• Zu Besuch bei dem Dichter und Denker der nationalen und internationalen Szene (Portrait)

Kultur : Zu Besuch bei dem Dichter und Denker der nationalen und internationalen Szene (Portrait)

Peter von Becker

An seinem Briefkasten klebt ein Schild: "Pakete und Päckchen für Enzensberger werden im Himalaja-Laden angenommen (und umgekehrt)." Der Laden, der die bunte, besinnliche Kunst vom Dach der Welt verkauft, liegt im Erdgeschoss des aus Glas und Beton im Rohgrau der 70er Jahre erbauten Appartementhauses. Im obersten Stock hat Hans Magnus Enzensberger seine lichte, nach allen Sonnenseiten ausgerichtete Arbeitswohnung, moderner Schnitt und gediegene Stilmöbel, Blick über die Dächer der Schwabinger Altbauten nahe dem Englischen Garten. Unten also der Himalaja, und der Dichter hoch darüber im Olymp.

Das Olympische freilich, das Gravitätische und gar Feierliche sind dem heute Siebzigjährigen völlig fremd. Über die Aufmerksamkeiten zu seinem Geburtstag, über Sonderpublikationen und Biografien, Theaterpremieren und eine in mehrere europäische Länder ausgestrahlte Fernseh-Dokumentation, darüber will sich Hans Magnus Enzensberger keineswegs beklagen. Das alles sei sehr freundlich, schmeichle zugegebenermaßen der Eitelkeit und schade natürlich nicht dem von HME mit dem Blick des Börsenkenners beobachteten eigenen Marktwert. Zugleich aber erinnert ihn diese öffentliche Zuneigung an eine Ordensverleihung: "Alle heften dir ein Ehrenzeichen an die Brust, das ist im Grunde peinlich." Und springt auf, serviert aus der wohlbestückten kleinen Bar gegenüber der Besuchersitzecke einen sehr guten, sehr trockenen Sherry.

Figur eines Tänzers, Cäsarenschnitt

Bis heute hat er etwas von einem alternden Jüngling. Die Figur eines Tänzers, schlanke Glieder, das einstmals blonde Haar ist weiß geworden, doch fällt es noch immer, halb Pony, halb Cäsarenschnitt, in die Stirn. Wache, schnell amüsierte Katzenaugen, und der leicht vorspringende Mund scheint jederzeit gespitzt, geschürzt zu dem berühmt ironischen Enzensbergerlächeln. Sein Ernst oder sogar Zorn wirkt dann umso jäher. Hierüber gleich mehr.

Enzensberger ist neben Günter Grass Deutschlands berühmtester Schriftsteller. Und ist im Wortsinne wie kein anderer auf der nationalen und internationalen Szene der Dichter und Denker. Als Grass Ende der fünfziger Jahre mit der wild schweifenden, barock fabulierenden "Blechtrommel" einen Ton der Weltliteratur anschlug, fegte der phänomenal frühgebildete, federleicht und peitschenscharf formulierende junge Enzensberger als Lyriker und Essayist mit einer bis dahin unbekannten neuen Weltläufigkeit in die adenauerdeutsche Nachkriegsgesellschaft. Am ersten Narrentag, am 11. 11. 1929, im Allgäu geboren, wuchs er in Nürnberg auf, war 1944/45 im Volkssturm, arbeitete nach dem Krieg und vor dem Abitur auch als Barmann in einem Offizierskasino der Royal Air Force in Nördlingen, studierte dann als einer der ersten deutschen Stipendiaten an der Sorbonne, wollte später in Erlangen über Hitlers Rhetorik promovieren, was in den 50er Jahren unmöglich war, also wählte er Brentanos romantische Poetik.

In schneller Folge wird er Radioredakteur beim Süddeutschen Rundfunk, Verlagslektor bei Suhrkamp, lebt, lehrt, schreibt als kaum 30-Jähriger bereits in den USA, in Mexiko, Norwegen und Italien. Vier Jahrzehnte später fragen wir, wie viele Sprachen er bis heute spricht. Und er antwortet: "Sechs oder sieben, nur die Nachbarsprachen." Vom Russischen bis zum Spanischen, von Schwedisch bis Italienisch, bloß Ungarisch nicht.

