Zur Bührle-Sammlung im Zürcher Kunsthaus : Später Sprengsatz

Das "Schwarzbuch Bührle" zur problematischen Zürcher Sammlung beleuchtet die Kunstkäufe und Geschäfte des Werkzeugfabrikanten Emil Georg Bührle - und unterstreicht den Raubkunstverdacht.

von
Emil Bührle in seiner Sammlung an der Zollikerstrasse, Juni 1954 Foto: Kunsthaus Zürich/Getty Images
Emil Bührle in seiner Sammlung an der Zollikerstrasse, Juni 1954Foto: Kunsthaus Zürich/Getty Images

Seit 1960 konnte man in einer Villa am Zürichsee eine wunderbare Kunstsammlung bewundern, in deren Zentrum 75 Gemälde des Impressionismus und der französischen Moderne stehen. Die Sammlung Bührle war damals aus dem Privatbesitz des vier Jahre zuvor gestorbenen Industriellen Emil Georg Bührle in eine Stiftung überführt worden, um eines Tages dem Kunsthaus Zürich, dem städtischen Museum am Heimplatz, übertragen zu werden. Das soll nun geschehen. Die Villa am Stadtrand ist bereits für die Öffentlichkeit geschlossen, ein Erweiterungsbau für das Kunsthaus auf der anderen Straßenseite im Bau. Bei seiner Eröffnung 2020 wird die Sammlung Bührle darin einen Vorzugsplatz einnehmen.

Und doch kommt nicht nur Freude auf. Die Sammlung ist umstritten, da sie auch NS-Raubkunst umfasst. Bührle, der als gebürtiger Deutscher die Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon in der Nähe von Zürich erst geleitet, dann übernommen und zum seinerzeit größten schweizerischen Industriebetrieb ausgebaut hatte, machte sein Vermögen nicht zuletzt mit Waffenlieferungen in alle Welt – und das bereits im Zweiten Weltkrieg. In diesen Jahren tätigte er erste Kunstkäufe, darunter aus dem Besitz des Pariser Kunsthändlers Paul Rosenberg, der vor den Nazis fliehen und seine Bestände in Frankreich zurücklassen musste. 1948 wurde Bührle zur Restitution verurteilt, allerdings kaufte er die Werke von Rosenberg – diesmal rechtmäßig – zurück und war weiterhin ein guter Kunde des Galeristen.

Einblick in den Ausstellungsraum im Kunsthaus Zürich. Foto: FBM Studio
Einblick in den Ausstellungsraum im Kunsthaus Zürich.Foto: FBM Studio

Der Raubkunstverdacht lässt sich schwer ablegen

Manche Geschäfte wurden unter der Hand abgewickelt, so mit dem aus Deutschland vertriebenen Walter Feilchenfeldt, der in der Schweiz mit Berufsverbot belegt war: Ein schriftlicher Kaufvertrag hätte Bührle wenig, Feilchenfeldt indessen aufs Höchste gefährdet. So fehlt es nun an Dokumenten, um die Rechtmäßigkeit zweifelsfrei nachzuweisen. Zwar ist die Stiftung Bührle bemüht, den Raubkunstverdacht durch Offenlegung aller Provenienzen zu entkräften, aber, wie der Lateiner sagt: semper aliquid haeret, etwas bleibt immer hängen.

Dazu ist nun das „Schwarzbuch Bührle“ erschienen, dessen Untertitel „Raubkunst für das Kunsthaus Zürich?“ trotz Fragezeichen den Verdacht eher unterstreicht. Die Herausgeber, die Publizisten Thomas Buomberger und Guido Magnaguagno – einst Vizedirektor des Kunsthauses –, haben Beiträge zur Person Bührle, seinem Reichtum und seinen Käufen zusammengetragen. Und damit auch zum Kunsthaus, das sich mit der Annahme der zunächst auf 22 Jahre befristeten Dauerleihgabe in eine Bredouille gebracht hat. In Zürich wird gerade heiß diskutiert, ob die Kollektion herausragend genug ist, um als Leitgestirn der Kunsthaus-Erweiterung zu fungieren, oder ob ihre Werke besser in die Bestandssammlung integriert werden sollten. Das Museum kämpft seit Jahren mit Besucherschwund und sorgt sich, dass der von David Chipperfield entworfene Ergänzungsbau den Altbaukomplex vollends entvölkern könnte.

Eine Sammlung, die noch lange beschäftigt

Bührle hatte zeitlebens mit der Reserviertheit des stockkonservativen Zürcher Großbürgertums zu kämpfen. 1937 wurde er zwar eingebürgert, aber gleichwohl gemieden. Es war leicht, seine Waffengeschäfte anrüchig zu finden, doch gerade die Schweiz machte während des Krieges gerne Geschäfte mit dem Deutschen Reich und dem besetzten Frankreich. Bührle setzte kulturelles Mäzenatentum zielstrebig zur Statusanhebung ein; so finanzierte er 1958 den Anbau ans alte Kunsthaus. Das Ensemble des Zürcher Schauspielhauses indessen lehnte eine Millionenspende des Waffenfabrikanten ab. Nach Bührles Tod 1956 geriet sein Konzern in Turbulenzen und wurde aufgespalten. Die Firma „OerlikonBührle“ ist Geschichte, die Sammlung ihres als ebenso weitsichtig wie rücksichtslos beschriebenen Patrons jedoch wird das Kunsthaus Zürich noch lange beschäftigen.

Thomas Buomberger, Guido Magnaguagno (Hrsg.): Schwarzbuch Bührle. Rotpunktverlag Zürich, 256 Seiten, 20 Tafeln, 34 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben