Zeit SCHRIFTEN : Alle Wege führen nach Peking

Wirtschaftlich ist China westlichen Werten zugetan. Aber intellektuell? Statt sich mit den Helden des Liberalismus anzufreunden, liebäugelt es mit antimodernen Denkern wie Carl Schmitt oder Leo Strauss. So hat es der amerikanische Ideenhistoriker Mark Lilla bei seinem letzten Besuch erfahren.

Gregor Dotzauer

Der rundum aufgeklärte, in Individualismus gebadete und mit demokratischem Fortschrittsgeist gepuderte Westler, der empört sieht, wie autoritäre Staaten die Freiheitsrechte ihrer Bürger mit Füßen treten, empfiehlt auch China am liebsten: Bringt ihnen endlich die Segnungen des Liberalismus bei! Exportiert die Theorien von John Locke, John Stuart Mill und Isaiah Berlin! Immerhin hat man sich dort seit dem Ende des 19. Jahrhunderts schon mit Kant angefreundet, von dem Pragmatisten John Dewey inspirieren lassen und sogar die republikanischen Lektionen von Jürgen Habermas nicht verschmäht. Müsste der Siegeszug westlicher Werte, der die Wirtschaft erfasst zu haben scheint, nicht auch intellektuell durchschlagen?

Im „Leviathan“ (2/2011, www.leviathan-digital.de), der „Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft“, berichtet Mark Lilla, dass er in China sehr wohl geistige Verschiebungen erfahren habe – nur eben völlig andere, als man denkt. Mit einem pluralistisch geprägten Freiheitsbegriff, der die Autonomie des Einzelnen mit der Massengesellschaft vermittelt, behauptet der an der Columbia University lehrende Ideengeschichtler, braucht man dort niemandem zu kommen: nicht den regierenden Betonkommunisten, und schon gar nicht den durchaus weltläufigen, aber von einem elitären, neokonservativen Chauvinismus besessenen Akademikern, die sie früher oder später beerben werden.

Sie fliegen auf den antiliberalen Etatismus des katholischen Staatsrechtlers Carl Schmitt (1888–1985), der seine politische Theologie im Dienst der Nationalsozialisten kompromittierte, und man interessiert sich für die Schmitt nicht nur im Interesse für Hobbes und Machiavelli verwandte Figur des politischen Philosophen Leo Strauss (1899–1973). Als deutscher Jude, der auf Empfehlung des Antisemiten Schmitt 1932 mit einem Pariser Rockefeller-Stipendium über England in die USA gelangte, lehrte er von 1949 bis 1968 an der University of Chicago, wo man sein Andenken mit Leidenschaft pflegt (leostrausscenter.uchicago.edu). In ihrer nicht zuletzt religiös durchtränkten Vielschichtigkeit sind die beiden für keinen Chinesen mit Haut und Haaren zu verdauen, wohl aber in ihrem antimodernen Rochus und ihrer Neuinterpretation der Antike.

„Die Ära des geistigen Liberalismus, die in den achtziger Jahren begann und sich in den neunziger Jahren nicht nur in Osteuropa ausbreitete, sondern inselartig in der ganzen Welt, ist zu Ende“, schreibt Lilla in seinem zuerst in der „New Republic“ erschienenen Essay „Leo Strauss in Peking – Chinas merkwürdiges Interesse für westliche Philosophen“. „Schuld daran sind der politische Islamismus und die darauffolgenden Reaktionen des Westens ebenso wie die Kräfte der Globalisierung, die uns einen ,Neoliberalismus’ beschert haben.“

Die Chinesen träumen, wie ihm ein Student klarmachte, nicht davon, mit der lingua franca Englisch in die Welt auszuschwärmen, sondern mit Latein und Griechisch und ein paar Resten konfuzianischen Edelmutes ein neues Rom zu erbauen: „Liberales Denken, das spüren die jungen Leute heute, hilft ihnen nicht, die Dynamik des jetzigen chinesischen Lebens zu verstehen, und es bietet auch kein Modell für die Zukunft. So stimmten alle, mit denen ich sprach, quer durch das politische Spektrum, zu, dass China keinen schwächeren, sondern einen stärkeren Staat braucht – einen Staat, der Rechtssicherheit bietet, weniger kapriziös ist, die örtliche Korruption unter Kontrolle zu halten vermag und in der Lage ist, eine langfristige Planung vorzunehmen und durchzusetzen.“

Die chinesische Erfahrung muss Lilla auch deshalb verblüfft haben, weil er immer zu den liberalen Strauss-Lesern gehörte. Gegen Finsterlinge wie Paul Wolfowitz, den Kriegstreiber von George Bush Vater und Sohn, auch gegen den von einer neuen „Manliness“ schwärmenden Harvard-Straussianer Harvey Mansfield, der, wie Evan Osnos in der „New Yorker“-Reportage „Angry Youth“ (www.newyorker.com) berichtet, bereits in China predigte, hat er Strauss immer in Schutz genommen. In Deutschland, wo mit Heinrich Meier, dem Herausgeber der Gesammelten Schriften, jemand das Erbe hütet, der zum Dunstkreis der Neuen Rechten zählt, hat man Strauss bisher nur unzureichend wahrgenommen. Sollte uns nun ausgerechnet China dazu bringen?

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