Zu Besuch bei Jürgen Böttcher : Sanft sein und brüllen können

Jürgen Böttchers „Jahrgang 45“ läuft bei in der Berlinale-Sektion CLASSICS. Ein Besuch bei dem Maler und Regisseur, auch Strawalde genannt.

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„Jahrgang 45“. Monika Hildebrand und Rolf Römer in Böttchers Spielfilm von 1966/90, der am Sonnabend digital restauriert wiederaufgeführt wird.
„Jahrgang 45“. Monika Hildebrand und Rolf Römer in Böttchers Spielfilm von 1966/90, der am Sonnabend digital restauriert...Foto: Delta Stiftung / Roland Gräf

Sie müssen aber Ihre Schuhe abtreten, wenn Sie wieder gehen!, sagt Jürgen Böttcher, als er die Tür öffnet. Ein Blick auf den Mann genügt, um zu wissen: Das ist keine leicht verunglückte Aufforderung, bei ihm auf Strümpfen zu laufen. Dies sei eine Malerwohnung, und man könne nie wissen, wo man da reintritt, fügt Böttcher erklärend an, die Verwirrung seiner Gäste bemerkend. Sie wird in den nächsten Stunden kontinuierlich zunehmen.

Böttcher, der Maler, der ein Filmemacher ist. Böttcher, der Filmemacher, der ein Maler ist. Als Maler nennt er sich Strawalde, nach dem Lausitzer Dorf seiner Kindheit. Böttcher, der Regisseur, der einen einzigen Spielfilm drehte in der DDR. Den vielleicht einzigen Nicht-Defa-Film bei der Defa. Das ist nun ein halbes Jahrhundert her, und genau vor einem Vierteljahrhundert wurde dieser Film zum ersten Mal gezeigt: 1990. Surreale Zeiträume. Und in ebensolche Welten führen auch Böttchers Filme: Es ist ein Surrealismus, aus lauter Realismen gewoben.

Es riecht nach Ölfarben in den weiten Zimmern. An den Wänden lehnen große Bilder. Es ist vollkommen klar, dass diese Wohnung ihnen gehört, die Gegenstände haben längst die Herrschaft übernommen, Böttcher ist hier nur noch geduldet. Es werden immer mehr Leinwände, denn der Maler malt, aber kaum einer will seine Bilder kaufen. Dabei schienen der Ruhm und das Geld ihn zu verfolgen nach 1990. Es ist seltsam, es ist eine der vielen Seltsamkeiten seines Lebens.

Jürgen Böttcher
Jürgen BöttcherFoto: Manfred Thomas/Tsp

Jürgen Böttcher sieht aus wie sechzig

Jürgen Böttcher ist jetzt 83 Jahre alt und sieht aus wie ein Mann um die sechzig, als hätte das Alter ihn vergessen. Er hat Tee gemacht. Es genügt zu sehen, wie Böttcher eine Teetasse hält, um seine Ästhetik zu verstehen. Es liegt eine unendliche Zärtlichkeit, eine große Behutsamkeit darin. Was Jürgen Böttcher anfasst, wird durch seine Berührung zur Kostbarkeit.

„Jahrgang 45“ also. Es ist die Geschichte von Al und Li, von Alfred und Lisa. Sie ist Säuglingsschwester, er ist Automechaniker. Beide glauben, dass ihre Heirat ein Irrtum war, viel zu früh, eine Selbstinternierung, noch bevor sie die Freiheit kannten, die das Leben ist. Und jetzt will Al sich scheiden lassen. Bei gewöhnlichen Filmen darf man so beginnen, bei diesem heißt es, ihn von vornherein zu verfehlen. Denn eigentlich ist „Jahrgang 45“ nichts weiter als eine große atmosphärische Verdichtung, gemacht aus Gesten und Blicken, aus kleinsten Welteröffnungen, tastend, spielerisch, wegwerfend auch. So steht Rolf Römers Al auf seinem Balkon, irgendwo in Berlin. Der Tag liegt vor ihm wie das Leben: ungeheuer weit, ungeheuer ziellos, Verheißung und Abgrund zugleich.

Er habe da von diesem Film gehört, den er plane, sagte Römer damals zu Böttcher, und dass er es für seine Pflicht hielte, ihm mitzuteilen, dass er Al sei. Er müsse das spielen.

