Blick in den Abgrund : Im Schweige-Gefängnis

"Und wir sind nicht die Einzigen": Ein Dokumentarfilm beleuchtet die Hintergründe des Missbrauches an der Odenwaldschule.

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„Das Wort Grenzüberschreitung hat es nicht gegeben“, sagt Barbara Bastian über die Odenwaldschule. Wohl aber die Grenzüberschreitung selbst, immer wieder, sexueller Missbrauch über Jahrzehnte, begangen von Lehrkräften an mindestens 132 Schülern. Bastian war von 1983 bis 1995 Pädagogische Assistentin an dem Vorzeige-Internat. In dem Dokumentarfilm „Und wir sind nicht die Einzigen“ erzählt sie, wie man sie zu Beginn eingeweiht habe. Es gebe Lehrer, hieß es, die Beziehungen zu Schülerinnen hätten, und Schulleiter Gerold Becker würde schon mal mit Jungs in seinem VW-Bus in den Wald fahren. Unausgesprochen sei die Botschaft gewesen: „Wir sind etwas Besonderes, deshalb ist das hier bei uns so.“

Tatsächlich ist die Odenwaldschule etwas Besonderes. Der Ort ist eine Idylle, die Idee menschenfreundlich: „Werde, der du bist“ – auf diesen Satz des griechischen Lyrikers Pindar bezogen sich die Gründer der Schule vor 101 Jahren. Das Internat ist ein reformpädagogisches Aushängeschild, oder besser: war es. Bis 2010 das Ausmaß des bis mindestens Mitte der 1980er Jahre fortgesetzten Kindesmissbrauchs publik wurde. Die Schule ringt heute um die Aufarbeitung. Warum es vor allem für die Opfer so schwer ist, die Worte wiederzufinden, die es lange nicht gegeben hat, davon handelt eindrucksvoll der Film von Christoph Röhl.

Der deutsch-britische Regisseur war selbst vor 20 Jahren Englisch-Tutor an der Odenwaldschule. Das erleichterte ihm den Zugang zu seinen Gesprächspartnern. