Medien : Bildungsfernsehen aus dem Dschungel

So tief das Niveau der deutschen TV-Unterhaltung auch gesunken ist – sie schult die soziale Intelligenz. Von Norbert Bolz

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Kaum jemand interessiert sich für die neue Variante von „Big Brother“; niemand akzeptierte Anke Engelke als Neubesetzung von Harald Schmidts Stelle des LateNight-Comedy-Stars. Und auch dem neuen Dschungelcamp abgehalfterter Stars wird man trotz enormen Anfangserfolgs eine schlechte Prognose stellen müssen. Die Grundidee ist ja immer noch die von „Big Brother“: Fernsehen als Labor des Alltagslebens – mit dem Publikum als Versuchsleiter. Das Dschungelcamp, das eine Art nach außen gestülpter Container ist, hat dieses Erfolgsrezept um das Abenteuer als Präparat erweitert. Eine neue Idee ist aber nicht zu erkennen; und deshalb wird auch die Schützenhilfe der „Bild-Zeitung“, die sich zur Zeit in Scheinempörung übt, den Absturz der Quote nicht lange verhindern können.

Das Unterhaltungsfernsehen scheint Schwierigkeiten zu haben. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Zum einen sind die Tabubrüche, mit denen man einmal Aufmerksamkeit fokussieren konnte, ausgereizt – zuletzt das Tabu des Ekeligen, dem die Stars des Dschungelcamps noch einmal erstaunliche Faszinationswerte abgewonnen haben. Und zum anderen gilt vor allem für die Unterhaltungsbranche: Nichts ist knapper als Ideen. Wenn man keine neuen Ideen hat, kann man zunächst wie Drogenabhängige die Dosis erhöhen: noch mehr Hysterie, noch mehr Gewalt. Aber damit gelangt man rasch an die Schamgrenze – oder doch wenigstens an die Schmerzgrenze des Publikums.

Das Unterhaltungsfernsehen hat offensichtlich keine zündenden Ideen und behilft sich deshalb mit dem auch in den Wissenschaften bewährten Verfahren von Versuch und Irrtum. Man kopiert US-Formate – und starrt dann auf die Quote. Einiges überlebt, aber das meiste geht unter. Doch nur Scharlatane des Consulting werden behaupten, zu wissen, wie man es besser macht. Es gibt keine Patentidee für gute Unterhaltung, weil sich auch der Massengeschmack evolutionär entwickelt. Aber man kann ein paar Leitlinien skizzieren, indem man sich über evolutionär erfolgreiche Grundmuster klar wird.

Ob Krimi, Quiz oder Talkshow – Unterhaltungsfernsehen ist die Mythologie der Moderne. Wenn Mythen erzählt werden, geht es nicht um Information, sondern um Partizipation – aber stets so, dass der Held stellvertretend für mich leidet und triumphiert. Personifikation ist die Schlüsseltechnik, die die Massenmedien vom Mythos übernehmen. Heute müssen sich die Helden aber nicht mehr bewähren, sondern mit ihrem Heroismus nur in den Medien posieren. Ist Ballauf vom Kölner „Tatort“ ein Held? Ja, er ist ein moderner Held, denn er sieht aus wie ein moderner Held.

In der Welt der Unterhaltung hat der Held gleich zwei Antipoden, den Trottel und den Verbrecher. Der Trottel ist der Versager, der unter der Norm bleibt und den wir deshalb verspotten. Der Verbrecher ist der Gesellschaftsfeind, der gegen die Norm agiert und den wird deshalb bestraft sehen wollen. Der Held bietet Leistungen über der Norm, und deshalb verehren wir ihn. Diese mythischen Idealtypen genügen, um die Welt zu ordnen.

Mit Sex und Crime, Sport und Talk befriedigt das Unterhaltungsfernsehen ein Begehren nach Erfahrungen. Es wird von Kulturanthropologen aus unserer archaischen Erbschaft des Jägerdaseins abgeleitet. Doch heute ist es natürlich eingebettet in eine Kultur des risikolosen Risikos. Im Film wird der Schock als Konsumgut genießbar; er bietet das ersehnte Neue in der Form der Sensation, d.h. als Gefahr, die man nicht ernst nehmen muss. Was für den vormodernen Menschen Fortuna war, ist für den modernen Menschen die Spannung: selbsterzeugte Ungewissheit. Spannung liegt als kontrollierter Kontrollverlust zwischen der Vertrautheit des Banalen und der Unvertrautheit des Komplexen. Ein spannender Film trainiert uns also im Umgang mit Ungewissheit.

Unterhaltung hat neben der Spannung aber noch einen weiteren Attraktor: das Geschwätz. Klatsch und Talk sind die menschlichen Formen sozialer Fellpflege. Sie trennen innen und außen. Klatsch ist die Form der Konversation, in der es um Standards und Werte geht. Platitüden sind die Rituale der Sprache; sie leisten das gleiche wie das Händeschütteln. Massenmedien weiten nun diesen Klatsch-Mechanismus auf Fremde aus. D.h. Prominente werden von den Zuschauern als Gruppenmitglieder behandelt. Ob ich das Treiben von Dieter Bohlen und Gerhard Schröder in der ARD oder in der „Bild“ verfolge – stets arbeite ich an der Aktualisierung meiner sozialen Landkarte. Insofern entspricht die Unterhaltungsformatierung aller Ereignisse im Fernsehen einer sozialen Notwendigkeit.

Im so genannten Infotainment, das gleichsam zur Information verführen will, greift diese Logik auch auf die Welt der Nachrichten und Berichte über. Denn die eigentliche Botschaft von Nachrichten ist Allgegenwart, eine Art abstrakter Weltzeitgenossenschaft. Tag für Tag wird der Welthorizont für uns abgetastet und alles Auffällige in bewegten Bildern gezeigt. Gerade auch an der Kultsendung der deutschen Aufklärung, der „Tagesschau“, kann man erkennen, dass Fernsehen ein Ritual ist.

Ereignisse und Persönlichkeiten sind Eigenwerte des Fernsehens, die das Chaos der Welt ordnen. Das erklärt, warum das Fernsehen so beliebt ist, obwohl alle über das schlechte, niveaulose Programmangebot klagen. Hier kann ich mir ein Bild von der Welt machen; hier gibt es noch Unmittelbarkeit. Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein. Genau das wird uns ja von den sozialen Systemen, in denen wir funktionieren, vorenthalten. Und gerade deshalb kommen wir nicht von den Medien los. Zumal das Fernsehen lockt, noch in den dümmsten Show, unwiderstehlich mit dem geheimen Konsum des Humanum.

Seit es Privatfernsehen gibt, sehen wir nicht mehr dieselben Sendungen. Doch gleichgültig, was wir einschalten – überall erwarten uns Gerhard Schröder und Günther Jauch. Nicht dass sie uns etwas zu sagen hätten. Fernsehen ist der schlichte Körperkult der Prominenz. Und die gemeinsame Beziehung auf Prominente hält die Gesellschaft zusammen. Wer etwa seinen Sonntagabend der ARD opfert, erlebt alles, was unsere Welt im Innersten zusammenhält. Zunächst den „Tatort“ als unwiderstehliche Propaganda der Political Correctness: Man kann sehen, wie Gerechtigkeit geschieht. Und dann „Christiansen“ – Talk als Kult unserer Staatsreligion. Früher hat man das richtige Verhalten in der Polis gelernt; heute genügt es, den Fernseher einzuschalten.