Auf dich wäre ich nun gar nicht gekommen, wollte Böttcher schon antworten, denn sie kannten sich von der Filmhochschule und ihre gegenseitigen Sympathien hielten sich sehr in Grenzen. Aber etwas ließ Böttcher innehalten und seine kinematografische Intelligenz sagte ihm: Warum eigentlich nicht?

Die Reaktion schon im Studio bei der Rohschnittabnahme, war Wut. Böttcher erinnert sich genau: Das sei die „Heroisierung des Abseitigen“, schrie ein Kollege.

Leonid Breschnew verhinderte Böttchers Film

Böttchers „Jahrgang 45“ geriet 1966 in die Nachwelle der Hysterie des 11. Plenums der Staatspartei, das ursprünglich die DDR-Wirtschaft der Marktlogik öffnen wollte. Leonid Breschnew, der neue erste Mann in Moskau, hat es in letzter Sekunde verhindert. Eine neue Eiszeit brach an, fast die ganze Defa-Jahresproduktion 1965/66 landete in den Panzerschränken des Spielfilmstudios. Böttcher erhielt Hausverbot wie auch an der Filmhochschule, nicht einmal seinen Schauspielern durfte er den Rohschnitt zeigen.

„Jahrgang 45“ wieder zu sehen, heißt zu ahnen, dass dieser Film selbst bei anhaltendem Tauwetter nie den Weg in die Kinos gefunden hätte. Sein ganzer Gestus schien den machthabenden Überlebenden des Dritten Reichs ins Gesicht zu schlagen: Für einen wie Al haben wir nicht gekämpft, für diese Jugend haben wir nicht in den Lagern gesessen! Doch genau diese Ungerechtigkeit der Generationen gegeneinander, ihre Sprachlosigkeit ist das Thema des Films, darum der Titel „Jahrgang 45“. Es geht um die, die 1965 zwanzig waren: eine Jugend wie eine Unbestimmtheitsrelation, zum Hedonismus sehr begabt, mit anderen Talenten noch nicht hervorgetreten.

Und vielleicht das Schlimmste: Die meinende Sprache ist in „Jahrgang 45“ nur eine Sprache unter vielen, und bei Weitem nicht die wichtigste.

Vielleicht hat Jürgen Böttcher die Staatsführung als einziger je angeschrien

Es entspricht der Weltwahrnehmung des Jürgen Böttcher. Wenn er von Begegnungen seines Lebens berichtet, gibt er nicht zuerst wieder, was einer gesagt hat, sondern wie der Rauch seiner Zigarette sich in diesem Augenblick zog. Es gibt nichts Wesentlicheres als das Unwesentliche, glaubt Böttcher. So drehte er auch seine Dokumentarfilme.

„Wäscherinnen“ etwa oder „Ofenbauer“. Der verfilmt noch das ganze Branchenbuch, mutmaßten die, die ihn nie verstanden. Für „Rangierer“ bekam er 1987 beim australischen Eisenbahnfilmfestival den Grand Prix, das „Goldene Gleis“. 20 Minuten lang rangierende Züge, aber wie! Die Sprache der Schienen wird irgendwann zur Musik.

Das Irritierende an Böttcher ist: Bei all seiner Sanftheit, trotz seines mimetischen Ausnahmetalents ist er doch auch des Gegenteils fähig. Vielleicht war Jürgen Böttcher der Einzige, der die Vertreter der Partei- und Staatsführung der DDR je angeschrien hat. „Ich kann unglaublich brüllen, das habe ich von meinem Vater“, sagt er. Seltsam genug, nahmen die Genossen das hin. Sie fühlten sich lebendig in diesen Augenblicken, vermutet der Ungebärdige. Irgendwann nannten sie ihn Spartakus. Einer, der den Sklavenaufstand probt: allein.

Das ist er wohl geblieben.

Alle seine Gefährten waren irgendwann weg, Penck, der Maler, Freund Biermann sowieso. Aber Böttcher blieb, eisern. Er misstraute dem Kapitalismus, das macht er noch immer.

Böttchers Telefon klingelt. Es ist seine Li von damals, Monika Hildebrand. Aber Al, Rolf Römer, wird fehlen bei der Vorführung der digital restaurierten Fassung. Vor fünfzehn Jahren erlitt er schwerste Verbrennungen bei dem Versuch, seinen Garten mit Moos-Ex zu behandeln. Al blieb die Rolle seines Lebens, auch wenn er viele andere spielte.

7.2., 11 Uhr (Cinemaxx 8)