Bjarne Mädel : Mann mit Aussicht

Haustürverkäufer, „Stromberg“, Tatortreiniger, Grimme-Preis: Bjarne Mädel ist der Schauspieler der Stunde. Nun darf es auch mal eine Rolle mit Gewalt und Aggressionen sein.

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Bjarne Mädel.
Bjarne Mädel.Foto: dpa

Das nennt man mal einen harten Kerl. Mit heftigen Zahnschmerzen sitzt Bjarne Mädel in einem Kreuzberger Café. Am nächsten Morgen müssen dem Schauspieler in Hamburg zwei Zähne gezogen werden. Abends ist Mädel dann zu später Stunde Talkgast bei „3 nach 9“. Das erfährt man aber nicht im Gespräch im Café. Bjarne Mädel ist ruhig, freundlich, ein zufriedenes Lächeln unter seinem unvermeidlichen Käppi. Kein Wort zum Furor in seinem Mund. Stattdessen viel entspannte, gute Laune. Freude darüber, dass hier mal ein Schauspieler PR-mäßig unterwegs ist, der sich für keines seiner Projekte schämen muss, auch nicht als Gast am Dienstagabend in der „Harald Schmidt Show“.

Bjarne Mädel ist der Serienschauspieler der Stunde. In der mehrfach ausgezeichneten Pro-7-Satire „Stromberg“ spielt Mädel den nervigen Ernie, einen Versicherungssachbearbeiter nahe einer Spottfigur. Im Eifel-Krimi „Mord mit Aussicht“ ist er dienstags (leider wegen des Fußball-Länderspiels nicht in dieser Woche) als Polizeiobermeister Dietmar Schäffer im Ersten zu sehen. Der Kritikererfolg läuft in der zweiten Staffel vor mehr als fünf Millionen Zuschauern. Darüber hinaus hat Mädel für seine ungewöhnliche Rolle im „Tatortreiniger“ 2012 den Grimme-Preis gewonnen. Und das nach nur vier Ausgaben im Dritten Programm sowie einer merkwürdig-lieblosen Sendepolitik der ARD, die das Ganze im Programm versteckt. Da liegt viel Herzblut drin. Mädel hat die Serie mitentwickelt. Gerade wurden sechs neue Folgen für den NDR gedreht.

Das gibt es hierzulande ja: gutes Fernsehen. Man muss es nur entdecken. Und den Leuten, den Zuschauern, mal etwas zutrauen, sagt Mädel und rückt sein Käppi zurecht. Dieser Putzmann Schotti, der Tatortreiniger, der anrückt, wenn die Mordkommission abrückt, um das Opferblut wegzumachen, und dabei in aberwitzigen Situationen Leute kennenlernt, dann der Versicherungssachbearbeiter, angelegt als Kind im Manne, sowie der treudoofe Dorfpolizist, der seine weibliche Vorgesetzte „Chef“ nennt und nach 16 Ehejahren noch Spaß im Bett hat – was wie eine recht skurrile Rollenauswahl aussieht, Marke dummer August oder Verlierertype, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als harte Arbeit. Als gewitztes, genaues Spiel, das sich vor allem unter der Regie von Mädels Leib-und-Magen-Autor Arne Feldhusen voll entfalten kann.

Keiner spielt unauffällige Rollen wie den Schäffer in „Mord mit Aussicht“ so auffällig gut. Bjarne Mädel reibt sich den Bauch. „Die 83 Kilo für ,Mord mit Aussicht’ habe ich mir für die Serie wieder draufgepackt.“ Teilweise trug Mädel vor der Kamera einen Fatsuit, um als gemütlicher Polizist glaubhaft zu wirken. Nach dem Dreh musste es dann für den „Tatortreiniger“ mit dem Gewicht wieder runtergehen. „Diese Rolle ist ja nicht so dick angelegt. Aber diesen Stress mit dem Zu- und Abnehmen tue ich mir vermutlich nicht noch mal an.“ Das sei nicht gesund.

