Abschied : Letztes Jahr im "Marienhof"

Deutschlands älteste Daily Soap im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wird nach 4053 Folgen eingestellt. Auflösung, Ausverkauf und große Party: Ein Gespräch zum Abschied mit Hauptdarsteller Simon-Paul Wagner.

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Wo ist das Geschirr? Über 6000 Kleidungsstücke und weiterer Fundus aus 19 Jahren „Marienhof“ werden in diesen Tagen veräußert. Simon-Paul Wagner, einer von 20 Hauptdarstellern (auf dem Foto re.), hat sich am Ende auch noch etwas mitgenommen.
Wo ist das Geschirr? Über 6000 Kleidungsstücke und weiterer Fundus aus 19 Jahren „Marienhof“ werden in diesen Tagen veräußert....Foto: Bavaria

Über den Charme von Geisterstädten lässt sich streiten. Über die Gründe weniger: beim Bau von Stauseen, von Truppenübungsplätzen, die unerquickliche Lage im Sperrgebiet der innerdeutschen Grenze oder Evakuierungen nach Katastrophen. Der „Marienhof“ ist nun nicht gerade Tschernobyl, aber wenn Simon-Paul Wagner, einer der Hauptdarsteller von Deutschlands ältester Seifenoper im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, in diesen Tagen durch die Kulissen-Steppe in den Münchner Bavaria-Filmstudios geht, ist ihm schon ein bisschen mulmig. „Plötzlich ist nichts mehr da, kein Anhaltspunkt.“ Aber es täte dennoch gut zu sehen: „Das Ding ist jetzt wirklich vorbei.“ Vorbei nach 19 Jahren, vorbei seit dem 11. Februar. 2011 An diesem Tag fiel die letzte Klappe im „Marienhof“.

Die werktägliche Serie läuft seit Oktober 1992 im ARD-Vorabendprogramm. Damals regierte in den USA noch George Bush senior, damals moderierte Ulli Potofski Fußball-„Anpfiff“ bei RTL, es gab zwei Soaps im deutschen Fernsehen, heute sind es elf. Man muss kein Freund billig produzierter Fernsehware sein, um zu sagen: Das ist ein Stück Fernsehgeschichte, die Geschichten und Probleme eines fiktiven Kölner Stadtteils, in dem das Café „Dailys“, die Bäckerei „Back Dat“, das Restaurant „Wilder Mann“, die Kneipe „Uns Veedel“, das Erich-Kästner-Gymnasium, die Diskothek Foxy sowie verschiedene Wohnhäuser angesiedelt sind. Und Bewohner allesamt aus dem kleinbürgerlichen Milieu, ähnlich der „Lindenstraße“.

Simon-Paul Wagner hat in diesem Mikrokosmos neun Jahre lang den „Marlon Berger“ gespielt, gelebt, geliebt, gelitten, getrauert. Der 26-Jährige kennt jede Ecke, jeden Stein, jedes Stück Pappe im „Marienhof“, genauer gesagt in den Bavaria-Filmstudios. Als im Herbst vergangenen Jahres bekannt wurde, dass die Serie nach 19 Jahren eingestellt wird, war Wagner relativ gefasst. „Das war ja wegen der schlechten Quoten und der größer werdenden Konkurrenz an Soaps keine Überraschung.“ Damit konnte er sich vorher lange auseinandersetzen, auch wenn es 2009 mit einem großen Format-Relaunch samt Kulissen-Explosion noch einen Versuch gab, die Serie wiederzubeleben. Vergeblich. 1,5, 1,6 Millionen Zuschauer im Schnitt, am Anfang waren es mal vier Millionen, knapp acht Prozent statt der geforderten zehn Prozent Marktanteile; dass war der ARD am werberelevanten Vorabend zu wenig.

