Yvonne Adhiambo Owuors Kenia-Saga : Aus dem Schatten von Mau-Mau

2003 hat sie den Caine-Preis gewonnen, nun liegt Yvonne Adhiambo Uwuors Debütroman „Der Ort, an dem die Reise endet“ in deutscher Übersetzung vor. Er führt quer durch die Geschichte Kenias.

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Das Shaba National Reservat in Kenia.
Das Shaba National Reservat in Kenia.Foto: dpa

Ein roter Tanzochse, das Murmeln der Kalacha-Quellen und das Gezwitscher von Vögeln wie dem Büffelweber: Yvonne Adhiambo Owuor zu lesen, bedeutet in die Landschaft Ostafrikas einzutauchen. Mit ihrem Debütroman „Der Ort, an dem die Reise endet“, im Original schlicht „Dust“, hat die Kenianerin eine moderne Nationalgeschichte geschrieben, so politisch wie impressionistisch: „Das Jahr 1960 ging mit einer ausgedehnten Dürrezeit ins nächste über. Alles verbrannte. Rang nach Luft, bevor es zu Staub vertrocknete.“

Im Nachwort der 500-Seiten-Saga dankt Yvonne Owuor ihrer Heimat, die ihr „Leinwand, Heimsuchung, Zorn, Leidenschaft, Musik, Antrieb, Sehnsucht, Liebe, Frustration und Inspiration“ zugleich gewesen sei. Owuors Hauptfigur Ajany Oganda wollte sich dem nicht länger stellen und wanderte nach Brasilien aus. Der gewaltsame Tod ihres Bruders Odidi führt die Bildhauerin nach Nairobi zurück. Gemeinsam mit ihrem Vater Nyipir will sie den Leichnam in die Heimatprovinz im Norden überführen – eben an jenen „Ort, an dem die Reise endet“.

Quer durch die Geschichte des Landes

Ajany ist eine unbedingte Wahrheitssucherin. Ihre Reise führt sie nicht nur in die herrliche Landschaft des Turkana-Sees an der Grenze zu Äthiopien, sondern quer durch die Geschichte eines zerrissenen Landes, in ein „Universum des Leids“. Der Vater Nyipir konnte seiner Familie nicht beistehen, da er in den „Eingeweiden des kenianischen Staates gefangen“ war.

Er ist ein Veteran der Mau-Mau-Aufstände, die 1952 gegen die britische Kolonialmacht losbrachen. 1963 wurde der Staat in die Unabhängigkeit entlassen. Doch die Romanhandlung setzt um die Jahreswende 2007/2008 ein, als nach einem Verfassungsreferendum schwere Unruhen ausbrachen, in deren Verlauf Odidi ums Leben kommt. Die „große“ Geschichte perpetuiert somit ihr Unheil, aufgelockert durch eine Liebelei und tollpatschige Geheimagenten.

Ein filmisch komponierter Roman

Yvonne Adhiambo Owuor ist eine leidenschaftliche Leserin, und so stattet sie die Bibliothek ihrer Protagonisten mit Werken von Jack London, George Sand und Gustave Flaubert aus. 2003 wurde die 48-Jährige für ihre Kurzgeschichten mit dem Caine Prize for African Writing ausgezeichnet. Sie leitete ein Filmfestival in Sansibar, und auch ihr in 46 Szenen angeordneter Roman ist ausgesprochen filmisch komponiert. Vor allem aber gedenkt er der „Missing Kenians“, jener politischen Gefangenen, die nach der Ermordung des Gewerkschaftsführers Tom Mboya 1969 spurlos verschwanden.

Am Ende enthüllt die Autorin noch die erschütternden Lebensgeheimnisse der Mutter Odidis und Ajanys sowie von Hugh Bolton, dem britischen Vorbesitzer des Familien-Stammsitzes. „Der Ort, an dem die Reise endet“ stellt eine Herausforderung dar, gerade für Leser, die mit der Geschichte Kenias weniger vertraut sind. Dankenswerterweise wird das Buch durch ein Glossar ergänzt: So kann man sich der charismatischen Reiseführerin getrost anvertrauen.

Yvonne Adhiambo Owuor: Der Ort, an dem die Reise endet. Roman. Aus dem Englischen von Simone Jakob. DuMont Literaturverlag, Köln 2016.

512 Seiten, 22,99 €.

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