Zum 200. Geburtstag von Georg Büchner : Des Dichters Locke

Revolutionär mit Feder und Skalpell: Darmstadt würdigt den großen Autor mit einer Mammut-Ausstellung, die über 400 Objekte vereint, angefangen mit dem Taufregister.

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Ist er es? Die erst in diesem Frühjahr entdeckte Bleistiftzeichnung von August Hoffmann aus dem Jahr 1833 könnte ein Porträt Georg Büchners sein.
Ist er es? Die erst in diesem Frühjahr entdeckte Bleistiftzeichnung von August Hoffmann aus dem Jahr 1833 könnte ein Porträt Georg...Foto: Universitätsarchiv Gießen

Was für ein kulturelles Jubiläumsjubeljahr: voll runder Geburts- und Todestage, von Wagner zu Verdi, von Jean Paul bis Albert Camus. Eben noch haben wir uns daran erinnert, dass im November vor 300 Jahren Laurence Sterne geboren wurde, der mit „Leben und Ansichten von Tristam Shandy“ das Genre des modernen Romans begründet hat, schon kommen erste Ankündigungen für den April 2014. England will den 450. Geburtstag William Shakespeares feiern. Das klingt zwar nicht richtig rund, aber es geht halt: um Shakespeare. Wenn es nur kein Aprilscherz ist, weil die Identität des Schauspielers und Geschäftsmanns William S. mit dem Barden längst nicht mehr als sicher gilt.

In Georg Büchner freilich „hätte Deutschland seinen Shakespeare bekommen“. Das hat ein Zeitgenosse und Freund dem im Oktober vor 200 Jahren in Goddelau bei Darmstadt geborenen und mit nur 24 Jahren in Zürich dem Typhus erlegenen Dichter einst nachgerufen (Tsp. vom 16. 10.). Darmstadt zeigt nun die größte Ausstellung, die einem Autor seit langem beschert worden ist. Unter dem Signum „Georg Büchner. Revolutionär mit Feder und Skalpell“ werden im „Darmstadtium“ über 400 Objekte dargeboten.

Eigentlich sollte die vom Land Hessen und dem Bund unterstützte Zwei-Millionen-Euro-Schau auf der Mathildenhöhe stattfinden. Dort gab es 1987 bereits eine imposante Büchner-Ausstellung zum 150. Todestags des Dichters. Darmstadts feinste Adresse aber wird derzeit restauriert. Also hat das Team um Kurator Ralf Beil einen Seitentrakt der neben die barocke Residenz der hessischen Großherzöge geklotzten Glasbetonstahlburg zur Büchner-Bühne gemacht. Die Ausstellungsarchitekten haben dort mit Geschick eine Vielzahl halb abgedunkelter Kabinette und Gänge eingefügt. Hierin soll sich die teils bürgerlich-biedermeierliche, teils vormärzlich zwischen Revolution und Restauration zerrissene Welt des frühen 19. Jahrhunderts spiegeln.

In den Räumen, die Büchners Elternhaus nachmöblieren, oder in den schmalen Fluren, die Lebensfluchten des von Hessen nach Straßburg und später in die Schweiz Getriebenen andeuten, bietet sich viel Vitrinenwerk und dokumentarisch Kleinteiliges, angefangen mit dem Taufregister von Baby Georg. Dazu jedoch auch sehr Kostbares: eine große Zahl Handschriften, schöne Exempel von Büchners Briefen und sogar „Die Nacht“, ein Gedicht des Fünfzehnjährigen zur Weihnacht 1828: „für meine lieben Eltern“. Ebenfalls das anmutige Original des mit Zeichnungen und Notaten versehenen Blatts des Büchner-Freundes Alexis Muston, der 1833 bei einer gemeinsamen Wanderung im Odenwald das einzige authentische kleine Porträt des Dichtergenies festgehalten hat. Das Abbild mit breiter Stirn und wildem Haar wird ergänzt von Mustons Skizzen- und Tagebuch, wie manch anderes eine in größerer Öffentlichkeit noch nie gezeigte Rarität. Daneben zeigt das erst in diesem Frühjahr entdeckte angebliche (und tatsächlich fragwürdige) Büchner-Porträt des Theatermalers August Hoffmann einen lockenköpfigen, stutzerhaft rausgeputzten jungen Mann mit einem Notenblatt in der Hand. Büchner freilich hat wohl nie ein Instrument gespielt und Töne immer nur in hochmusikalische Sprache verwandelt.

Weil der in Geschichte, Politik, Philosophie und Medizin gleichermaßen bewanderte Autor ein Arztsohn war und in Zürich über die „Schädelnerven der Barben“ promovierte, soll der „Revolutionär mit Feder und Skalpell“ auch in allerlei medizinisch-anatomischen Präparaten veranschaulicht werden. So gibt es zwecks Gruseleffekt zweimal „Schädelgebeine“, mit Nervenanhängen von Stirn und Auge (um 1830). Auch fehlt nicht Vater Dr. Ernst Büchners schriftliche „Beobachtung einer glücklich abgelaufenen Selbstentmannung“ von 1824. Auf einen bei der Geburtstagsausstellung noch aufgebotenen, mit Quecksilber präparierten Penis hat man diesmal verzichtet.

Die großen auratischen Stücke sind hier: die rotblonde Locke vom Kopf des toten Dichters, aus dem Nachlass einer Büchner-Verwandten, und natürlich die echte Guillotine, die von einem französischen Tribunal 1813, in Büchners Geburtsjahr, beim Abzug der napoleonischen Truppen in Hessen zurückgelassen wurde. Überhaupt nehmen Assoziationen zum Revolutionsdrama „Dantons Tod“ den größten Raum ein. Freilich sind das immer nur Surrogate. Und es fehlt weitgehend die Nachwirkung Büchners. Ein paar Zeilen etwa aus Thomas Braschs „Danton“-Gedicht („Der Held auf der Bettkante. Was / er seinen Feinden entriss, haben seine Freunde / schon unterm Nagel: ihn“) hätten womöglich mehr erzählt als allerhand illustrativer Aufwand. Denn was verrät die nun ausgestellte 200-jährige Druckpresse über die politische und poetische Sprengkraft der Flugschrift des „Hessischen Landboten“, die Büchner und seine Freunde mithilfe einer ähnlichen Presse verbreitet haben?

Wie Literatur aus den Manuskripten und Büchern ins Leben tritt, wäre bei der posthumen Karriere des Dramatikers G. B. mit Fotos und Filmen nicht schwer zu demonstrieren gewesen. Aber das gelingt nur im letzten Kabinett, das eine Sequenz aus Werner Herzogs „Woyzeck“-Film mit Klaus Kinski (von 1979) und Filmausschnitte sowie die wunderbaren Handpuppen aus dem südafrikanischen Soweto-„Woyzeck“ enthält, den William Kentridge seit 1992 rund um den Globus präsentiert. Für einen Moment wird so Büchners Werk im Weg über Zeiten und Kontinente auch gegenwärtig.

Darmstadtium, Darmstadt, bis 16. 2. 2014. Katalog (Verlag Hatje Cantz) 65 €.

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