Kultur : Zauberei in tieferen Schichten

Götz Naleppa ist einer der bekanntesten Hörspielmacher des Landes. Heiligabend wird er 70 Jahre alt. Eine Vorfeier in Friedenau.

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Feinakustiker. Götz Naleppa in seiner Wohnung, in der er dank Heimstudio auch arbeiten kann. Foto: Mike Wolff
Feinakustiker. Götz Naleppa in seiner Wohnung, in der er dank Heimstudio auch arbeiten kann. Foto: Mike Wolff

Ein Ohrenmensch, natürlich, was wohl sonst. Das linke ist gleich mit mehreren Ringen geschmückt. Die sind leider kein Stammeszeichen der Hörspielmacher, sonst wäre ja jeder zweite Friseur in Berlin einer. Hörspielregisseure sind im Straßenbild weit weniger sichtbar. Sie kommen nur in schalldichten Räumen der Funkhäuser vor. Man kennt sie im Gegensatz zu Filmregisseuren auch gar nicht. Diesen hier schon, wenn man in den letzten 40 Jahren ab und zu die Ohren aufgemacht hat: Götz Naleppa. So lange prägt der Hörspielregisseur und Klangkünstler bereits die akustische Königsdisziplin in Berlin und Deutschland. Heiligabend wird er 70, was sein Haussender Deutschlandradio Kultur rund um das Datum mit einer Reihe von Ausstrahlungen seiner Sendungen feiert.

Nach Ruhestand sieht der drahtige Vater einer 13 Jahre alten Tochter nicht aus, wie er da so in der Bibliothek seiner Friedenauer Altbauwohnung sitzt. Am Vorabend erst ist er aus Paris zurückgeflogen, da war er Jurypräsident eines Klangkunstpreises. Der Fahrstuhl, mit dem er Gäste nach oben holt, ist ein Hörspiel für sich: Rumpel, pumpel setzt sich das pittoreske Gefährt in Bewegung, 105 klangmalerisch sehr ergiebige Jahre alt. Das Mobile bei Naleppas im Flur bietet mehr Schau- als Klangwerte. Die in der Luft tanzenden CD-Scheiben hat die Gattin zusammengebastelt. So geht Zweitverwertung im Klangkünstler-Haushalt. Rechter Hand liegt das kleine Heimstudio. Monitore, Mischpult, was man halt so braucht für die Postproduktion.

Die läuft heute digital, so wie die gesamte im Haus des Rundfunks in der Masurenallee oder im alten Rias- und jetzigen Deutschlandradio-Gebäude am Hans-Rosenthal-Platz laufende Hörspielproduktion. Naleppa, der Anfang der Siebziger zum Rias kam, findet das gut. Er sei froh darüber, noch die sinnliche, analoge Radiozeit erlebt zu haben, in der der Techniker ein Tonband durch den ganzen Raum spannen musste, um einen Loop zu basteln. „Aber durch die Digitalisierung ist ein großer Formenreichtum möglich geworden.“ Eine Demokratisierung der Hörkunst. Die Studioausrüstung wurde preisgünstiger. Ein Musikproduktionsprogramm wie Pro Tools ist bezahlbar. „Die Produktionsmittel liegen in der Hand der Produzenten“, zitiert er frei nach Karl Marx.

Er selbst arbeitet seit seinem Ausstieg als zuständiger Klangkunst-Redakteur von Deutschlandradio Kultur 2008 als freier Künstler und Regisseur. Mit den darstellenden Künsten hat Naleppa, der am 24. Dezember 1943 in Ostpreußen geboren wurde und in Stuttgart aufgewachsen ist, schon als revoltierender Student der Theaterwissenschaften, Germanistik und Kunstgeschichte angefangen. Da sprechen die Indizien ein eindeutiges Bild: Wohnort Friedenau, alte Ölmühle in Ligurien, 1970 Promotion an der Freien Universität – jawohl, der Hörspielmacher ist ein Alt-68er. „Das war die Zeit, in der ich aufgewacht bin.“ Zum ersten Mal.

Zum zweiten Mal geschieht das, als sein Lehrer Boleslaw Barlog das Schillertheater verlässt. Dort und am Schlossparktheater ist Naleppa fünf Jahre lang Regieassistent des legendären Theatermachers gewesen. Die Suche nach einem eigenen Regiejob bringt ihn dann zufällig zum Radio. Zum Rias unter die jungen wilden Hörspielmacher, die was anderes machen wollen als Innerlichkeitsnachkriegshörspiel im Stil von Günter Eich, als Chefdramaturg zum Südwestfunk, als Chef der Hörspielabteilung des Deutschlandradios in Berlin und Köln, als Gründer der Klangkunst-Werkstatt.