Der 44-Jährige hat es in seinem Leben schon öfters etwas umständlicher gemocht. In Hamburg geboren, ist Mädel „wahnsinnig oft umgezogen, besser umgezogen worden“. Zuhause war immer da, wo seine Matratze lag. Mit dem Vater ein Jahr in Afrika, gejobbt in den USA als Maler, Putzmittel verkauft an der Haustür, Autos gewaschen, in der Gärtnerei gearbeitet. „Ich habe mein Studium der Weltliteratur und Kreatives Schreiben in Kalifornien abgebrochen. Ich brauchte Geld.“ Auf den Putzmittel-Job sei er über eine Anzeige gestoßen. „Ich habe mir in San Francisco die Füße wund gelaufen. Das war eine Art Drückerkolonne.“ Das Zeug hieß „Magic“, sagt Mädel, ein Putzmittel, mit dem man alles Mögliche machen konnte. „Eine harte Schule, auch für den Schauspielerberuf. Ich musste mich immer schnell auf die Leute einstellen.“

Diese Fähigkeit kommt ihm auch im Privatleben zugute. Es passiert nicht oft, einen Star zu treffen, der in der Menge, im Kreuzberger Kiez-Café so unerkannt bleibt. Gut auch für seine Besuche im Hamburger Fußballstadion. Mädel ist HSV-Fan, wollte als Kind Profifußballer werden. Von Starallüren keine Spur. Ein bodenständiger Wandervogel, der gerne mal beim verregneten Urlaub in Thailand im Regen sitzt und à la Heinz Erhardt drauflosreimt: „Glück reimt sich nicht auf Leben: Na ja, so ist das eben“, ein Büchlein von Bjarne Mädel, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch.

Den Beruf hat er ordentlich an der HFF Potsdam gelernt. Wie er nach der ganzen Reiserei auf die Schauspielerei kam? In Erlangen hat Mädel Theaterwissenschaft studiert. „Das Fach klang irgendwie spannend, blieb übrig, nachdem ich alles andere ausgekreuzt hatte.“ Dann habe ihn eine Frau gefragt, ob er Lust habe, Theater zu spielen. „Ich dachte, warum nicht, wenn ich schon Theaterwissenschaft studiere. Das war eine wilde Truppe. Wir haben Straßentheater gemacht, sind nach Südfrankreich gefahren.“ Es folgten feste Engagements, unter anderem am Schauspielhaus Hamburg. Dann „Stromberg“, 2004. Von da an ging’s bergauf, bis zum Grimme-Preis. Für viele Schauspieler gab es danach einen Karriereknick. Bei Mädel nicht, er hat den Luxus, sich Rollen aussuchen zu können. Ihm habe neulich ein Satz von Matthias Brandt imponiert, der eine Rolle angenommen hat, obwohl er sagte, er werde da wahrscheinlich scheitern. Den Mut, den Mädel bei TV-Sendern einfordere, den möchte er auch bei Schauspielern einfordern. Er betone immer wieder, dass er gerne mal was Ernstes spielen würde, eine Rolle, die über Gewalt oder Aggression funktioniert. „Ich finde es toll, sich so verschieden wie möglich auszuprobieren.“

Kein Wunder bei all dieser Arbeit, dass ihn Zahnschmerzen zu unpassender Zeit treffen. Über die der Schauspieler bei seinem Talkshow-Auftritt bezeichnenderweise erst spricht, als „3 nach 9“-Gastgeber Giovanni di Lorenzo darauf eingeht. Fast hat man bei Bjarne Mädel das Gefühl, man muss auf ihn aufpassen. Im vergangenen Jahr war er ganze sieben Woche zu Hause. Deswegen kommt jetzt bei dem „Tatortreiniger“ in Kreuzberg eine Putzhilfe. Anfangs fand er das schon sehr dekadent. „Das war mir fast peinlich.“

„Mord mit Aussicht“, nächste Folge am Dienstag, 18. September, 20 Uhr 15

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