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Zum Tod von Hans Hollein : Spiel und Form

Er war ein Meister der Postmoderne: Hans Hollein sagte gerne: "Alles ist Architektur". Nun ist der international renommierte Architekt und Designer im Alter von 80 Jahren in Wien gestorben. In Berlin baute er unter anderem die österreichische Botschaft.

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Mut zur Farbe. Die österreichische Botschaft in Berlin, nach einem Entwurf Holleins erbaut 1999–2001.
Mut zur Farbe. Die österreichische Botschaft in Berlin, nach einem Entwurf Holleins erbaut 1999–2001.Foto: IMAGO

Er war ein Wandler zwischen den Welten, wie kaum ein anderer Architekt. Hans Hollein, 1934 in Wien geboren, lernte Grafik, dann Architektur, er betätigte sich als Designer, Bildhauer, Maler und Ausstellungsmacher. Die Baukunst studierte er an der Wiener Akademie der Bildenden Künste in der Meisterschule von Clemens Holzmeister sowie am IIT in Chicago und an der University of Berkeley.

Seine Karriere als Architekt begann mit einem winzigen Wiener Kerzengeschäft. Es machte international Furore

Da sind zunächst seine frühen Fotocollagen, die zu emblematischen Ikonen geworden sind: die knochige „Superstruktur über Wien“ (1960), das Holocaust-Denkmal in Form eines ins Riesenhafte vergrößerten Erzwaggons (1963), die Stadt in Form eines in lieblicher Landschaft deplatzierten Flugzeugträgers. Oder das Hochhaus an der Wall Street in Form eines Rolls-Royce-Kühlers, das sich nahtlos in die Skyline einreiht (1966). Was sich wie eine ironische Kapitalismuskritik ausnahm, war der Lust an den ikonischen Formen geschuldet. Museen in aller Welt, die Documenta in Kassel und die Kunstbiennale in Venedig zeigten seine Werke, und er selbst war als Kommissar für den Österreichischen Pavillon in Venedig tätig.

Pritzker-Preisträger. Hans Hollein baute in Deutschland unter anderem das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt/M.
Pritzker-Preisträger. Hans Hollein baute in Deutschland unter anderem das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt/M.Foto: dpa

Seine Architektenkarriere begann Mitte der sechziger Jahre mit einem Paukenschlag. Als er für die Gestaltung des winzigen Wiener Kerzengeschäfts Retti den Reynolds-Preis erhielt. Es folgten weitere Boutiquen wie das Juweliergeschäft Schullin in Wien oder ein Münchner Modehaus im New Yorker Trump Tower, die es in alle Fachzeitschriften und Reiseprogramme der Architektenschaft schafften.

Längst verschwunden und doch unvergessen sind die drei von Hans Hollein gestalteten Filialen des Österreichischen Fremdenverkehrsvereins, die er mit den Chiffren der Urlaubssehnsüchte – Palmen, Sandstrand, Pyramiden, Tempel, Flaggen – als edle Designobjekte ausstattete. Immer erschienen seine Arbeiten ein wenig eleganter, vornehmer, weltläufiger, künstlerischer als die seiner Wiener Brüder im postmodernen Geiste, etwa die von Gustav Peichl.

Hollein entwarf Konzertflügel und Möbel, silbernes Geschirr, Türklinken und Leuchten, Brillen und Uhren im Memphisstil der legendären Designergruppe um Ettore Sottsass. Die Affinität zu Design und Interieur brachte ihn auch zur Ausstellungsarchitektur, zum Bühnenbild und zur Festdekoration. 1996 begann mit ihm die Reihe internationaler Architektenstars, die bei der Architekturbiennale Venedig das Programm bestimmen. „Die Zukunft erahnen – der Architekt als Seismograph“ war Holleins Motto in jener Zeit, als die Biennale noch mit Visionen aufwartete.

Heute zählen seine Museumsbauten zu den Hauptwerken der Architektur des ausgehenden 20. Jahrhunderts: das Museum Abteiberg in Mönchengladbach (1982), das ihm in diesem Jahr noch bis 28. September eine große Ausstellung widmet, das Museum für moderne Kunst in Frankfurt (1991) und der in den neunziger Jahren diskutierte und nie realisierte Entwurf für ein unterirdisches Guggenheim-Museum im Salzburg.

Holleins Heimatstadt Wien, wo er ab 1976 an der Universität für angewandte Kunst lehrte, zeigte ihm lange Jahre die kalte Schulter. Dabei repräsentierte er wie wenige andere im doppelten Sinne die Wiener Art. 1979 baute er eine Schule; 1990, längst ein mit dem Pritzker-Preis dekorierter, international renommierter Stararchitekt, konnte er an prominenterer Stelle wirken. Das Haas-Haus gegenüber dem Stephansdom markierte den Höhepunkt seiner postmodernen Phase, auch wenn es in Fachkreisen ob seiner exaltierten Gestaltung bespöttelt wurde. „Nuttenbrosche“ nannte es der Kritiker Michael Mönninger damals despektierlich.

In Berlin saß er öfter mit Josef Paul Kleihues in der Paris-Bar

Auch mit Berlin ist Hollein nicht so richtig warm geworden, auch wenn Josef Paul Kleihues, IBA-Kommissar der Bauausstellung 1984/87, den immer etwas grantig wirkenden Kollegen hin und wieder bei einem Lammrücken in der Paris-Bar zu dem einen oder anderen Projekt überreden konnte. Zur Stadtvilla in der von Rob Krier konzipierten Wohnanlage Rauchstraße zum Beispiel, sicher das hochwertigste der zahlreichen postmodernen Projekte der damaligen IBA. Hier stellte Hollein seine virtuose Gestaltungskraft unter Beweis.

Zäh diskutiert und schließlich zerredet wurde sein 1984 mit dem ersten Preis bedachter Wettbewerbsentwurf für die Neugestaltung des Kulturforums. Einen Steinwurf weiter an der Tiergartenstraße kam er aber doch noch zum Zug, als ihn sein Heimatland mit dem Bau der Österreichischen Botschaft betraute.

Etwa zur selben Zeit konnte Hollein mit dem Europäischen Zentrum für Vulkanismus bei Clermont Ferrant in der französischen Auvergne doch noch seinen Traum von einem unterirdischen Museum verwirklichen. „Vulcania“ ist eine wunderbar kurzweilige Collage geworden, die sich aus Elementen der Landschaft, geologischen Formationen, semantischen Exponaten und selbstverliebtem Design zusammensetzt.

Langweilig war Holleins Postmoderne nie. Die strenge Askese eines Mies van der Rohe blieb dem Wiener immer ein Graus, wie sich auch im 2003 fertiggestellten neuen Entree der traditionsreichen Albertina erleben lässt.

Mit größeren kommerziellen Projekten wie dem Generali-Tower in Wien oder Bankgebäuden in Bregenz, Liechtenstein und Lima verlor seine Arbeit etwas an Extravaganz. Auch für den Entwurf des im chinesischen Shenzhen im Bau befindlichen, 200 Meter hohen Büroturms ist nicht unbedingt der prädestinierte Baukünstler gewesen. Er blieb zeitlebens der feinsinnige Designerarchitekt. Am Donnerstag ist Hans Hollein, „Wegbereiter einer neuen Philosophie des Bauens“, wie Österreichs Bundespräsident Heinz Fischer ihn würdigt, nach langer Krankheit in Wien gestorben. Er wurde 80 Jahre alt.

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