Er habe das ganze Zeug – und das meint zahllose, mit dem Prix Europa oder dem Prix Italia ausgezeichnete literarische Hörspiele und Klangkompositionen – nur gemacht, weil ihn das Hören so interessiere, sagt Götz Naleppa. „Dieser geheimnisvolle Vorgang.“ Seit der Steinzeit sei das nicht verschließbare Ohr das Warn- und Schutzorgan des Menschen. „Hören und damit auch das Hörspiel dringen in tiefere Bewusstseinsschichten ein, das hat Langzeitwirkung“, ist er überzeugt. Zudem sei jeder Hörer aktiv und drehe dazu im Kopf seinen eigenen Film. Das macht, dass das Hörkino im Gegensatz zum Augenkino nicht auf Überwältigung angelegt ist. Auch die akustisch aufwendigste Inszenierung hält immer eine vornehme Distanz. Das ist zugleich, was das Genre spröde macht.

Von dessen Lebendigkeit ist Naleppa wie eh und je überzeugt. Rund 500 Hörspiele produzieren die deutschen Rundfunkanstalten pro Jahr, rechnet er aus. Dazu kommen zahllose Produktionen, die von freien Mini-Labels herausgebracht werden. Und eine blühende Querverbindung zwischen DJ-Kultur und Klangkunst, wie sie jedes Jahr von Deutschlandradio Kultur und dem Club Berghain beim „Art’s Birthday“ zelebriert wird (wieder am 17. Januar, 20 Uhr, im Berghain).

Seit „Zauberei auf dem Sender“ von 1924, das als erstes in Deutschland ausgestrahltes Hörspiel gilt, hat sich hierzulande eine einzigartige Hörspielkultur entwickelt. „Darum beneiden uns Künstler in der ganzen Welt“, sagt Naleppa. Und der Boom der Hörbücher ist für ihn nur ein Beleg mehr, dass nach wie vor ein Hörpublikum existiert. Dem immer neue Klangerlebnisse zu bieten, betrachtet er als Kulturauftrag des öffentlich-rechtlichen Radios, auch wenn es in erster Linie ein journalistisches Medium ist. „Die Hörspielleute waren schon immer die Spinner. Aber die Klangkunst ist auch das Forschungslabor für das Radio insgesamt.“ Sozusagen die künstlerische, technische Avantgarde.

Dazu gehören akustische Experimente, wie Naleppa sie in den Siebzigern mit der Kunstkopfaufnahmetechnik fabriziert hat. Dazu gehört eine ständige Neubewertung von Klängen: Im Hörspiel dienen Geräusch und Musik dem Wort. Die abstraktere Klangkunst arbeitet mit denselben Mitteln, nur anders gemischt. „Nichts dient dem anderen“, sagt Naleppa. Und er geht noch einen Schritt weiter. „Für mich ist das Wort Klang, nicht gesprochene Literatur, und Stimmklang oder Naturgeräusch stehen gleichwertig nebeneinander.“ Selbstredend setzt er sie für einen Mystery-Krimi wie „Blutstein“ anders ein, als für das mit einer Band und dem Autor Raymond Federman als Sprecher des eigenen Textes eingespielte Stück „My Body in 9 Parts“. Von seiner Arbeit „Popol Vuh“ ganz zu schweigen, für die Götz Naleppa mit Schauspielern und Ureinwohnern im südamerikanischen Regenwald herumgestapft ist. Ostern wird ein Klangkunststück gesendet, an dem er drei Jahre gearbeitet hat. „Cantus Apium. Sieben Variationen über Vergil für Stimme und 15 Bienenvölker“. Klingt nach spannenden Klangmustern. Götz Naleppa nickt und spricht: „Die Frage ist, wie finde ich im Chaos Struktur?“ Hinhören kann manchmal helfen.

Hörspiel/Klangkunst zum 70. Geburtstag von Götz Naleppa auf Deutschlandradio Kultur: 23.12., 21.33 Uhr „Nebelsturm“, 27.12., 0.05 Uhr „Ilana’s Elegy“, 29.12., 14.05 Uhr „Das größte Abenteuer der Welt“ und 18.30 Uhr, „Fantastische Tragödie von der Zigeunerin Celestina“

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