Zur Jubiläums-Ausgabe von Michael Endes "Jim Knopf" : Eine kleine Farbenlehre

Kinderbücher müssen politisch korrekt sein - bei klassischen Opern streicht niemand die kritischen Passagen zusammen. Christiane Peitz liest „Jim Knopf“ und lauscht Mozarts „Zauberflöte“

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Szene aus der "Augsburger Puppenkiste": Lukas der Lokomotivführer und Jim Knopf. Foto: Jens Wolf/dpa
Szene aus der "Augsburger Puppenkiste": Lukas der Lokomotivführer und Jim Knopf.Foto: Jens Wolf/dpa

Der „Neger“ bleibt drin, hat der Thienemann-Verlag für die Jubiläums-Ausgabe von Michael Endes Klassiker beschlossen. Rassismus hin oder her: Erstens stammt er aus dem Munde des vom Untertanen Geist beseelten Herrn Ärmel, der die Ankunft des Postpakets mit dem schwarzen Baby Jim mit der Bemerkung „Das dürfte vermutlich ein kleiner Neger sein“ quittiert. Zweitens, so Verlegerin Bärbel Dorweiler, gibt es im gleichen Buch den Scheinriesen Tur Tur, der in eigener Sache (alle haben Angst vor ihm, weil er so anders aussieht) eine kleine antirassistische Rede hält. „Eine Menge Menschen haben doch irgendwelche besonderen Eigenschaften. Herr Knopf zum Beispiel hat eine schwarze Haut. So ist es von Natur aus, und dabei ist nichts weiter Seltsames, nicht wahr!“, führt Herr Tur Tur aus. „Warum soll man nicht schwarz sein? Aber so denken leider die meisten Menschen nicht. Wenn sie selber zum Beispiel weiß sind, dann sind sie überzeugt, nur ihre Farbe wäre richtig und haben etwas dagegen, wenn jemand schwarz ist.“

55 Jahre hat Michael Endes Kinderbuch nun schon auf dem Buckel. Herrschaftszeiten, denkt man da. Und blättert durch das Programm des Stadttheaters Trier aus den Siebzigerjahren, das die Schulfreundin einem kürzlich vermachte – in Erinnerung an die gemeinsamen Theaterbesuche zu Teenie-Zeiten. Der Intendant mischte damals mit mutigen Programmen die Stadt auf, dennoch wird im Prospekt das Gastspiel eines „original afrikanischen Neger-Balletts“ beworben. Offenbar machten sich noch in den Siebzigern in der deutschen Provinz auch linke und liberale Kulturschaffende keine Gedanken über den Rassismus der Sprache.

Political Correctness steht im Widerspruch zur Freiheit des Wortes

Die Zeit entschuldigt nichts, es ist komplizierter. Die antisemitischen Passagen in Bachs Passionen, den „Mohr“ Monostatos in der „Zauberflöte“, Shakespeares „Othello“, den Moor of Venice – niemand wird diese Texte zusammenstreichen wollen. Auch „Jim Knopf“, „Pippi Langstrumpf“ oder Otfried Preußlers „Kleine Hexe“ sind Klassiker ihrer Zeit. Aber wer immer sie Kindern vorliest, verwandelt sie der Gegenwart an – sie werden nicht als historische Werke wahrgenommen.

Also bleibt nur der Disput über jeden einzelnen Fall. Bei Lindgren und Preußler haben Oetinger und der Thienemann-Verlag den „Negerkönig“ und das „Negerlein“ gestrichen. Wer Bachs „Johannespassion“ oder Mozarts „Zauberflöte“ aufführt, von dem wird zu Recht erwartet, sich über die aus heutiger Sicht verwerflichen Charaktere und Zeilen Gedanken zu machen, ihre Provenienz und Rezeptionsgeschichte womöglich mit zu inszenieren.

Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Kolonialismus: Political Correctness kann ein Spielverderber sein, steht oft im Widerspruch zur Freiheit des Worts. Arbeit macht sie allemal, aber es hilft nichts. Es geht nicht ohne die Mühe, sich öffentlich zu verständigen, immer wieder neu. Über Blackfacing im Theater. Über Frauen- und Männerstereotypen im Hollywoodkino. Über den Clash der Kulturen in Mozarts „Entführung“. Darüber, was der habgierige Alberich des Antisemiten Wagner in heutigen „Ring“-Inszenierungen zu melden hat. Wie afrikanische oder aztekische Kunst moralisch integer im Berliner Humboldt-Forum präsentiert werden sollen. Und dass die Fantasie auch künftig Ungeheuer hervorbringt, alles andere wäre ihr Tod. Denn Herr Tur Tur hat leider recht damit, dass die meisten Menschen mitunter ungeheuerlich denken. Es geht darum, dass sie nicht danach handeln.

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