Am 3. Juni wird im Ersten die letzte Folge ausgestrahlt, die 4053. Vorbei, Schluss. Eine Serie wird ausverkauft. „Ich bin bis jetzt in kein Loch gefallen. Alles hat mal ein Ende“, sagt Wagner. Das klingt erstaunlich nüchtern. Bei Stausee-Bauten werden die Bewohner der betroffenen Dörfer umgesiedelt. So einfach ist das für die 20 Hauptdarsteller und die über 100 Mitarbeiter aus der „Marienhof“-Produktion nicht. Einige von ihnen konnten für eine neue Bavaria-Soap-Produktion mit dem schönen Titel „Herzflimmern“ übernommen werden, diesmal im ZDF. Start ist hier bereits am 4. April. Andere müssen sich nach einem neuen Job umsehen, von Viktoria Brahms, „Marienhof“-Darstellerin der ersten Stunde und Absolventin der Otto-Falckenberg-Schule bis hin zu Simon-Paul Wagner, der im Alter von zehn Jahren über eine Kindercasting-Agentur zu Episodenrollen in Serien kam, mit 16 nach dem Realschulabschluss zum Ensemble des „Marienhof“ stieß und keine Schauspielschule besucht hat. Ähnlich übrigens wie Til Schweiger, dessen Karriere Ende der 1980er Jahre mit einer Rolle in der „Lindenstraße“ begann.

Til Schweiger? Das wäre ein Traum, aber er wolle sich jetzt nicht mit dem Schauspiel- und Regiestar vergleichen, sagt Simon-Paul Wagner. Angst, auf ein Soap-Gesicht, auf das Billig-Image dieser TV-Formate reduziert zu werden, hat Wagner nicht. Es ist eh’ über die Branche anerkannt, was die Darsteller dieser Art industriell hergestellten TV-Fiction größtenteils draufhaben. An einem Tag muss bei einer Daily so viel Material produziert werden wie sonst bei einer wöchentlich ausgestrahlten Serie.

Es habe schon ein paar Soap-Angebote gegeben, so der in Berlin geborene Schauspieler, aber es sollte bislang noch nicht sein. „Ich bin da optimistisch, weil ich immer auch andere Sachen machen konnte: eine kleine Kino-Rolle an der Seite von Jürgen Vogel, Moderation bei ,taff’, eine eigene Kindersendung.“ Er nutze die Zeit mit Workshops.

In eine andere Telenovela oder Soap wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, der ersten deutschen Seifenoper, würde er liebend gerne wieder einsteigen. „Ich mag diesen Stresspegel, mag es, in dieser langen Zeit extrem viele Geschichten erzählen zu können.“ Als Marlon Berger war er Boxer, anabolikaabhängig, hatte zwei Frauen umgebracht, eine indische Bollywood-Hochzeit. Er sehe auch, dass Soap-Darsteller in andere Produktionen hineinkommen, in Weeklys oder Kinoproduktionen. Er würde gerne mal einen „Rosamunde Pilcher“ drehen, „Traumschiff“ oder etwas Sportliches wie bei „Lasko“.

Ein Blick nach vorn, kein Blick zurück im Zorn also. Über ein Drittel seines Lebens hat Simon-Paul Wagner im „Marienhof“ verbracht. Ob er sich noch an die erste Szene erinnern kann? „Keiner vergisst das. September 1999. Ich war auf einer Schülerparty.“ Gleich am ersten Drehtag musste Wagner mit einer Komparsin auf dem Tisch stehen und rumknutschen. „Knutschen war nicht die Herausforderung. Eher die Tatsache, dass das so extrem schnell geht bei einer Soap.“ Am Ende war der „Marienhof“ offenbar nicht mehr schnell genug, um sich den mit den Soaps im Privatfernsehen veränderten Sehgewohnheiten der jungen Zuschauer anzupassen. 18 Szenen statt anfänglich elf wurden zuletzt in eine 23-minütige Folge gepackt. Es hat nicht mehr gereicht.

Am letzten Drehtag, am 11. Februar standen noch mal alle „Marienhof“-Schauspieler vor der Kamera. Danach gab es eine große Party, bis in den nächsten Abend, sagt Wagner. Das sei nicht dramatisch, sondern sehr lustig, sehr positiv gewesen, wie eigentlich immer im „Marienhof“. „Wir waren ein bunter, chaotischer Haufen, hatten die legendärsten Partys bei der Bavaria.“

Dort, in den Hallen 4/5 mit den Innenkulissen, ist es jetzt menschenleer. Die Außenkulisse vom „Marienhof“ soll für Touristentouren erhalten bleiben. Das Kneipenschild „Uns Veedel“ hängt im Wind. Die Innenhallen wurden komplett abgebaut. 6000 Kleidungsstücke und weiterer Fundus gingen in den Requisitenverkauf. Simon-Paul Wagner hat sich ein teures Geschirr mitgenommen.

„Marienhof“, Montag bis Freitag, ARD, 18 Uhr 25

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