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Bewertungsportale für Kulturveranstaltungen : Zuschauer werden Kritiker

06.01.2013 00:00 Uhrvon
Regt zum Schreiben an: Rod Schmid hat das Portal livekritik.de gegründet.Bild vergrößern
Regt zum Schreiben an: Rod Schmid hat das Portal livekritik.de gegründet. - Foto: Promo

Für Reisen, Restaurants und Filme werden Bewertungsportale im Netz bereits häufig genutzt. Nun gibt es auch immer mehr Websites, auf denen Nutzer Kulturveranstaltungen beurteilen können.

Das Symbol ist bekannt: Streckt jemand den Daumen nach oben, ist alles gut, zeigt er nach unten, wird es ungemütlich. Wer sich das Fazit der 48 Besucherbewertungen zum Musiktheaterstück „Berliner Leben“ auf livekritik.de ansieht, bleibt allerdings ratlos. Der Daumen steht waagerecht, ein klares Jein. Sieht so eine Entscheidungshilfe aus? Rod Schmid, Gründer des Portals, ist davon überzeugt. Immerhin stünden 48 verschiedene Ansichten zum Stück parat, Lob wie Verrisse.

Seit einem halben Jahr ist die Website livekritik.de online. Als überregionale Bewertungsplattform soll sie Kurzentschlossenen einen schnellen Überblick über das Kulturprogramm liefern.

„Wir sehen uns als Ergänzung zum klassischen Feuilleton“, sagt Schmidt. Jeder Besucher kann dazu beitragen, indem er selbst zum Theater-, Kunst- oder Konzertkritiker wird.

Für Filme, Reisen und Restaurants sind Bewertungsportale längst etabliert. Bei livekritik.de sind Veranstaltungen mit mehr als zwei Rezensionen aber noch die Ausnahme. Von den knapp 1000 angemeldeten Nutzern haben bis jetzt rund 300 selbst Bewertungen geschrieben. „Wir wollen einen neuen Kulturdialog im Internet schaffen“, beschreibt Schmid das ehrgeizige Ziel.

Finanziellen Anschub bringt das sogenannte „Crowdinvesting“, mit dessen Hilfe das Start-up-Unternehmen aus Brandenburg bereits 100 000 Euro aus EU-Fördermitteln erhielt. Wer mindestens fünf Euro übrig hat, kann Anteilseigner werden – 327 Mikroinvestoren hat livekritik.de bislang. „Das Konzept lebt auch inhaltlich von der Beteiligung der Nutzer. Es ist uns daher wichtig, eine langfristige Bindung herzustellen“, sagt Schmid. Als nach eigenen Angaben erstes Kulturmedium hat die Seite auf diese Weise über 50 000 Euro akquiriert, bis zum 22. Januar 2013 kann weiter investiert werden.

Komplett neu ist die Idee, Theater & Co. im Internet zu besprechen und zu diskutieren, indes nicht. Da gibt es zum Beispiel die Seite nachtkritik.de, die im Monat über 200 000 Besucher erreicht. Oder das Portal kultura-extra.de, das monatlich 40 000 Mal aufgerufen wird.

Nachtkritik.de wurde 2007 gegründet, um die Bedingungen klassischer Kritik zu verändern, ohne deren Anspruch zu verlieren. „Wir wollten die Einbahnstraße für den Gegenverkehr öffnen“, sagt Mitgründerin Esther Slevogt. Bis dahin sei die Kritik auktorial gewesen, im Internet treten alle Beteiligten in einen Dialog: „Zuschauer, Macher und Kritiker können auf unserer Seite in zeitgemäßer Form über die Kunst verhandeln.“ Das klassische Feuilleton lebt weiter, es schreiben ausschließlich professionelle Autoren – nur eben in einem anderen Medium.

Bis zum Sommer konnten Leser auch für nachtkritik.de eigene Kritiken schreiben. Dieses Angebot wurde aber kaum angenommen, lieber wollten die Leser diskutieren, sagt Slevogt. Die Theaterkritikerin grenzt nachtkritik.de damit klar von der Neugründung livekritik.de ab: „Es macht einen Unterschied, ob Sie ein fundiertes Urteil fällen oder etwas bewerten wie einen Staubsauger.“ Dennoch sieht Rod Schmid im Konzept, die Mitglieder selbst schreiben zu lassen, einen Mehrwert für Kulturinteressierte. Die Rezensenten sind einfache Besucher und Beiträge zu Opern ebenso gern gesehen wie die zur Comedy. Eine Redaktion zur Durchsicht der Rezensionen gibt es, sie soll aber „möglichst wenig in Erscheinung treten“, sagt Schmid.

Bislang hätten die vier Redakteure keinen einzigen Beitrag löschen müssen. Schmid setzt darauf, dass sich die Nutzer selbst regulieren, indem sie ihre Kritiken gegenseitig bewerten. Die hilfreichsten Texte erscheinen dann zuerst, was als Anreiz wirken soll, hochwertige Beiträge zu schreiben. Der Gründer nennt das den „Wikipedia-Effekt“, das Online-Kaufhaus Amazon verfährt ähnlich.

Die Neugründung sorgt auch bei Verlagen für Interesse. Zwei große Medienunternehmen haben bereits eine Beteiligung angefragt, erste Gespräche werden geführt. Schmid peilt an, dass das Start-up 2014 erstmals schwarze Zahlen schreibt. Noch ist livekritik.de allerdings am Anfang. Der Daumen steht waagerecht. Christopher Weckwerth

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