ARD-Film „Inklusion" : Idee trifft auf Wirklichkeit

Integration reicht nicht. Eine ARD-Produktion zeigt, was noch möglich ist im Umgang mit Behinderten: Eine Veränderung von Umwelt und Schule, ein Entgegenkommen.

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Von allen Mitschülern verachtet, fühlt sich Steffi (Paula Kroh), die im Rollstuhl sitzt. Ihr Klassenlehrer Albert Schwarz (Florian Stetter) will ihr Mut machen.
Von allen Mitschülern verachtet, fühlt sich Steffi (Paula Kroh), die im Rollstuhl sitzt. Ihr Klassenlehrer Albert Schwarz (Florian...Foto: BR/Caroline Scharff

Seitdem man den lieben Gott nicht mehr allein dafür verantwortlich macht, dass die Menschen ungleich sind, reicht es nicht, wenn der Pfarrer den Dorftrottel und die Spastikerin in sein Gebet einschließt. Jetzt sind die Mitmenschen hier auf Erden gefordert, der Ungerechtigkeit von Mutter Natur etwas entgegenzusetzen. Ein neues Programm für Behinderte heißt „Inklusion“. Anders als die bescheidenere „Integration“ begnügt sich Inklusion nicht damit, Behinderte in der „normalen“ Umwelt und Schule aufzunehmen und von ihnen zu verlangen, dass sie sich einpassen. Inklusion will mehr: Sie verlangt eine Veränderung auch von Umwelt und Schule, ein Entgegenkommen der Institutionen statt bloßer Toleranz. Ein enormes Programm, das noch lange Stoff für Debatten liefern wird, vorausgesetzt, es bleibt auf dem Tisch. Das ist fraglich, denn es soll – außer Geduld und Gehirnschmalz – nichts kosten.

Der Film „Inklusion – gemeinsam anders“ von Marc-Andreas Bochert (Regie) und Christopher Kloeble (Buch) geht ohne falsche Scham gleich zu Beginn auf die Kostenfrage los. Eine Rousseau-Schule hat sich erboten, Inklusion zu praktizieren und zwei behinderte Jugendliche aufzunehmen, den geistig zurückgebliebenen Paul und die gelähmte Steffi, und so mit gutem Beispiel voranzugehen. Aber der Schulrat sagt gleich Bescheid: Geld ist keines da. Und so ruft denn auch Direktorin Simm (Kirsten Block) umsonst nach den eigentlich zugesagten Schulhelfern, auch die notwendige Barrierefreiheit im Schulgebäude kommt nicht zustande. Alle Lasten fallen auf die Schultern von Klassenlehrer Albert Schwarz (Florian Stetter), der fest an den Sinn der Inklusion glaubt und sich bei der Umsetzung so weit aufreibt, dass seine Ehe in die Krise gerät. Der täppische Paul (Max von der Groeben) müht sich redlich, schafft aber den Anschluss nicht wirklich.

Die intelligente Steffi (Paula Kroh) müht sich auch – aber nicht ums Inkludiertwerden, sondern um den Nachweis, dass eine Rollstuhlfahrerin wie sie im Grunde von allen verachtet wird. Es kommt zu Konflikten, Lehrer Schwarz rennt als Feuerwehr hin und her, und die Skeptiker, die immer schon dagegen waren, besonders die Eltern begabter Kinder, die um das Fortkommen ihres Nachwuchses fürchten, drohen, die Oberhand zu gewinnen.

Aber „Inklusion“ ist kein Thesenfilm, sondern ein Movie, das bewegt, weil es Schicksale erzählt. Die Thesen fallen sozusagen nebenbei ab. So, wenn Marie, eine Spitzenschülerin, die Paul helfen will, ihrem Freund anvertraut, dass sie an einem Fuß sechs Zehen hat. Albert Schwarz bringt es auf den Punkt, wenn er zu seiner Frau sagt: „Schau dich doch um, jeder ist irgendwie anders.“ Aber noch hat diese Art Relativismus, die die Behinderung quasi wegerklären will, was von Gesundbeterei. Die UN-Konvention, die hinter dem Inklusionsprogramm steckt, ist groß gedacht und gut gemeint, aber ist sie auch umsetzbar?

Der Film weiß um diese Problematik und spielt sie aus, er stellt sich den Ambivalenzen, auch im Privaten. Sehr fein gezeichnet ist die Beziehung Pauls zu seiner allein erziehenden Mutter (Milena Dreißig). Klar ist die Frau überfordert, sie geht auch ruppig um mit ihrem schwierigen Sohn, aber das Wesentliche macht sie richtig, indem sie zu ihm hält. Steffi hat es mit ihrer Mama nicht so gut getroffen, dafür hat sie einen Vater, der Himmel und Hölle für sie in Bewegung setzt. Dabei nimmt er jeden Kollateralschaden in Kauf. Als Steffi dem armen Paul hinwirft: „Deine Mutter hat dich sowieso nur fürs Kindergeld gekriegt“, springt der Beleidigte ihr an die Gurgel. Woraufhin der Vater in der Schule eine Untersuchung fordert.

Es braucht noch viele Rousseau-Schulen, viele Mütter wie die von Paul und viele Lehrer wie Herrn Schwarz, um den humanitären Traum der Inklusion Wirklichkeit werden zu lassen. Dieser Film ist von der Art: Idee trifft auf Wirklichkeit, und alles gerät aus der Bahn, auch die Idee. Aber die Wirklichkeit wird schon bei diesem ersten Test eine andere. Und die Idee könnte sich regenerieren, wenn man ihr die Schulhelfer und die Barrierenfreiheit finanziert. Diesen Optimismus leistet sich der Film.

„Inklusion“, ARD, 20 Uhr 15

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