Zubin Mehta und die Staatskapelle : Diese schöne Welt

Mit seiner dritten Sinfonie wollte Gustav Mahler nicht weniger als die Welt umgreifen. Zubin Mehta und die Staatskapelle lassen die Musik schäumen und wogen.

von
Zubin Mehta
Zubin MehtaFoto: AFP

Jede Aufführung von Gustav Mahlers dritter Sinfonie hat etwas Überwältigendes: 90 Minuten Aufführungsdauer, 200 Mitwirkende! Und erst die Gedankenleistung des Dirigenten, wenn er, wie jetzt Zubin Mehta, das Orchester auswendig durch die Monsterpartitur führt. Ein Kraftakt.

1902, bei der vom Komponisten geleiteten Uraufführung in Krefeld, wurde nach der gut halbstündigen „1. Abteilung“ eine Pause eingelegt, zum Verschnaufen für Publikum und Musiker. Heute wird natürlich durchgespielt, auch am Montag in der Philharmonie. Die Staatskapelle folgt ihrem 79-jährigen Ehrendirigenten mit maximaler Konzentration, aus dem prachtvollen Ensembleklang ragen tolle Einzelleistungen heraus, die Solotrompete im Eröffnungssatz, die Holzbläser im dritten.

Gustav Mahler wollte mit dieser Sinfonie nicht weniger, als die ganze Welt umgreifen, die inneren Verbindungen zwischen Natur und Religion erhellen, ja selbst die abstrakten Begriffe Denken, Fühlen und Handeln in Musik zwingen. Zubin Mehta versucht nicht, diesen Anspruch des Komponisten dadurch zu unterstützen, dass er innerhalb der sechs Sätze klanglich zuspitzt. Auf eine sehr organische Art lässt er die Musik schäumen und wogen, führt sie durch Täler des Leisen und auf Gipfel des Fortissimo, mit großer handwerklicher Souveränität und ohne Angst vor Momenten hollywoodesker Überwältigungsästhetik.

Schaut euch um auf unserer schönen Welt

Die „unübersehbaren Arbeiterbataillone“ aber, die Richard Strauss im Eröffnungssatz hörte, begegnen einem so nicht, ebenso wenig wie Tierlaute, Klezmerklänge oder fratzenhafte Hässlichkeit – Aspekte, die andere Dirigenten durchaus in der Dritten entdecken.

Einen sehr sanften Serenadenton schlägt Mehta im Misterioso an, lässt Okka von der Damerau mit ihrem wunderbaren, hell leuchtenden Mezzosopran den raunenden Friedrich-Nietzsche-Text ebenso naiv vortragen wie anschließend den Kinder- und Damenchor die sublimierten Volksliedverse.

Erst ganz am Ende wechselt der Maestro dann doch noch von der sehr irdischen Schaut-euch-um-auf-unserer-schönen-Welt-Perspektive ins Metaphysische: Berauschend wie ein Blick aus dem All auf unseren blauen Planeten wirkt der Finalsatz, unendlich zart und zerbrechlich im Klang, tief empfunden und mit meisterhaft angelegten Steigerungen vom nahezu Lautlosen bis hin zum kollektiven Schrei. Großer Jubel im Saal.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben