Kultur : Zwischenweltsplitter

Veni, vici, Video: Hanna Schygullas „Traumprotokolle“ als Installation.

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Somnambul. Hanna Schygulla in ihrem Video „Schwester“ (1979/2005). Foto: Hanna Schygulla/AdK
Somnambul. Hanna Schygulla in ihrem Video „Schwester“ (1979/2005). Foto: Hanna Schygulla/AdK

Mit Rainer Werner Fassbinder und dem Film „Die Ehe der Maria Braun“ (1979) war sie auf dem Sprung, im maßgeschneiderten Nachkriegslook auch international zur Kino-Ikone aufzusteigen. Davon beflügelt, wünschte sich Hanna Schygulla, den nächsten Film mit ihrem Entdecker zusammen zu entwickeln. Nicht nur spielen, sondern auch mitinszenieren wollte sie die Geschichte der schizophrenen Künstlerin Unica Zürn, die Unmögliches tat und fantasierte – etwa auch die Wiedervereinigung des geteilten Berlin.

Das Projekt kam nicht zustande, der Meister hatte andere Sorgen, und Hanna Schygulla fiel in eine Krise. Warum nicht mit dem bezahlbaren neuen Medium Video privat dagegen angehen, fragten sie damals gute Freunde. So kaufte sie sich eine Akai-Kamera, schloss das Monitorbild an ihren Fernseher an, setzte Licht und fokussierte das Bild mit der Fernbedienung.

Schmal, jung und ungeschminkt sieht man Hanna Schygulla in diesen Arbeiten. Sieben kurze Filme vom Ende der siebziger Jahre und zwei neue, knapp drei Jahrzehnte später entstandene, stellt die Rauminstallation „Traumprotokolle“ nach Vorführungen in Paris und New York jetzt in der Akademie der Künste Berlin aus. Teils an die Wände, teils auf frei schwebende LED-flächen projiziert, zieht einen die Anordnung dieser Selbstbespiegelungsszenen in ein dunkles Labyrinth, in dem sich visuelle und akustische Traumsplitter überlagern – leider zulasten der Verständlichkeit von Hanna Schygullas vielfach hallender Voice-Over-Stimme.

Das Zwischenreich der Träume temperierte schon in Fassbinders Filmen ihre einzigartig somnabule Aura. Dass dieser Stil kaum durch perfektionierte Schauspieltechniken herbeiinszeniert ist, sondern einer beständigen Suche nach dem verletzlichen Zugang zur eigenen Kreativität entstammt, hat Hanna Schygulla zuletzt in ihrer Autobiografie „Wach auf und träume“ entfaltet. Die „Traumprotokolle“ erschließen das blitzartig, besonders eindrucksvoll, wenn man ihre Filme kennt und sie ins Verhältnis dazu setzen kann, wie frei sie als 70-Jährige über die Brücken zwischen ihrer Kunst und ihrem Selbst reflektiert.

Damals, in der Krise, hielt sie einen Traum fest, in dem sie auf dem Weg in eine Apotheke bemerkt, dass sie in der Plastiktüte ein Kind mit sich trägt, das vielleicht tot, vielleicht lebendig ist – das Kind, das sie einmal war und aus dessen überschäumender Weltoffenheit alle Spiellust herrührt. Ein anderer Kurzfilm reißt ihre Auseinandersetzung mit dem Mythos der RAF-Terrorfrauen an, indem sie ihr Gesicht nach Art der Fahndungsbilder inszeniert.

Ungefällig, uneitel, rauer als das melancholische Image ihrer frühen Filme wirken die Traumskizzen. Hanna Schygulla löste sich im Lauf ihrer Karriere, die rund 120 Filme umfasst, davon. Anti-Karriere nennt sie die großen Brüche darin, für die sie sich entschied, um über zehn Jahre lang ihre alten Eltern zu pflegen.

Diese Nähe forderte indes auch die schmerzhafte Konfrontation mit deren Nazi-Mitläufertum heraus. Zur Zeit von Hanna Schygullas Geburt 1943 lebten die Eltern in der Nähe von Auschwitz. Weil der Vater das Holocaust-Denkmal in Berlin für überflüssig erklärte, setzte sie seiner Ignoranz 2007 den Kurzfilm „Hanna Hannah“ entgegen.

Thema: Die Säulenlandschaft des Mahnmals im Wechsel der Jahreszeiten, aufgeschnappte Spontankommentare der internationalen Besucher, schließlich die zwiespältige Notiz, mit der Hanna Schygulla bekundet, dass sie versäumt habe, ihre Mutter zu fragen, wer die „besondere Hannah“ gewesen sei, der die Tochter ihren jüdischen Vornamen verdankt.

„Auch ein alter Baum trägt neue Äpfel“, mit diesem Sprichwort unterstrich Hanna Schygulla im Gespräch mit den Ausstellungsmachern der Akademie der Künste ihr bedächtiges Aufbruchsgefühl. Einst war der Wechsel zum Filmemachen eine Episode. Die Installation zeigt, wie daraus etwas von Dauer wurde – aus anhaltender Notwendigkeit.

Akademie der Künste, Pariser Platz, bis 30.3., Di–So 11–19 Uhr. – Siehe auch Susanne Kippenbergers Begegnung mit Hanna Schygulla in der heutigen Sonntagsbeilage.

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