Kultur : Zu alten Ufern

Vor der Leipziger Messe: Kleinere Verlage kaufen sich wieder aus den Konzernen frei. Gibt es einen neuen Trend zur Selbstständigkeit?

Jörg Plath

Die deutschsprachigen Verlage bevorzugten in den letzten Jahren die kapitalistische Variante der David-und-Goliath-Geschichte – in der stets Goliath siegt. Ein David nach dem anderen unterlag: Berlin Verlag, Siedler, Luchterhand, Frederking & Thaler, Kiepenheuer & Witsch, Heyne, Österreichischer Bundesverlag und andere wurden nach 1998 in Konzerne eingegliedert. Noch beherrschen diese den mittelständisch geprägten Markt zwar nicht, sie prägen ihn jedoch.

Nun heben einige der Davids aufs Neue ihr Haupt. Drei Verlage haben die Konzerne verlassen und sind in eine neue Selbständigkeit aufgebrochen: Frederking & Thaler und Kremayr & Scheriau lösten sich von Bertelsmann/Random House, Zabert Sandmann von den Buchverlagen der Axel Springer AG. Möglicherweise stößt noch Arnulf Conradi hinzu, der mit Bertelsmann über den Rückkauf des Berlin Verlages verhandelt. Ist die Zeit für die biblische Variante der David-und-Goliath-Geschichte gekommen?

Wenn man Monika Thaler zuhört, dann könnte man das glauben. „Wir haben mit dem Rückkauf unseres Verlages von Bertelsmann/Random House etwas los getreten“, sagt die temperamentvolle Frau, die die Branche 2002 zur „Verlegerin des Jahres“ gewählt wurde. Monika Thaler und ihr Mann Gert Frederking hatten ihren 1988 gegründeten Verlag, der mit hochwertigen Fotobänden, erzählenden Kultur- und Naturberichten, Kalendern sowie einer eigenen Taschenbuchreihe erfolgreich war, 1999 an Bertelsmann verkauft. Sie wollten „weiteres Wachstum ermöglichen“ und die Zukunft des Unternehmens sichern. Monika Thaler blieb Geschäftsführerin und Verlegerin, Gert Frederking, der vor dem eigenen Verlag unter anderem Goldmann geleitet hatte, trat an die Spitze des defizitären Bertelsmann Club. „Bei Bertelsmann hatte ich“, beteuert Monika Thaler, „inhaltlich-programmatisch freie Hand. Man stellt sich die Arbeit im Konzern nicht so vor, aber so war es. Allerdings: Bei allen Planungen sind die Vorgaben des Controlling die erste und letzte Instanz.“

Als Bertelsmann im Frühjahr 2002 beschloss, sich auf Kernkompetenzen zu beschränken und die Verlage mit Farbdruck zur Disposition stellte, fürchteten die Unternehmensgründer die Schließung ihres Lebenswerks. Sie kauften den Verlag für einen Betrag zurück, der, so Gert Frederking, in etwa anderthalb Jahren abbezahlt sein wird. Damit dürfte der Preis deutlich unter dem Verkaufspreis von 1998 liegen – ein gutes Geschäft. „Wir wollten auch ein Zeichen für jüngere Kollegen setzen", sagt Gert Frederking: „Traut euch was.“ Das erste Geschäftsjahr ist, obwohl die Taschenbuchreihe bei Bertelsmann blieb, blendend gelaufen. Der im letzten Jahr mit sieben Angestellten erwirtschaftete Umsatz liegt über dem von 1998, dem letzten Jahr der Selbstständigkeit.

