Zum Tod von Kurt Masur : Der Maestro des Widerstands

Der große Leipziger Dirigent Kurt Masur ist am Samstag im Alter von 88 Jahren in den USA gestorben. 26 Jahre stand er dem Gewandhausorchester vor. 1989 avancierte er zum Helden.

Der Dirigent der New Yorker Philharmoniker, Kurt Masur, nimmt nach einem Konzert im Rahmen einer Europatournee im Gewandhaus zu Leipzig am 7. April 1993 den Applaus des Publikums entgegen. Der Dirigent starb am Samstag im Alter von 88 Jahren.
Der Dirigent der New Yorker Philharmoniker, Kurt Masur, nimmt nach einem Konzert im Rahmen einer Europatournee im Gewandhaus zu...Foto: dpa

Die Geschichte ist schon so oft erzählt worden - und hat doch nichts von ihrer Wirkung verloren: Leipzig, am 9. Oktober 1989, Kurt Masur soll bei den "Gewandhaus-Festtagen" am Abend "Till Eulenspiegels lustige Streiche" von Richard Strauss dirigieren. Nach der Vormittagsprobe erfährt er von Mitgliedern des Neuen Forums, dass am Abend die geplante Montagsdemonstration von der Volksarmee niedergeschlagen werden soll.

Im Hause des Dirigenten finden sich daraufhin fünf besorgte Männer ein, der Kabarettist Bernd-Lutz Lange, der Theologe Peter Zimmermann sowie drei lokale SED-Politiker, und entwerfen einen Aufruf zur Besonnenheit, der beim Friedensgebet in den Leipziger Kirchen verlesen werden soll. Zusätzlich wird Masur dazu ausersehen, den Text auf Tonband einzusprechen, damit die Botschaft über Radio und Stadtfunk verbreitet werden kann.

Kurz darauf hören die Einsatzkräfte wie auch die 70.000 Demonstranten die Stimme des verehrten Maestro, der alle nicht nur alle Beteiligten zur Zurückhaltung mahnt, sondern auch ausruft: "Wir brauchen einen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Lande." Als Masur und seine Musiker in der Konzertpause auf die Straßen vor dem Gewandhaus blicken, sehen sie Polizisten, die ihre Helme abgesetzt haben und mit den "Konterrevolutionären" diskutieren. Am nächsten Morgen ist Masurs Auto mit Blumen geschmückt.

In Interviews hat der Künstler später immer wieder betont, dass ihm sein damaliges Eingreifen als "die natürlichste Reaktion" erschienen sei angesichts des drohenden Schreckensszenarios: "Ich habe gehandelt, ohne nachzudenken." Dass ihm, dem vielfach ausgezeichneten DDR-Vorzeigekünstler, niemand diese Reaktion zugetraut habe, sei etwas anderes. Wer ihn als integeren Musiker kennen gelernt habe, so ist aus dem bitteren Nachsatz herauszulesen, dem hätte allerdings klar sein müssen, dass er sich auch seinen Mitmenschen nicht anders gegenüber verhalten würde als den Partituren.

Denn ein musizierender Humanist ist Kurt Masur Zeit seines langen Lebens gewesen, ein Kapellmeister ganz in dem uneingeschränkt positiven Sinne, wie ihn sein Kollege Christian Thielemann definiert hat: "Der Kapellmeister verkörpert für mich Tugenden wie Werkkenntnis, hohes Können und Hingabe an die Sache. Mit dem Begriff des Dirigenten (vom lateinischen dirigere = ausrichten, leiten) möchte ich am liebsten nichts zu tun haben. Er reduziert meine Arbeit auf den reinen Autoritäts- und Führungsanspruch. Der Kapellmeister war ursprünglich nicht nur derjenige, der vorne den Takt schlug, sondern auch Komponist und Arrangeur, er dachte sich die Programme aus, kurz, er versorgte sein Orchester mit allem, was es brauchte. Eine ehrenwerte, anspruchsvolle Profession."

Von der Elektrikerlehre zum Gewandhauskapellmeister

Mit diesem Berufsethos wächst auch der junge Kurt Masur auf. Eigentlich will der 1927 im schlesischen Brieg Geborene Organist werden. Doch eine organisch bedingte Fingerkrümmung macht diesen Berufswunsch unmöglich. So absolviert er erst eine Elektrikerlehre und wechselt 1942 dann doch an die Landesmusikschule Breslau, um Dirigieren zu studieren.

Nach dem Kriegsdienst vervollkommnet er seine Ausbildung am Leipziger Konservatorium und tritt dann die klassische Ochsentour durch die Provinz an. Bis 1951 arbeitet er am Theater in Halle an der Saale, danach zwei Jahre in Erfurt. Es folgen zwei Spielzeiten in untergeordneter Funktion am Leipziger Opernhaus, bevor man ihm 1958 die Generalmusikdirigentenposition in Schwerin anbietet. Dass ihn Walter Felsenstein schon 1960 an die Komische Oper abwirbt, darf als erster Karrierehöhepunkt gelten.

