrieben hat, Wut auf seine Abwesenheit, auf das eigene Dagebliebensein. Jeder Blick ein Vorwurf.

Kommunikation als Endlosschleife

Und weiter, Dolan dekliniert den Familienkrieg diesmal nur durch. Zwischen den eskalierenden Tischrunden sucht Louis das Zwiegespräch mit Schwester, Mutter, Bruder, bleibt jedoch Projektionsfläche. Der Explosivste ist Antoine, die Brüder fahren zum Haus ihrer Kindheit, ein verzweifelter, panischer Trip, auch er zum Scheitern verurteilt. Sprache, erzählt dieser Film, kann eine große Vergeblichkeit sein, Kommunikation eine Endlosschleife, eine einzige Qual.

Bisher hatte Dolan in seine anarchischbitteren Erzählungen Überraschungen eingebaut, kleine fantastische Eskapaden. Diesmal bleibt nur eine simple, wortlose Verständigungsgeste zwischen Catherine und Louis, überdeutlich in Szene gesetzt. Und der kleine Vogel, der zum Schlag der Kuckucksuhr ins Haus flattert. Ein Todesengel, kein Trost.

In 11 Berliner Kinos. OmU: b-ware! ladenkino, Central, Filmrauschpalast, Hackesche Höfe, Moviemento, Rollberg, Xenon, Zukunft

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