Kaufen statt schließen

Soweit ist man bei Kremayr & Scheriau, einem Verlag für Austriaca, Sachbücher zur österreichischen Zeitgeschichte, Biografien und Krimis, noch nicht. 1966 ging der Wiener Verlag, zu dem der Orac Sachbuchverlag und die Buchgemeinschaft Donauland gehört, in den Besitz von Bertelsmann über. Miteigentümer Martin Scheriau (25 Prozent) wollte die drohende Schließung verhindern und übernahm im November für 50000 Euro die Konzern-Anteile an dem von seinem Vater mitgegründeten Verlag; Donauland verbleibt bei Bertelsmann. Scheriau macht sich keine Illusionen über die Renditen im Verlagswesen. „Ich will nicht reich werden. Ich möchte schöne und politische Bücher machen und mich nicht für irgendwelche Titel genieren müssen.“ Als Verleger und Mitgesellschafter holte sich Martin Scheriau Leo Mazakarini zurück. Mazakarini ist Filmschauspieler, Romanautor, war Cheflektor und Verleger bei Böhlau und ab 1990 Verleger bei Kremayr & Scheriau. Bei Bertelsmann hatte er wie Monika Thaler freie Hand, verließ das Haus jedoch 2000, als nach dem Kauf von Random House die Buchverlage von New York aus geleitet wurden und es zu „Entscheidungsgeschiebe“ kam. „Ich habe dann einen Roman geschrieben über einen großen Konzern in einem kleinen Land, der leider nicht fertig geworden ist“, erzählt der 66-Jährige.

Das erste Programm wird im Herbst erscheinen, 20 Titel sollen die fünf Angestellten jährlich produzieren. Mazakarini setzt auf traditionelle verlegerische Werte wie Qualität, regionale Orientierung, und er will Bücher lange lieferbar halten. „Die Giganten machen sich selbst fragwürdig. Ich habe einmal den befreundeten Chef eines internationalen Unternehmens gefragt, wie er den Betrieb führt. Er sagte: Ich sitze auf einem großen Elefanten und bilde mir ein, ich führe ihn.“

Der Vorzug der Elefanten

Nun sind Elefanten recht kluge Tiere, die ihre Schritte gut überlegen, sonst geraten sie schnell ins Straucheln. Konzerne bieten noch weitere Vorteile: Sie besitzen Akquisitions-, Vertriebs- und Werbemacht. Sie können hohe Vorschüsse zahlen, in den eigenen Medien werben, Autoren durch mehrere Verwertungsstufen von Hardcover über Taschenbuch und Hörbuch bis zur Verfilmung bessere Konditionen bieten, die kleinste Buchhandlung erreichen und die Ansprüche der größten befriedigen. Von alldem haben spezialisierte Verlage allerdings zuweilen wenig und müssen den Apparat dennoch mitfinanzieren. Der Blessing Verlag etwa zahlt im Münchner Bertelsmann-Gebäude eine höhere Miete als am Markt.

„Ich hätte das Handbuch der Klosterheilkunde nie durch das Controlling bekommen“, schüttelt Friedrich-Karl Sandmann von Zabert Sandmann den Kopf. „450 Seiten, 200 000 Euro Produktionskosten – undenkbar." Heute ist das Handbuch mit 40 000 verkauften Exemplaren ein Bestseller des Verlages, der 10 Mitarbeiter beschäftigt, mit Kochbüchern sowie Titeln zu Wein und Gesundheit 7,5 Millionen Euro umsetzt und ebenfalls aus einem Konzern ausgeschert ist. Zabert Sandmann war ab 1991 mit dem Heyne Verlag verbunden, der für ihn Vertrieb und Finanzwesen abwickelte. Als Rolf Heyne wenige Tage vor seinem Tod im Dezember 2000 an die Axel Springer Buchverlage verkaufte, fand sich Sandmann im Konzern wieder. Mit Hilfe einer staatlichen Beteiligungsgesellschaft für den Mittelstand kaufte der Miteigentümer Sandmann Anfang dieses Jahres den Verlag von Springer für „mehrere Millionen Euro“ zurück. Vertrieb und Presse werden von der Verlagsgruppe Heyne Ullstein List übernommen, die ihrerseits im Februar an Bertelsmann verkauft wurde.

Allzuviel Optimismus bei den Kleinen scheint allerdings nicht angebracht. Wenn Bertelsmann manche seiner Verlage wieder verkauft und Springer gleich alle, dann handelt es sich um eine Bereinigung des Goliath’schen Portefeuilles, nicht um einen Sieg Davids. Die vermeintliche Entkonzentration ist eine Folge der Konzentration, nicht ihr Ende. Von Zeit zu Zeit prüft man eben nach, was sich rechnet und was nicht, was passt und was nicht – programmatisch, menschlich, strategisch. Manches Unternehmen wird dann geschlossen – zum Beispiel Volk & Welt –, manches wieder verkauft. So einfach ist das.

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