Young Euro Classic: Lettland : Brüder, ran an die Tasten!

Junge Musiker aus Lettland kommen zu Young Euro Classic - im Gepäck haben sie zwei Brüder, die beide Rachmaninow spielen. Ein (unmöglicher) Vergleich.

Tomasz Kurianowicz
Georgij Osokins, der nachdenklichere der beiden Brüder, spielt Rachmaninow.
Georgij Osokins, der nachdenklichere der beiden Brüder, spielt Rachmaninow.Foto: Kai Bienert

Dreißig Stunden ist das Jugendorchester der lettischen Musikakademie Jāzeps Vītols mit dem Bus von Riga nach Berlin gereist, um beim Festival „Young Euro Klassik“ im Konzerthaus am Gendarmenmarkt auf der Bühne zu stehen. Müdigkeit ist dennoch nicht zu spüren, das beweist jedenfalls die Weltpremiere von Roland Kronlaks’ „Under Pressure 2nd Edition“ zu Beginn. Wer ein Remake des Queen-Hits erwartet hat, wird eines Besseren belehrt: Der lettische Komponist hat ein schrill leuchtendes Werk geschaffen, in der sich tonale Schichten unerwartet in atonale Brechungen schieben. Mal erahnt man harmonisches Vogelgezwitscher, mal krachende Faustschläge – ein Wechselbad der Widersprüche, auf den Punkt gebracht.

Im Anschluss folgt Rachmaninows Zweites Klavierkonzert, für das der lettische, 1984 geborene Pianist Andrejs Osokins auf die Bühne kommt. Mit seinen schwarzen, langen Haaren wirkt er wie ein brandgefährlicher Verführer. Der Eindruck täuscht nicht: Der Mann am Flügel lässt sich auf das romantische Thema der Komposition mit ganzer Körperlichkeit ein, zuckt und schaukelt und schwankt, als würde ihn die Musik von Kopf bis Fuß elektrisieren. Im Grunde kommuniziert er mit dem Orchester wie mit einer neuen Flamme, die es zu gewinnen gilt. Doch trotz seiner schnellen Läufe und harten Anschläge weiß er sich im berühmten zweiten Adagio-Satz vollends zu zügeln und reduziert die Schwermut der Melodien auf ihre nackte Essenz.

Nach der Pause wird, wie sonst üblich, Rachmaninows drittes Klavierkonzert aufgeführt, doch jetzt ausgerechnet von Andrejs’ Bruder Georgijs. Auch wenn es naheliegt: Ein direkter Vergleich verbietet sich, da sich Georgij mit einer anderen Einstellung dem Konzert nähert – es ist wie die Entscheidung zwischen Weiß- und Rotwein. Georgijs wirkt distanzierter, in sich gekehrter, dafür spielt bei ihm die Präzision eine größere Rolle. Er ist der Nachdenklichere von den beiden. Sowohl Pianist als auch Orchester verschmelzen in drei irrlichternden Sätzen. Das ist auch dem Dirigenten Andris Vecumnieks zu verdanken, der seinen Schäfchen mit Leidenschaft und Verve einzuheizen versteht. Der krönende Abschluss eines Konzerts, bei dem das Publikum – auch nach zwei Zugaben – das Jugendorchester nicht gehen lassen will. Die lettischen Musiker sollen bleiben. Und das für immer.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben