Zum Tod des Schauspielers Rolf Boysen : Ein Herr

Das Theater war für ihn Freiheit und innere Rettung. Und kein Theater ohne Literatur. Zum Tod des Schauspielers Rolf Boysen.

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Rolf Boysen.
Rolf Boysen verstarb im Alter von 94 Jahren in München.Foto: dpa

Es ist noch nicht so lange her, da saß er mit gut neunzig Jahren auf der Bühne des Residenztheaters, das Haus war ausverkauft, und schweifte mit seiner kühlen und doch einfühlsamen Stimme durch die Epen der Welt, von der „Ilias“ zur „Göttlichen Komödie“, vom „Nibelungenlied“ zum „Parzival“. Rolf Boysen verkörperte Bildung und Intelligenz, er war ein reflektierter Schauspieler, und sein „Nachdenken über das Theater“ (1997) gehört zu den Schauspielerbüchern, die man mit Gewinn liest. „Der Genuss eines Kommas, die Überraschung eines Doppelpunkts, das Atemholen eines Gedankenstriches“: Das nahm er ernst, das wollte er bewahren.

Als Rolf Boysen und sein Spiel-Freund und Partner Thomas Holtzmann 1989 in ihrer Stadt, in München, mit dem Kortner-Preis ausgezeichnet wurden, stöhnte Jürgen Flimm in seiner Laudatio auf Boysen: „Heute ist sicher alles besser: die schlauen Erfindungen der Regisseure, die raffinierten Erscheinungen der Bilder, die kostbaren Kostüme und das Wunderwerk delikater Lichtsetzung. Nur die alten Schauspieler, die von früher, diese einsamen Eisheiligen der früheren Zeiten, die fehlen uns schmerzlich als Fixpunkte.“ Einfacher gesagt: Ohne Schauspieler ist das Theater nichts. Schon gar nicht das Regietheater. Das wusste die Generation Flimm und Stein, die freilich mehr Probleme mit den Jüngeren hatte als mit den „einsamen Eisheiligen“, zu denen sie nun selbst mutieren nach den harten Naturgesetzen des Theaters.

Er konnte ein knarziger Konservativer sein

Rolf Boysen kam aus dem Norden, geboren 1920 in Flensburg. Schon 1957 tauchte er in München auf, blieb zehn Jahre an den Kammerspielen, durfte Fritz Kortner seinen Regisseur und Lehrer nennen in Stücken von Schiller, Shakespeare, Strindberg. Am Deutschen Schauspielhaus Hamburg spielte er bei Kortner den Don Carlos. Und mit Holtzmann im legendären „Clavigo“. Bevor er 1978 wieder nach München ging, war er gelegentlich an den Staatlichen Schauspielbühnen Berlin zu sehen, wo so manche „Eisheilige“ zu Hause waren. Boysen war ein fast heiterer, gut aufgelegter Dorfrichter Adam (in der Regie von Dieter Dorn), ein kühler, illusionsloser Nathan (in der Regie von Fritz Marquardt). Boysen war auch im Fernsehen geschätzt, spielte Wallenstein in einem Mehrteiler. Er konnte ein knarziger Konservativer sein, äußerte sich unfreundlich über Peter Zadeks „Othello“, der in den Siebzigerjahren eine kleine Revolution auslöste. Und dann wieder arbeitete er – ungeheuer komisch – mit Herbert Achternbusch.

Als Boysen 1944 in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet, trug er einen schmalen Kleist-Band bei sich. Daraus las er seinen Mitgefangenen vor. Das ist es, was Rolf Boysen Theater und Dichtung bedeutete: Freiheit, innere Rettung. Und kein Theater ohne Literatur. Am Freitag ist er im Alter von 94 Jahren in München gestorben.

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