Medien : Berlins Kiezbühne

Walter Mayer will aus der „B.Z.“ wieder eine ernst zu nehmende Zeitung machen

Ulrike Simon

Es sei der rote, geschwungene Schriftzug der „B.Z.“ am Europacenter gewesen, den er als erstes gesehen habe, als er damals, in den 70ern, am Bahnhof Zoo aus dem Zug gestiegen ist, erzählt der Österreicher Walter Mayer. Seither war die „B.Z.“ für ihn gleichbedeutend mit dem Begriff Großstadt.

In den vergangenen Jahren ging es mit der „B.Z.“ bergab. Zunächst konnte man sich wenigstens über sie ärgern. Dann wunderte man sich immer häufiger, schließlich nahm man nur noch selten Notiz von ihr. Seit ein paar Wochen hat sich das geändert. Sie wirkt heller, wie sie da auf dem Tresen am Kiosk liegt, es wird hin und wieder sogar schon wieder darüber geredet, wenn sich die Redaktion etwas Originelles hat einfallen lassen.

Im November ist Walter Mayer, der bei der „B.Z.“ von 1998 bis Ende 2000 schon einmal Stellvertreter des Chefredakteurs war, zu der Berliner Boulevardzeitung zurückgekehrt. Mitgebracht hatte er einen Dummy, eine probeweise produzierte „B.Z.“, wie sie künftig aussehen könnte. Am heutigen Montag ist es soweit. Vier große Neuerungen prägen das Gesicht der neuen „B.Z.“: Einzigartig sind die Seiten 4 und 5, die die Nachrichten des Tages in Form von Fotos erzählen. Die Mittelseite zum Herausnehmen ist der Fernsehberichterstattung mit großzügigem Programm und dem Kreuzworträtsel gewidmet. Die letzte Seite gehört dem Sport und funktioniert wie eine zweite Titelseite. Und die Seite „Haushalt & Sparen“ stellt die günstigsten Schnäppchen der Stadt vor. Am auffälligsten ist die neue, feiner und eleganter wirkende Schrift, die schon seit Wochen immer mal wieder im Blatt auftaucht und die alte von heute an ganz ablöst. Es ist dieselbe, wie sie das englische Tabloid „Daily Mail“ verwendet. Schon als Teenager hatte Mayer eine Schwäche für die englische Blattmacherkunst und ihren kreativen Umgang mit journalistischen Stoffen.

Einige Journalisten, auch aus der Zeit, in der Mayer Chef von „Tempo“ war, schreiben nun wieder für die „B.Z.“. Die ersten von sieben vakanten Stellen, die sein Vorgänger hinterlassen hatte, sind besetzt. Im Februar kommt Friedemann Weckbach-Mara, um dem Blatt auch politisch wieder Leben einzublasen. Ein erster Test, die „B.Z.“ im Abonnement für 14 Euro 90 monatlich anzubieten, beginnt mit dem heutigen Tag. Ob und inwieweit sich der Sinkflug der Auflage stoppen lässt, kann niemand vorhersagen. Schon sprach Uwe Vorkötter, Chefredakteur der „Berliner Zeitung“ davon, sein Ziel sei es, der „B.Z.“ den Titel „Berlins größte Zeitung“ streitig zu machen. 30 000 Exemplare trennen die Auflagen der Abo- und der Boulevardzeitung derzeit. Allein innerhalb der vergangenen drei Jahre verlor die „B.Z.“ knapp 55 000 an Auflage (siehe Grafik).

Während das Genre Boulevard von vielen als unseriös und minderwertig verachtet wird, schätzt Mayer am Boulevardjournalismus den phantasievollen, literarisch aufgewerteten Umgang mit Geschichten, bei dem nicht zwischen Unterhaltung und Ernst getrennt wird und die optische Darstellung eine überragende Rolle spielt. Die „Bild“-Zeitung, bei der er zuletzt arbeitete, habe in diesem Genre eine Bedeutung wie „Hollywood“, während die „B.Z.“ die bescheidene Kiezbühne sei, was den Vorteil habe, „dass die Zuschauer ganz nah an der Bühne sitzen“ und die Dinge authentisch erleben.

Spricht Mayer von der „B.Z.“, schwebt ihm eine „warmherzige Volkszeitung“ vor; eine moderne „Heimatzeitung“, frei von Dünkel, die die Leute ernst nimmt, meinungsstärker ist als in der Vergangenheit, aber weder arrogant noch bösartig wirkt. Daran selbstbewusst zu arbeiten, Themen richtig zu erkennen und umzusetzen, sagt Mayer, sei sein Ziel.

Die Geschichte der „B.Z.“ geht bis ins Jahr 1877 zurück. Sie galt als die Stimme Berlins , nach der Teilung der Stadt blieb sie die Stimme West-Berlins. Billy Wilder arbeitete für die „B.Z.“, ebenso Will Tremper, Oswalt Kolle , Wolfgang Rademann und Wolfgang Menge. In den vergangenen Jahren hat das Blatt nicht nur Auflage, sondern vor allem an Glaubwürdigkeit und Bedeutung verloren. Jetzt versucht die „B.Z.“ unter Walter Mayer , 45, (Foto oben) einen Neuanfang .

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