Zum Tod von Schauspieler Helmuth Lohner : Die Seele ist ein weites Land

An ihm maß sich die Schauspieler-Riege: Helmuth Lohner schuf auf der Bühne legendäre Figuren wie Nestroys Feuerfuchs. Nun ist er in Wien gestorben.

Christina Kaindl-Hönig
Schauspieler Helmut Lohner.
Schauspieler Helmut Lohner.Foto: dpa

Er war ein Erzkomödiant und in seiner unverwechselbaren Sprachpräzision zugleich ein überaus moderner Charakterdarsteller. Helmuth Lohner galt über viele Jahrzehnte – neben Otto Schenk – als der österreichische Nestroy- und Schnitzler-Schauspieler schlechthin. Und er beherrschte dabei die hohe Kunst subtiler Doppelbödigkeit: „Die Seele ist ein weites Land“, jenes geflügelte Wort aus Schnitzlers Drama, erfüllte Lohner mit großer Wandlungsfähigkeit und künstlerischer Intelligenz.

Indem er seinen gleichermaßen tragischen wie komischen Figuren in ihren Widersprüchlichkeiten etwas Gebrochenes verlieh, konnte die Realität Einzug halten – das offene Geheimnis der Wahrhaftigkeit. Bei Lohner stets begleitet vom elegant-spröden, nie auftrumpfenden Charme, der, wenn nötig, ins Grantln kippen konnte.

Als Sohn eines Wagonfabrikanten am 24. April 1933 in Wien geboren, absolvierte Lohner zunächst eine Lehre als Chemigraf, ehe er an der Arbeiterhochschule das Abitur nachholte und Schauspielunterricht nahm. 1952 debütierte er am Stadttheater Baden und war von 1953 - 63 erstmals am Theater in der Josefstadt engagiert. 1955 gab er in Josef von Bákys „Hotel Adlon“ sein Filmdebüt. Großen Erfolg hatte er 1965 als Carl Joseph von Trotta in Joseph Roths „Radetzkymarsch“ in der Verfilmung von Michael Kehlmann.

Helmuth Lohner schuf legendäre Figuren

In den 1960er Jahren spielte Lohner in Berlin, Hamburg, Düsseldorf und Zürich, an den Münchner Kammerspielen gab er 1965 den Ferdinand in „Kabale und Liebe“ in der Regie von Fritz Kortner und 1967 den Alfred in Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“, über den Friedrich Torberg damals hellsichtig notierte: „Man wird die Darsteller solcher zwielichtiger Horváth-Helden in Hinkunft an Helmuth Lohner messen.“

Seit den 1980er Jahren trat Lohner regelmäßig am Wiener Burgtheater und bei den Salzburger Festspielen auf. Dort schuf er unter anderem in der Regie von Otto Schenk legendäre Figuren wie Nestroys Titus Feuerfuchs in „Der Talisman“ oder die Titelrolle in Hofmannsthals „Der Zerrissene“. Zu den besonderen Verdiensten zählt auch Lohners Engagement als Direktor des Theaters in der Josefstadt, das er von 1997 - 2003 und von 2004 - 06 leitete. Er rettete das Theater in den 1990er Jahren nicht nur aus einer Finanzkrise, sondern verpasste ihm auch einen längst fälligen Modernisierungsschub. Unter Lohners Ägide debütierte hier Christof Loy mit G. B. Shaws „Heartbreak House“, und auch Regisseure wie Günter Krämer oder Peter Stein inszenierten am Haus.

Süchtig nach dem Leben

Lohner, der auch Opernregie führte, debütierte 1997 als Frosch in Otto Schenks „Fledermaus“-Inszenierung an der Wiener Staatsoper, in Berlin gab er den Styx in Offenbachs „Orpheus“ an der Deutschen Oper. Seine letzte Rolle war Valmont, der notorische Liebhaber in Heiner Müllers „Quartett“, den er an der Seite von Elisabeth Trissenaar in der Regie von Hans Neuenfels in der Josefstadt verkörperte: durchlässig, von Krankheit gezeichnet, ein untröstlich Liebender, süchtig nach dem Leben. In der Nacht zu Dienstag ist Helmut Lohner nun in Wien gestorben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben