Zum Tod des Musikers Dieter Moebius : Lasst tausend Klangschleifen kreisen

Genialer Dilettantismus: Die Musik des Elektro-Pioniers Dieter Moebius hatte viele Stilbezeichnungen, es selbst nannte sie Elektropunk. Jetzt ist er mit 71 Jahren gestorben.

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Elektro-Pionier und Avantgardist: Dieter Moebius.
Elektro-Pionier und Avantgardist: Dieter Moebius.Foto: Bureau B

Kleine Auswahl der Stilbezeichnungen, die im Zusammenhang mit der Musik von Dieter Moebius Verwendung finden. Psychedelic. Krautrock. Experimental. Ambient. Industrial. Noise. Gibt es für das, was dieser Mann hervorbrachte, keinen klaren Begriff? Dieter Moebius, 1944 in der Schweiz geboren und nun im Alter von 71 Jahren gestorben, sprach von sich zuletzt als Elektropunk. In den zwei kurzen Jahren von 1969 bis 1971, in denen er zusammen mit Hans-Joachim Roedelius und Conrad Schnitzler die Band Kluster bildete, konnte indes weder von Elektro noch von Punk die Rede sein.

Das Avantgardistische von Moebius und seinen Mitstreitern, das die Begriffe mit der Zeit erst einholen mussten, bestand nicht zuletzt darin, dass er offenbar nicht das geringste Bewusstsein davon hatte, was er mit Hilfe des Toningenieurs Conny Plank auf zwei Langspielplatten mit den Titeln „Klopfzeichen“ und „Zwei Osterei“ in düstere – und durch die Rezitation sinister religiöser Texte – zutiefst teutonische Klanglandschaften verwandelte. Noch ganz ohne Synthesizer gaben sich die drei mit Gitarre, Flöte, Trommel und einer kreischenden Orgel freien Endlosimprovisationen hin, die am Mischpult zu albtraumartigen Lärmorgien verquirlt wurden.

Neun Studioalben ohne einheitlichen Stil

Das Handwerk der Musik beherrschte keiner von ihnen. Moebius hatte in Brüssel und West-Berlin Kunst studiert. 1969 gehörte er zu den Mitbegründern des kurzlebigen Zodiak Clubs, der auf dem Gelände der Schaubühne am Halleschen Ufer nach Vorstellungsende die Pforten öffnete. Dort traten damals geistesverwandte Gruppen wie Ash Ra Tempel und Tangerine Dream auf, zu denen Conrad Schnitzler schließlich überwechselte. Da waren Moebius und Roedelius schon nach Westdeutschland geflohen und nannten sich als Duo fortan Cluster.

Auf den Platten, die sie zunächst wieder im Verein mit Conny Plank produzierten, streckten sie sich von da an nach sehr viel süßeren Tontrauben – ohne dass man den neun Studio- und vier Livealben, die sie bis 2009 produzierten, einen einheitlichen Stil nachsagen könnte. Synthesizer dämpften das allzu Schroffe, „Zuckerzeit“, im eigenen Studio im Weserbergland aufgenommen, entwickelte 1974 über dem Pluckern einer Rhythmusmaschine klare, an Kraftwerk gemahnende motorische Strukturen, bevor sich „Sowieso“ zwei Jahre später in noch luftigere melodiöse Gefilde begab.

Der Anreger der ersten popelektrischen Stunde

Zusammen mit dem Gitarristen Michael Rother entstanden Aufnahmen unter dem Ensemblenamen Harmonia, und bald wurde auch Brian Eno, das britische Mastermind der Hintergrundmusik, auf Cluster aufmerksam. Waren sie bis dahin Propheten im eigenen Land gewesen, die von ihren Platten, wie Dieter Moebius sagte, im Durchschnitt 2000 Stück verkauften, erreichten sie mit „Cluster & Eno“ und „After the Heat“ plötzlich sechsstellige Auflagen.

Vieles an dieser Musik hat noch immer seinen Reiz und muss nicht leugnen, dass es einer bestimmten Zeit mit ihren verpilzten und halluzinogenen Gepflogenheiten entstammt. Manches wirkt aber auch, ohne dass es jemals New-Age-Himmel streifen würde, die Moebius zu Recht fürchtete, zähklebrig – wobei die anfangs analoge Klangerzeugung als vintage sound dem Digitalwahn heute schon wieder Paroli bietet. Dieter Moebius, der neben Allianzen mit Guru Guru-Drummer Mani Neumaier und Reunions mit Rother und Roedelius auch solo auftrat, galt zu seiner Genugtuung als Anreger der ersten popelektronischen Stunde. Zu seinem Leidwesen bereitete er nur auch denen die Bahn, die den Unterschied zwischen Dilettantismus und genialem Dilettantismus, wie er ihn ein Leben lang perfektioniert hatte, nicht mehr wahrhaben wollten.

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