Kultur : Zurück: Heitere Damen

Gyde Cold

"Der Sieger" ist ein Gerippe in deutscher Uniform. In Siegerpose thront der Tod auf einem Leichenberg und richtet seinen Blick stolz auf eine Landschaft, die er verwüstet hat, in der Ferne der gebrochene Eiffelturm. Seherisch veranlagt, malte Georg Netzband schon ein Jahr vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich eine Abrechnung mit den Kriegsgreueln. Das Haus am Lützowplatz präsentiert (bis 7.1.) Werke des Künstlers Georg Netzband (1900 bis 1984), die in ihrer Haltung sehr entgegengesetzt sind: einerseits anklagende Kriegsbilder, andererseits harmloses Berliner Genre. Ein drittes Kapitel zeigt das symbolistische Spätwerk. Netzband gehörte in den Zwanziger Jahren der Novembergruppe an, in der er neben Otto Dix und George Grosz ausstellte. Sein Stil fußt im Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit. Das großartige Hauptwerk, "Der Abgrund" von 1932, lehnt sich an da Vincis "Apokalypse" an: Von einer Felsnadel herab stürzt die Menschheit ins Verderben, nackt, einander haltend. Seit 1936 wurde Netzband mit Ausstellungsverbot belegt. Die Werkschau legt ihren Schwerpunkt auf wohlgefällige Alltagszenen, in denen sich der Künstler vorsichtig zurückhält. In den Schilderungen des Berliner Lebens dokumentiert er farbenfroh die Vergnügungen der Damenwelt im KadeWe oder im Café Kranzler und zeigt die feine Gesellschaft bei ihren Opernabenden. In Szenen aus der Arbeitswelt guckt er hinter die Kulissen und fängt humorvoll etwa die Dynamik der wirbelnden Schuhverkäuferinnen bei Leiser ein. Nachdem Netzband 1947 aus russischer Gefangenschaft zurückkehrte, widmete er sich in einer Serie den Arbeitern in der Borsigfabrik. Die Dreher sind durch blaue Farbe mit ihrer Werkbank verschmolzen, nur von gelben Lichtseen getragen, krümmen sie sich an den Werkbänken. Leider zeigt die Ausstellung keine von Netzbands ausdrucksstarken Holzschnitten oder Zeichnungen, die den Einblick in sein Werk wesentlich vertieft hätten.

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