Im Medium von Klatsch und Tratsch beobachten wir die soziale Komplexität unserer Welt und trainieren so unsere soziale Geschicklichkeit. Wer hat was mit wem? Statt also, wie es die Vertreter der Gutenberg-Galaxis ganz selbstverständlich unterstellen, die Massen zu verblöden, funktioniert Fernsehen als Schule der sozialen Intelligenz. Vorm Fernseher haben wir alle ja gelernt, was uns keine Schule und kein Elternhaus beibringen konnte: So also geht man mit Frauen um; so funktioniert die Welt; das ist Glück!

Fernsehen schult die soziale Intelligenz, indem es zur Beobachtung der sozialen Komplexität einlädt. So wird gerade die viel geschmähte Unterhaltung zum Medium des Lernens. Was soll ich glauben, was begehren? Wir können sagen: Das Fernsehen nimmt sich des Menschen an, den die Gesellschaft ausgeschlossen hat. Das ist der praktische Humanismus des Fernsehens. Es leistet Lebenshilfe bei der Flucht aus der Komplexität.

Wenn Massenmedien Unterhaltung bieten, dann operieren sie nicht mit exakten Informationen, sondern mit Plausibilität und Resonanz. Wer Sinn stiften will, braucht eine gute Geschichte. Sie bietet emotionale Schemata zur Entlastung von der Datenflut. Gefühle fokussieren nämlich Aufmerksamkeit. Und das führt dazu, dass man sich mehr für Schröders Adoptivkind als für die Arbeitslosenstatistik interessiert. Die Welt der Probleme ist nicht die Welt der Gefühle. Und so wird soziales Wissen nicht als Information gespeichert, sondern in Stories.

Und zwar in Geschichten über Berühmtheiten. Wie man Stars designt, ist das tiefste Betriebsgeheimnis der Unterhaltungsindustrie. Stars machen ästhetische Urteilskraft überflüssig; sie ersparen uns Kompetenz. Doch Starkult allein genügt nicht. Schon Walter Benjamin hatte gesehen, dass Starkult und Kult des Publikums komplementär sind; das Publikum feiert sich selbst in seiner Allmacht der Einschaltquoten. Und heute können wir beobachten, wie ingeniös die Glücksindustrie Starkult und Kult des Publikums durch einen Kult des Zufalls potenziert. Seine Kurzformel lautet DSDS: „Deutschland sucht den Superstar“. Das ist der Endpunkt einer Entwicklung, die mit dem Untergang der Götter begann. Da die Sehnsucht nach Abhängigkeit immer konstant blieb, wurden die vakanten Stellen der alten Götter durch Stars besetzt. Der Star ist ein als Gottheit präsentierter Mensch. Sobald aber deutlich wird, dass sich die Berühmtheit nicht der Leistung sondern allein dem Design verdankt, begreift jeder Zuschauer die Warhol-Lektion über den fünfzehnminütigen Weltruhm.

Und hier wird nun der Starkult durch einen Kult des Zufalls ergänzt. Wenn es keinen positiven Gegenstand der Verehrung mehr gibt, richtet sich die Sehnsucht nach Abhängigkeit auf das Unvorhersehbare. So kehrt der antike Kult des Zufalls im Herzen der TV-Unterhaltung wieder. Seine realistische und nur durch die Wahrscheinlichkeitsrechnung getrübte Botschaft lautet: Jeder könnte der Star sein.

Ruhm ist heute von jeder Leistung emanzipiert. Man muss nichts können, um als Star zu strahlen – das bloße Bild des Körpers, das die Celebrity-Werte Schönheit, Reichtum und Sex-Appeal abstrahlt, genügt. Damit wird, paradox genug, Berühmtheit zum Alltagsphänomen. Schon um die Sendezeit zu füllen, müssen die Massenmedien die Verteilung des Ruhms demokratisieren. Und so übergreift der Egalitarismus heute seinen Gegensatz: Alle haben den Anspruch, berühmt zu sein. Auch Du, Anke!

Der Autor lehrt Medienwissenschaft an der Technischen Universität Berlin

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