Kultur : Zug um Zug

Action ohne Adrenalin: Tony Scotts „Unstoppable“

von
Aus Erfahrung gut. Wenn gefährliche
Aus Erfahrung gut. Wenn gefährliche

Gerade mal ein Jahr liegt es zurück, dass Denzel Washington unter der Regie von Tony Scott „Die Entführung der U-Bahn Pelham 123“ beendet hat. Jetzt stoppen die beiden schon wieder eine Bahn und in der Verleihankündigung wird allen Ernstes behauptet, dieses Thema sei lange nicht mehr behandelt worden.

Kino vom Fließband ist zu befürchten, doch man erlebt eine angenehme Überraschung. Tony Scott, Jahrgang 1944, der jüngere und von Kritikern wenig geliebte Bruder Ridley Scotts, hat sich endlich beruhigt. Statt wie einst in „Top Gun“ auf Adrenalinschocks zu setzen, begnügt er sich lange mit Milieuschilderungen für Eisenbahnfans. Es gibt hinreißende Totalen von Bahnnetzen und man erlebt den Alltag der Arbeiter, lernt erfahrene Männer kennen, die sich über Neulinge lustig machen und ihnen dieselben Fallen stellen, in die sie selbst einst getappt sind.

Zugführer Frank Barnes (Denzel Washington) hat nicht nur mehr Berufserfahrung als der ihm zugeteilte Will Colson (Chris Pine), er kann sich auch nach Feierabend auf ein intaktes Familienleben freuen, während Will eine bittere Trennung verarbeiten muss. Dieser Gegensatz wird beiläufig und leise, also realistisch vermittelt. Selbst die Katastrophe wird ruhig inszeniert: Ein etwas übergewichtiger Zugführer steigt kurz aus, um ein Gleis umzustellen – und der Zug, mit hochgiftigen Chemikalien beladen, setzt sich ohne ihn in Bewegung und rast bald auf dicht besiedelte Wohngebiete zu. Tony Scott verzichtet auf hektische Schnitte oder Zooms, auch auf alarmierende Musik. So hat die Zuschauerfantasie ungleich mehr Raum, sich die drohende Katastrophe auszumalen.

Eine schöne Rolle hat Rosario Dawson als Rangiermeisterin, bedrängt von Geschäftsleuten, denen die Rettung des Giftmülls wichtiger ist als Menschenleben. Idealisten gegen Kapitalisten: Scott verwendet dieselben publikumswirksamen Zutaten wie früher, protzt aber nicht damit. Sein nächstes Projekt heißt „Potsdamer Platz“. Ein außer Kontrolle geratener Zug dürfte darin wohl kaum eine Rolle spielen.

In 16 Kinos; Originalversion im Cinestar SonyCenter

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