Bereits sein erster Gedichtband, die "Verteidigung der Wölfe" (gegen die Lämmer, die Lammfrommen), macht Enzensberger 1957 bekannt, und seine Essays über die "Bewusstseinsindustrie", seine Attacken auf den "Spiegel", auf die "Bild-Zeitung" und die "FAZ", seine Idee, den Neckermann-Katalog als das neue Volksbuch der Deutschen zu rezensieren, machen ihn berühmt. Heute, schrieb der mit ihm längst versöhnte "Spiegel", erhält HME für seine Aufsätze pro Buchstabe eine Mark fünfzig, das rechnet sich als "Spiegel-Essay" mit 30 000 Mark.

Ein illustrer Jubilar. "Aber ich bin lieber eine Hintergrundfigur. Ich bin kein Mensch für die Bühne, war nie in einer Talkshow, gehe nicht ins Fernsehen." Und doch sieht man ihn seit den 60er Jahren im Fadenkreuz der politischen und intellektuellen Debatten. Ob es um den Vietnam-Krieg oder den (verfrüht verkündeten) Tod der Literatur, um den Neuen Menschen in China, die Neureichen in Deutschland oder Saddam Hussein als Hitlers Wiedergänger ging: Enzensberger war ein Wortführer, und Fotos von 1966 zeigen ihn vor Zehntausenden auf dem Frankfurter Römer gegen die Notstandsgesetze reden. Enzensberger schüttelt den Kopf. "Es ist eine komische Nachrede, dass ich einer sei, der sich überall einmischt. Dabei gibt es große Aspekte der Gegenwart, die mir völlig fremd sind. Ich bin Fußgänger, kann nicht Auto fahren, treibe keinen Sport." Jetzt lacht der Flaneur ohne Führerschein. "Schreckliche Vorstellung: an allem teilzunehmen!" Er liebt die leise List, und seine Finger machen eine pianistische Luftübung: "Ein bisschen - Drahtzieherei."

Doch wann mischt er sich publizistisch ein, wann eröffnet er die Debatte? "Die Spielregel ist ganz einfach: Man mischt sich ein, wenn etwas nicht gesagt wird, was man hören will. Strategisch ist dabei entscheidend, nicht zu reagieren, sondern die Initiative zu ergreifen." Dem Chor der Diskutanten zum Berliner Holocaust-Mahnmal oder zur Walser-Bubis-Debatte wollte er nicht beitreten. Die aktuelle Publizität des Themas "Berliner Republik" hält er immerhin "feuilleton-strategisch" für verständlich. Enzensberger kennt Berlin, er hat in den 60er Jahren neben Grass, Max Frisch, Uwe Johnson zur Berlin-Friedenauer Schriftstellerrepublik gehört und dort 1965 die Zeitschrift "Kursbuch" gegründet: als intellektuelles Zentralorgan nicht nur der beginnenden Außerparlamentarischen Opposition, sondern als geistigen Weckdienst aller grauen, roten und schwarzen Zellen einer zwischen Frühverkalkung und Spätpubertät hin- und hergerissenen Bundesrepublik. Auch den Mauerfall hat er 1987 in seinem Band "Ach Europa!", einem Klassiker der halbfiktionalen Reportage, mit einer noch jetzt verblüffenden Berlin-Vision vorherbeschrieben.

Trotz aller Definitionsmacht: Mit soviel Geschichte wäre Enzensberger bei den jüngst anschwellenden Berlingesängen nicht mehr der neue Stimmgeber, er gehörte eher zu den alten Chorknaben. Darum ist Berlin für ihn kein großes Thema. Was sollte Enzensberger, der nach vielen Weltwanderungen in München lebt und lieber in Lima seine neuen Gedichte liest als in Leipzig oder Düsseldorf - "im Inland ist mir der Resonanzboden zu vertraut" -, was sollte er hierzu sagen? "Niemand hat Angst vor Berlin, das Unken von einem neuen Wilhelminismus war Quatsch. Es gibt die Balance des Föderalismus, und natürlich ist es gut, dass die Politik jetzt in einer Stadt gemacht wird. Bonn war ja der Kuss des Todes."

"Die können mich am Arsch lecken!"

Über die neue Bundesregierung hat er sich keine Illusionen gemacht. Einen "Politikwechsel" von oben könne es in so komplexen Gemeinwesen wie dem der Bundesrepublik ohnehin nicht mehr geben. Dennoch, Nadelstiche der Politik spürt auch er. Zum Beispiel das 630-Mark-Gesetz. Da habe ihm, der als Autor, Herausgeber, Übersetzer und Erfinder von Zeitschriften und Buchreihen "noch nie eine Sekretärin, nie einen Apparat" besessen habe, ein großer deutscher Sender ein Formular ins Haus geschickt; darauf hätte er angeben und begründen sollen, ob er "selbständig" sei. Sekundenlang vergeht ihm die Laune, und dem eleganten Geist schießt das Blut in den Kopf: "Die können mich doch am Arsch lecken!"

Ähnlich erregt ihn nur, als das Gespräch, sanftmütig rückschauend, um den Poeten der Revolte kreist, um den, der einst das Ende des Kapitalismus ausrief und auf Kuba vergeblich das Eiland der Zukunft suchte. HME hat alle Illusionen und Irrtümer eingestanden, hat sie scharfsinnig erklärt, aber nie bereut. Er wollte als Beobachter teilnehmen, wollte kein Elfenbeintürmer bleiben - und Kuba, das war 1968/69 die "best case analysis". Die schlechteren Fälle, "die DDR und die Sowjetunion", kannte er schon. Er nennt das eine "heuristische Erfahrung". Plötzlich aber flammt etwas auf, und Enzensberger ruft jäh und fast bebend aus: "Ich bin kein Veteran!" Will heißen, kein Alt-68er, kein Rückgewandter. Denn, sagt er nun wieder lächelnd: "Ich bin ein Experte des real Existierenden."

Ein Gedichte- und Geschichten-Erfinder, doch kein Träumer. Sein Vater war Ingenieur und höherer Beamter der Post. Er hatte die Automatisierung des Telefonverkehrs vorangetrieben und in Nordbayern das "Fräulein vom Amt" durch die Fernwahl ersetzt. Auch der musische Sohn Hans Magnus war von Hause aus nie technologiefeindlich, er hat das Wort "Kybernetik" schon Mitte der fünfziger Jahre ins deutsche Gedicht eingeführt, würde sich aber an der "Sloterdijk-Debatte" erst beteiligen, wenn er zwei Jahre Gen-Technik studiert hätte. Philosophen und die Naturwissenschaft, für Enzensberger auch eine Geschichte der Blamagen: "Lesen Sie mal nach, was Schlegel über die Elektrizität geschrieben hat!"

Hübsche Spiele und doch mehr

Enzensbergers Hobby, das wissen nur wenige, ist die Mathematik. Als er hiervon 1997, im Gewand eines Kinder- und Jugendbuchs, mit der Geschichte vom "Zahlenteufel" eine Kostprobe gab, hielt die Literaturkritik das für eine hübsche Spielerei. Doch hat ihm dieser kleine, gewitzte "Zahlenteufel" erstmals einen richtigen Bestseller beschert: 150 000 verkaufte Exemplare in Deutschland, über eine halbe Million in den Übersetzungen. Das war für ihn selbst vollkommen überraschend und macht ihn stolzer als manch lyrisches Gelingen. "Unsere ganze Technologie beruht auf Mathematik", und jetzt laden ihn Fachleute bereits zu Gesprächen und Vorträgen ein. Man spürt: Hier ist die private Leidenschaft eines Menschen berührt, für dessen Intelligenz und Neugier ein Beruf, ein Leben kaum ausreicht.

Die andere, die Lebensleidenschaft ist die Leseleidenschaft. Hier und in der unweit gelegenen zweiten Wohnung, in der Hans Magnus Enzensberger mit seiner dritten Frau und der 13-jährigen Tochter Theresia lebt, gehören die meisten Wände den Büchern. Inzwischen muss für jedes neue Buch ein anderes weichen. Was nicht nur Platzgründe hat. "Dieses Prinzip verbessert die Bibliothek!", sagt er heiter - und nun wollen wir eine seiner Erstausgaben sehen. Enzensberger wehrt ab, Bücher seien Produktions- und Genussmittel, aber er sei kein Bibliophiler. Natürlich, Diderot, von diesem "Hausgott" hat er Originalausgaben erworben, ebenso das Heftchen, in dem zuerst Gottfried Benns Gedicht von der "Morgue" stand. Jetzt zieht er, schon wartet unten das Taxi, eine frühe Ausgabe von Ariosts "Orlando furioso" (1516) heraus, und darin fällt Enzensbergers "Ex libris", die persönliche Kennzeichnung seiner Bücher, ins Auge. Unter dem Signum "HME" ist die Federzeichnung einer gestreiften Katze im Profil zu sehen: den Kopf nach oben gereckt, witternd, ein graziöses, auch zärtliches Raubtier.

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