Zum Tod des Schweizer Schriftstellers Markus Werner : Selbstinszenierung war ihm fremd

Komplexe Männer, noch komplexere Welt: Ein Nachruf auf den Schweizer Schriftsteller Markus Werner.

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Schweizer Schriftsteller Markus Werner
Der Schweizer Schriftsteller Markus Werner, hier im Jahr 1997, in seinem Arbeitszimmer in Opfertshofen in der Schweiz.Foto: Ayse Yavas/Keystone/dpa

Als Markus Werner sich 2002 als neu gewähltes Mitglied der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt vorstellen musste, tat er das mit genau derselben Selbstdarstellung, um die ihn fast zwanzig Jahre zuvor sein Verlag für die Ankündigung seines Debütromans „Zündels Abgang“ in der Programmvorschau gebeten hatte. Diese bestand aus nicht mehr als elf kurzen Sätzen, Bekenntnisse wie „Einst wollte ich Jäger werden, nun bin ich Lehrer, was sonst“ oder „Ich rauche, schreibe stockend, wohne ländlich“; doch Werner kam es in Darmstadt vor, als gäbe es an diesem „etwas trotzig aquarellierten Bildchen nur wenig zu übermalen.“ Dass er nach seinem dritten Roman den Beruf als Lehrer 1990 aufgegeben hatte, wenigstens das noch ergänzen zu können, das freute ihn richtiggehend.

Der 1944 in Eschlikon im Kanton Thurgau geborene Schweizer Schriftsteller Markus Werner hat nie viel aus seiner Person gemacht. Selbstinszenierung war ihm fremd, die Öffentlichkeit mied er am liebsten, nicht bewusst strategisch, sondern aus Schüchternheit und damit zusammenhängender Schreib- und Selbstdarstellungsblockaden. „Ich schaffe es einfach nicht, auf Befehl und bei eingeschaltetem Mikrofon vernünftig zu reden.“, bekannte er einmal in einem der wenigen Interviews, zu denen er sich bereit erklärte. Am liebsten verwies er auf Fragen nach der eigenen Person auf seine Bücher, über die er dann aber auch nicht so viel sagen wollte: „Es geht entschieden zu weit, wenn man von mir verlangt, das gelegte Ei auch noch selbst zu begackern. Das müssen schon die Leser tun.“

Sieben Romane umfasst sein Werk nur - aber jeder hat es in sich

Gerade einmal sieben Romane umfasst Werners Werk, mit dem Schreiben ließ er sich stets Zeit. 1984 erschien „Zündels Abgang“, 2004 sein letzter, erfolgreichster und auch verfilmter Roman „Am Hang“. Darin unterhalten sich zwei Männer, der eine ein junger Scheidungsanwalt, der andere ein alternder Altphilologe, auf einer Hotelterrasse über Frauen im Allgemeinen und zwei Frauen im Besonderen. Nach und nach stellt sich heraus, dass ihr Gespräch sich um dieselbe Frau drehen könnte. Dabei spielt ein Hesse-Vers eine Rolle, „Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe/Bereit zum Abschied sein und Neubeginne“, und selbst am Ende versucht der auf einmal skeptische Ich-Erzähler, der junge Scheidungsanwalt, sich zu beruhigen: „Zwei Frauen, die das gleiche Sprüchlein mögen, verwandeln sich deswegen nicht in eine.“

Wie diese beiden auf ihre je eigene Art beziehungsunfähigen Männer sind die meisten von Werners Helden vom Leben mal, mal weniger stark Beschädigte; Außenseiter wie Zündel, der mit seinem Beruf als Lehrer und überhaupt seiner Umwelt nicht mehr klar kommt, verwahrlost und in der Psychiatrie landet; wie in „Die kalte Schulter“ der Kunstmaler Moritz Wank, der am Tod seiner Verlobten zu verzweifeln droht. Oder wie der herzkranke Denkmalpfleger Lorenz Hatt in dem Roman „Bis bald“, der auf ein Spenderherz wartet, und sich immer schwer damit tat, seine koronare Herzkrankheit zu akzeptieren: „Ich traue meiner Rüstigkeit mehr als die Ärzte, ich traue ihr mehr als den Ärzten (...)“

Die Beschimpfung der Welt angesichts der eigenen Ohnmacht

All diese Werner-Figuren haben, obwohl ziemlich herausgeschleudert aus den gewohnten Lebensbahnen, Probleme mit dem Abschiednehmen, den Neuanfängen oder wenigstens dem Sich-Fügen in ihr Schicksal. Deshalb müssen sie genau das tun, was Markus Werner so ungern getan hat, zumindest öffentlich: reden. Aber wenn sie anfangen, folgt man ihnen gebannt und gespannt, ins Innere ihrer Ichs, ins Zentrum ihrer intakten Neurosen. Und dort geht es, wie es einer der Männer aus „Am Hang“ nicht zuletzt als Grundzug der Poetologie von Markus Werner formuliert: um „die Beschimpfung der Welt und die Beschreibung der Ohnmacht, in die uns ihre rücksichtslos komplexe Wesensart versetzt.“
Am Sonntag ist Markus Werner im Alter von 71 Jahren in Schaffhausen gestorben.


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