Allerdings überwirft sich Masur bald mit seinem Berliner Intendanten, kündigt 1964 - und wird zur Strafe erst einmal "kaltgestellt", bekommt keine neue Chefstelle. 1967 überlässt man ihm dann die Dresdner Philharmonie, neben der sächsischen Staatskapelle nur das Zweitorchester der Stadt. Doch dauerhaft kann man dem hochbegabten Mann, auf den längst auch das westliche, also Valuta einbringende Klassikbusiness aufmerksam geworden ist, eine Top-Position in der DDR nicht verweigern. 1970 macht ihn das Gewandhausorchester zu seinem Kapellmeister. 26 Jahre wird er in Leipzig bleiben, seinen Musikern attraktive Tourneen ins Ausland organisieren und schließlich den Bau des neuen Gewandhauses durchsetzen, das 1981 eröffnet wird.

Er wollte nicht beeindrucken, sondern den Geist der Werke ergründen

Der lateinische Sinnspruch "Res servera verum gaudium" prangt dort im großen Saal über den Köpfen des Orchestermitglieder: Nur wer ernsthaft bei der Sache ist, empfindet wahre Freude, lässt sich das, locker formuliert, übersetzen. Und genau so wird im Gewandhaus gearbeitet. Masur geht es nicht darum, durch Brillanz zu beeindrucken, er will den Geist der Werke ergründen, ihren inneren Gehalt. Bei seinem Hausgott Beethoven, bei den deutschen Romantikern, bei Tschaikowsky, bei Schostakowitsch. "Der Perfektionismus mag durch Arturo Toscanini in die Welt gekommen sein", sagt er einmal. "Durch ihn allein aber wird man niemals eine überzeugende Interpretation hinbekommen."

Dass er ohne Taktstock dirigiert, hat auch mit dieser Einstellung zu tun: "Ich glaube, für einen Dirigenten ist das gemeinsame Musizieren das Wichtigste: das Spielen mit dem gemeinsamen Wollen, mit gemeinsamen Ausdrucks-Absichten, mit gemeinsamen Atmungen und Phrasierungen." Als beim "Musikfest Berlin" 2009 alle Sinfonien von Schostakowitsch erklingen, wird Masur ganz besonders mit seiner Lesart der "Leningrader" beeindrucken: "Diese Sichtweise", schreibt Jörg Königsdorf im Tagesspiegel, "hat in ihrem schroffen, herben Tonfall die ganze Dringlichkeit eines Zeitzeugenberichts, inklusive des Gefühls für Doppelbödigkeit, wie es wohl nur Künstler besitzen, die Diktatur und Zensur am eigenen Leib erlebt haben."

Als Held der friedlichen Revolution in der DDR nach New York gerufen

Masurs Zivilcourage im Oktober 1989 macht ihn zu einem Helden der friedlichen ostdeutschen Revolution - und zu einem internationalen Star: Schon im Jahr nach dem Mauerfall beruft das New York Philharmonic den "eigenwilligen Vetter Martin Luthers" ("Time"-Magazine) zum Chefdirigenten. Zwölf Jahre lang wirbt er in der US-Metropole für seine Vorstellungen vom gediegenen, sachorientierten Musizieren, gibt dem zur brillanten Kühle neigenden Klang der New Yorker eine wärmere, deutsche Note.

Nach dem Auslaufen seines Vertrages aber entscheiden sich die New Yorker dann doch für die Rückkehr zum Oberflächenglanz und wählen Lorin Maazel. Masur kann das egal sein, füllt er doch mittlerweile in Old Europe eine doppele Cheffunktion aus, von 2000 bis 2007 beim London Philharmonic Orchestra und von 2002 bis 2008 beim Orchestre National de France in Paris.

Noch mit 85 dirigierte er in München an vier Abenden alle Sinfonien Beethovens

Dass Kurt Masur bis weit in sein neuntes Lebensjahrzehnt hinein bei der abendlichen Pultarbeit ungemein vital wirkt, erklärt er so: "Beim Dirigieren bekommt man einen Adrenalin-Schuss verpasst, der einen tatsächlich jedes Alter vergessen lässt. Das hat mit dem Geist der Musik selber zu tun. Die Schwierigkeit ist, nicht in diese Stimmung hineinzukommen, sondern aufzuhören und wieder auszusteigen nach dem Konzert. Ich persönlich brauche etliche Stunden dafür." Noch mit 85 dirigiert er in München an vier aufeinander folgenden Abenden alle Sinfonien Beethovens, der Zyklus wird auf eine CD-Veröffentlichung mitgeschnitten.

Einen Sturz vom Podium in Paris, der im April 2012 die Öffentlichkeit alarmiert, schiebt der unermüdliche Maestro noch auf tückisch herumliegende Kabel. Kurze Zeit später aber macht er dann seine Parkinson-Krankheit publik. Ein zweiter Sturz, im Februar 2013 in Tel Aviv, wo sieben Auftritte mit dem Israel Philharmonic geplant sind, führt zum Hüftbruch, der eine Operation erzwingt. Trotzdem kommt er im vergangenen Jahr überraschenderweise noch einmal zu einem Konzert nach Berlin. Im Juni 2014 dirigiert er in der Philharmonie das Rundfunk-Sinfonieorchester mit einem Mendelssohn-Programm – vom Rollstuhl aus. Am Samstag ist Kurt Masur im Alter von 88 Jahren in einem Krankenhaus in Greenwich im US-Bundesstaat Connecticut gestorben.

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