Kultur : "Z 2001": Nur eine Feder bleibt

Christoph Funke

Menschen träumen von Liebe und von Erfolg, vom Glück in der Familie, von der Nähe zu Kindern, vom Aufblühen besonderer Talente und Fähigkeiten. Die Menschen, von denen das Roma Theater Pralipe an seinem Theaterabend "Z 2001 - Die Tinte unter meiner Haut" im Postfuhramt Oranienburger Straße erzählt, sind Zigeuner. Zigeuner, die diese Träume während der Zeit faschistischer Herrschaft in Deutschland nicht haben dürfen. Liebende werden grausam getrennt, Sportlern gehen durch Diskriminierung Meisterschaften verloren, Mütter bleiben ohne Mann und Kinder zurück - und selbst die Neunzehnjährige, die nur vorsingen wollte im Berliner Friedrichstadtpalast, verschwindet spurlos. Und mit ihr das Kleid, dem die "deutschblütige" Freundin allein nachtrauert ...

Jedes dieser Schicksale, zumeist im "Zigeunerlager" von Auschwitz-Birkenau endend, wächst aus Alltäglichem heraus. Erst der Eingriff von außen, pedantisch angeordnet durch die sich von Jahr zu Jahr verschärfende faschistische Rassengesetzgebung, treibt sie der Katastrophe entgegen. Und gerade auf das Alltägliche kommt es dem Roma Theater an, wenn es mit großer Ruhe, oft auch sehr leise, sieben dokumentierte Geschichten von Männern, Frauen, Kindern vorstellt - immer zu der Stunde, an dem Tag, da das Normale ihres bisherigen Daseins aufhört, von außen zerstört wird. Plötzlich gehören die Fleißigen, Liebenden, Begabten, die um ihre Familien Besorgten einer "Verbrecherklasse" an: Sie sind "Asozial-Zigeuner". Leben wird zerbrochen, ohne die leiseste Schuld der Betroffenen.

Die Gesamtzahl der Sinti und Roma, die der nationalsozialistischen Verfolgung zum Opfer fielen, ist, so steht es im Programmheft des Theaters, "umstritten und wohl auch nicht wirklich entscheidend". Es war, wie viele Opfer auch gezählt werden mögen, ein Völkermord, der wie der Holocaust schwere Schuld für Deutschland bedeutet und zudem zu lange verdrängt worden ist. "Z 2001 - Die Tinte unter meiner Haut" macht deshalb den Versuch, uns heute Lebenden Menschen nahe zu bringen, die für Zehntausende von Toten stellvertretend einstehen können. Ihr Lebensweg wird dokumentiert, in einer Ausstellung, die sich aus der beängstigenden bürokratischen Sorgfalt der Nazi-Behörden vom Bürgermeister bis zum Lagerkommandanten speist. Jedem Schicksal ist, in jeweils besonderem Lebensraum, eine Szene gewidmet. Und Musik, besonders das Konzert "For my people", bindet die Geschichten zusammen, in Sehnsucht und in Trauer. Bewusst oder unbewusst wird dabei auch das Publikum in eine zwanghafte Lage gebracht: Die Sitzplätze reichen nicht, jeder der kleinen Räume im Postfuhramt, zwischen denen mit Sack und Pack auf schmalen Pfaden gewandert werden muss, ist beängstigend überfüllt. Aber trotz schlechter Sichtverhältnisse, hoher Temperatur und knapper Luft bleibt die Disziplin gewahrt, die Spannung in den von jedem "Draußen" abgeriegelten Räumen groß.

Denn den Spielern gelingt es, Geschichten aus großer Ruhe heraus, mit einer getragenen Langsamkeit zu entwickeln. Es gibt den Schrei des Entsetzens, die große, flehende Gebärde, das wütende Nichtverstehen und die stumme Ergebung, aber das Unspektakuläre, Stille bleibt immer bestimmend. Am bewegendsten in der Szene um den Artisten Asch, von dem nur eine Feder im Zirkus bleibt, die Feder, mit der er seinem Fliegen am Trapez nachsann. Dann kommt der Clown, sehr langsam, sehr traurig, findet die Feder, bringt sie noch einmal zum Taumeln - das Licht blendet aus.

Neun Darsteller geben diesen Szenen Leben, in liebevoll genau angedeuteten, auch surreal überhöhten Räumen. Nicht selten stehen, sitzen, hocken Zuschauer mitten im "Bild", es entsteht eine große Nähe zwischen Produzenten und Konsumenten. Den Zuhörern, Zuschauern fallen in dieser engen Gemeinschaft dabei verschiedene Aufgaben zu. Sie sind "Volk", Gemeinschaft in vielfältiger Weise, betroffen, angeklagt, schweigend, mitfühlend. Rahim Burhan (Regie), Milenko Goranovic (Text und Dramaturgie), Ferenc Snetberger (Musik) stehen an der Spitze eines Ensembles, das den besonderen Abend trägt mit hohem Ernst und der Bereitschaft, nicht nur mit denen, die gekommen sind, ins Gespräch zu kommen. Über Schuld, Verschweigen und Erinnern.

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