Zum Tod von Architekturkritiker Ulrich Conrads : Gebaute Welt

Ulrich Conrad war mehr als Architekturkritiker: Der einstige Chefredakteur der "Bauwelt" war stets kenntnisreich, pointiert, nie verletzend - und ein Skeptiker par excellence. Ein Nachruf

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Ausschnitt des Covers „Programme und Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunderts“
Ausschnitt des Covers „Programme und Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunderts“.Foto: promo/ Birkhäuser Verlag

Wer immer in den letzten Jahrzehnten jene Texte suchte, die die Architektenschaft der Moderne zum Bauen und zu ihren Vorstellungen vom Um- und Neubau der Gesellschaft verfasste, griff zu diesem Buch: „Programme und Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunderts“. Es erschien 1964, kein umfangreiches, aber ein notwendiges Buch. Sein Herausgeber: Ulrich Conrads, frisch im Amt des Chefredakteurs der renommierten „Bauwelt“, ein Amt, das er 30 Jahre lang bekleiden sollte. Immer kenntnisreich, immer pointiert, nie verletzend, ein Kritiker par excellence, vielfach ausgezeichnet im Laufe der Jahre.

Natürlich war er mehr als Architekturkritiker. Das „Manifeste“-Buch stand am Anfang der umfangreichen Reihe „Bauwelt Fundamente“, auch dem Rundfunkhörer brachte Conrads Gebautes nahe, in sage und schreibe 800 Beiträgen. Den West-Berliner Senat zwang – ja, zwang! – er dazu, Scharouns Philharmonie dort zu verwirklichen, wo sie heute steht, und Mies van der Rohe mit der Neuen Nationalgalerie zu betrauen.

Vor allem war er Skeptiker. 1923 in Bielefeld geboren, musste er nach dem Abitur noch drei Jahre an die Front, bevor er studierte und seine Bestimmung fand: das Bauen schreibend zu begleiten. Mit Protagonisten wie Alexander Mitscherlich oder Wolf Jobst Siedler zählt Conrads zu jener Generation, die sich im Wiederaufbauwunderland nichts mehr vormachen ließ. 1967 sagte er: „Da ist niemand, der noch aufrichtig zu glauben wagt, dass eine Rückkehr möglich sei zu jenen gemessenen Maßen, verbindlichen Definitionen, gesicherten Ordnungen, die, wenn auch vielfältig modifiziert, durchhielten vom perikleischen Griechenland bis in die letzte deutsche Kaiserzeit ...“

Für Conrads war die Baukunst kein systematisches Werk, sondern eine Ansammlung von Fragmenten, deren jedes er sezierte, Woche für Woche in der „Bauwelt“. 1981 gründete er gleich noch eine Zeitschrift, „Daidalos“, gemeinsam mit Koryphäen wie Norbert Miller und Werner Oechslin. Ein hochgeistiges Blatt, das leider nicht den Humus fand, um dauerhaft gedeihen zu können. Aber es gab ja die „Bauwelt“. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Ulrich Conrads am 28. September in Berlin gestorben, kurz vor seinem 90. Geburtstag.

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