Anne Will zum Integrationsgesetz : Kameras Liebling

Thema Integrationsgesetz: Wie Frauke Petry die Runde bei Anne Will beherrschte. Darunter litt die ganze Sendung. Und niemand zeigte der AfD-Sprecherin ihre Grenzen auf.

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"Ach nö": Frauke Petry im Talk.
"Ach nö": Frauke Petry im Talk.Screenshot: Tsp

Ein Satz, um das große Unbekannte zu erklären, reicht eben nicht. Anne Will versucht es und scheitert, und unter diesem Startproblem leidet die ganze Talkshow am Sonntagabend. Wussten Sie, dass Deutschland ein Integrationsgesetz bekommt, über das die Bundesregierung in diesen Tagen beraten wird? Wenn Sie es nicht wussten, haben Sie Pech gehabt. Sie erfahren nämlich auch nicht, was dieses Gesetz für ein Ziel hat.

Bestimmt nicht nur, wie Anne Will behauptet, um für eine Million Flüchtlinge zu gelten. Denn das bedeutete ja, dass Deutschland vor der Fluchtwelle des Jahres 2015 kein Integrationsproblem gehabt hätte – und das will wohl wirklich keiner argumentativ vertreten.

Da, wo sonst bei Talkrunden mit einem Einspieler ein komplexes Thema Bodenhaftung bekommt, erfolgt bei Anne Will – nichts. Eigentlich hätte jemand an diesem Punkt erklären müssen, dass dieses Land vor allem ein Einwanderungsgesetz braucht, und keines für Integration. Und wenn doch, dann nicht erst jetzt, und vor allem darf es nur um Bildungschancen gehen, um Sprachkurse, Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Miene spricht Bände: Frauke Petry
Miene spricht Bände: Frauke PetryScreenshot: Tsp

Der Einleitungssatz bleibt einsam und ohne weitere Sinnfüllung, und auch ein hochkompetentes Gästequintett kann daran nichts mehr ändern, weil eine der fünf, die AfD-Bundessprecherin Frauke Petry, eloquenter als alle anderen ist, Bundesinnenminister Thomas de Maizière eingeschlossen, zudem gut vorbereitet, die ganze Runde mit unvergleichlich arroganter Miene in Grund und Boden redet.

Unvergleichlich? Nein, Jürgen Trittin in jungen Jahren hatte diesen Gestus auch drauf. Warum Will da nicht mal ein Stoppsignal setzt, warum eine offenbar in Petrys Gesicht verliebte Regie nicht auch eine andere Kamerasicht auswählt, bleibt ein Rätsel. Frauke Petry ist Profi. Sie kokettiert mit der Kamera, spürt, wenn sie im Bild ist, reizt ihre Möglichkeiten aus.

Die Einzige, die das weiß, ist – Frauke Petry

Einer der anderen ist der niederländische Migrationsforscher Ruud Koopmans, jetzt Professor an der Humboldt-Universität, der gerade festgestellt hat, dass unter Muslimen in Europa religiöser Fundamentalismus kein Randphänomen ist, sondern dass zwei Drittel von ihnen die religiösen Gesetze über die ihres Gastlandes stellen.

Die Einzige, die das weiß, ist – Frauke Petry, und sie triumphiert damit. Geht Anne Will darauf ein, dass Koopmans davor warnt, die bislang sehr gut zu integrierenden türkischen Muslime könnten künftig unter die religiös-dogmatische Knute eines Erdogan geraten? Natürlich nicht.

Nicht begeistert: Frauke Petry bei "Anne Will"
Nicht begeistert: Frauke Petry bei "Anne Will"Screenshot: Tsp

Dann ist noch Lamya Kaddor da, 38-jährige Lehrerin aus Nordrhein-Westfalen, mit syrischen Wurzeln, deren Debattenbuch „Muslimisch, weiblich, deutsch“ sie so bekannt gemacht hat wie ihr ganz persönliches Scheitern in einem Integrationsprojekt, denn fünf ihrer Schüler zogen als Freiwillige in den Dschihad nach Syrien.

Fragt jemand nach? Nein. Dietmar Bartsch, Fraktionsvorsitzender der Linken im Bundestag, ist ein kluger Mann, er warnt vor der von Petry aufgezwungenen Nützlichkeitsdebatte (Wen brauchen wir denn?) und erinnert an das unveräußerliche Grundrecht auf Asyl.

Innenminister de Maizière, der überarbeitet wirkt, kann sich wieder einmal von seiner technizistischen Sprechweise nicht lösen. Da er nicht sagen darf und auch nicht will, dass Deutschland vor allem ein Einwanderungsgesetz bräuchte, spricht er wie ein Eisenbahner davon, dass wir den „Spurwechsel“ vom Asyl zur Einwanderung nicht machen dürften, obwohl er selber zugibt, dass Zuwanderer in Deutschland dann besonders erfolgreich sind, wenn sie es auch schon in ihrer Heimat waren.

Und dann mag er nicht ins Detail gehen, obwohl das ganz gut wäre, schon allein, um Petry zu stoppen, für die – unter Bezug auf die Vorkommnisse auf der Kölner Domplatte – alle Ausländer wohl potenziell gefährlich sind, jedenfalls kann man sie so deuten.
Bleibt als Bilanz, dass Anne Will ihre Truppe diesmal nicht im Griff hatte. Wer, wenn nicht Anne Will, hätte Frauke Petry vor 4,21 Millionen Zuschauern sagen können, dass auch für sie irgendwann mal Quasselpause sein muss?

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