Yael Ronen : "Religion ist wie Feuer"

Yael Ronen, Theatermacherin aus Israel, spricht im Interview über ihr Verhältnis zu Deutschland und ihr Stück "The Day Before the Last Day", das in Berlin Premiere feiert.

Tendenziell optimistisch. Yael Ronen.
Tendenziell optimistisch. Yael Ronen.Foto: Schaubühne

Frau Ronen, Sie hatten in Berlin großen Erfolg mit dem Stück „Dritte Generation“, in dem sich israelische, palästinensische und deutsche Schauspieler ihre Vorurteile um die Ohren schlugen. Jetzt zeigen Sie „The Day Before the Last Day“. Klingt apokalyptisch.

Wir beschäftigen uns mit Religion aus verschiedenen Perspektiven. Wir haben das Modell eines Zukunftsforschers herangezogen, der einen globalen Gewaltausbruch vor dem Hintergrund einer religiösen Erweckungsbewegung voraussagt.

Religion als zerstörerische Kraft?

Religion ist wie ein starkes Feuer, das entweder heilbringende oder zerstörerische Kräfte entfesseln kann.

Sie sind in einer Theaterfamilie aufgewachsen, Ihr Vater leitet das Habima-Theater in Tel Aviv, Ihre Mutter ist Schauspielerin. Welche Rolle spielte die Religion zu Hause?

Ich stamme aus einem säkularen Elternhaus. Aber wir haben in Israel keine Trennung von Staat und Religion, daher ist das Thema allgegenwärtig. Die Tatsache, dass ich als Jüdin in Israel lebe, bedeutet, dass es zu meiner Identität gehört, obwohl ich nicht gläubig bin.

Erwarten Sie, dass Ihr neues Stück als ähnlich provozierend empfunden wird wie „Dritte Generation“, dem Verharmlosung des Holocausts vorgeworfen wurde?

Klar, wir betreten vermintes Gelände, wenn wir uns mit Dingen beschäftigen, die anderen heilig sind. Einerseits versuchen wir sensibel zu sein, andererseits ehrlich. Wir müssen vermeiden, als engstirnig wahrgenommen zu werden, als islamophob oder antisemitisch.

Sie waren mit Ihren Schauspielern gerade in Israel. Wie schaut man dort auf die Umwälzungen in den arabischen Ländern?

Als die Revolution in Ägypten begann, war die Frage, ob ein neues Regime sich an das Friedensabkommen mit Israel halten würde. Es gibt die Optimisten, die ein demokratisches Zeitalter anbrechen sehen. Und die anderen, die befürchten, dass die Fundamentalisten gewinnen und wir bald von vier Irans umgeben sind.

Sind Sie optimistisch?

Ich tendiere dazu, ja. Aber wir wissen einfach zu wenig darüber, was die Menschen in diesen Ländern denken.

Ist Israel gegenwärtig eine gut funktionierende Demokratie?

Es ist nur eine Demokratie, wenn man die besetzen Gebiete ausklammert. Momentan haben wir die rechteste Regierung seit Jahren. Es ist eine Atmosphäre, in der die Menschenrechtsbewegungen fast schon als Verräter angesehen werden.

Was bedeutet das für die Theatermacher? Gibt es ein wachsendes Interesse an politischen Themen?

Vor kurzem sollten erstmals Theatergruppen in Ariel im Westjordanland auftreten, aber viele Schauspieler und Theatermacher weigerten sich. Das hat eine Kontroverse entfacht und viele Theatergänger haben ihr Abonnement gekündigt.

In Tel Aviv läuft gerade eine deutsche Theatersaison, überhaupt blüht der künstlerische Austausch zwischen den Ländern. Bringt das auch etwas für den Alltag?

Dass es sehr früh einen Dialog zwischen Israel und Deutschland gab, hat dazu geführt, dass eine dritte Generation heute die Vergangenheit zwar als Teil der Identität behält, aber eben auch hinter sich lassen kann. Deutschland und Israel sind wie ein altes Paar, das seit Jahren zur Therapie gegangen ist.

Aber hat das Theater in Ihren Augen die Kraft, Menschen zu verändern?

Religion hat ganz sicher die Kraft, Menschen zu verändern. Die Kunst verabreicht dagegen eher homöopathische Dosen.

Das Interview führte Patrick Wildermann. „The Day Before the Last Day“, wird am heutigen Sonntag, 18 Uhr, in der Schaubühne zum Abschluss des Festivals F.I.N.D. aufgeführt.

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