Zum Tod von Fred Düren : Faust und Rabbi

An die 150 Mal spielte er den großen Weltzweifler Faust am Deutschen Theater - um dann als Rabbi nach Jerusalem zu gehen. Dort ist der Schauspieler Fred Düren jetzt mit 86 Jahren gestorben.

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Fred Düren 1928-2015
Fred Düren 1928-2015Foto: picture-alliance/ dpa

1985, vor dreißig Jahren, spielte er seine letzte Rolle: den Juden Shylock im „Kaufmann von Venedig“ am Deutschen Theater, seinem Theater. Dann stieg er von der Bühne herab, für immer, wie er sagte. Er verließ die DDR ein Jahr vor ihrem Ende. Aber Fred Düren ging nicht in den Westen: Fred Düren ging nach Jerusalem.

Freunde und Publikum verharrten in ungläubigem Erstaunen. Das Berliner Arbeiterkind Fred Düren, der legendärste „Faust“, der je auf einer DDR-Bühne stand, wollte Rabbiner werden. Aus marxistischer Sicht war das zweifellos ein Rückschritt, aber der Partei der Arbeiterklasse hatte Düren da bereits seinen Austritt erklärt. Wegen unüberbrückbarer weltanschaulicher Differenzen. Doch selbst Goethe hätte diese Entwicklung wohl kaum verstanden. Allein 150 Mal spielte Düren den großen Selbst- und Weltzweifler Faust, stand immer wieder im brandenden Beifall. Rabbis müssen ohne dieses Geräusch auskommen. Würde er denn leben können – mit so viel ganz und gar ungewohnter Hintergrundstille?

Eine Dreiviertelstunde soll der Applaus am 14. Oktober 1962 im Deutschen Theater gedauert haben. Es war die Premiere von Aristophanes’ „Der Frieden“ in der Fassung von Peter Hacks, Regie: Benno Besson. 15 Mal hob und senkte sich der Eiserne Vorhang, und das galt vor allem einem: dem griechischen Winzer Trygaios, der auf dem Rücken eines Mistkäfers zum Olymp fliegt, um sich bei Zeus über den Kriegslärm auf Erden zu beschweren. Und dieser Beifall galt einem kleinen Lied, das niemand, der es einmal hörte, wieder vergaß. „ … die Oliven gedeihn/der Friede zieht ein.“ Dieser Friede, jeder spürte es, war größer, als Menschen ihn machen können. Es war sein Lied, das Lied des Fred Düren.

Menschen lieben die, in denen sie sich erkennen. Fred Düren gehörte zu diesen Auserwählten von unten. Er war der Immer-noch-Kleinere. Aber groß noch im Verschwinden. Trygaios eben, einer, den das Leben leicht übersieht, doch am Ende kommt nicht einmal Zeus an ihm vorbei. Natürlich hatte auch Dürens Faust nichts Faustisches. Das ist doch gar kein Faust!, urteilte der Theaterkritiker Walter Ulbricht, auch darum wurde Adolf Dresens Inszenierung von 1968 zum Skandal. Doch irgendwie hatte Walter Ulbricht schon recht. Der Mann dort vorn war eher ein Hiob.

Mehr als 100 Rollen hat Düren gespielt, in großen und kleinen DEFA-Filmen war er zu sehen. Vor neun Jahren betrat ein schmaler Mann mit Kippa und langem weißen Bart zum letzten Mal die Bühne des Theaters, das einmal sein Theater war. Er sang das Friedenslied des Trygaios, sang es zum Tode seines Regisseurs Benno Besson, für ihn. Am 2. März ist Fred Düren, der Rabbi, der Faust war, im Alter von 86 Jahren in Jerusalem gestorben.



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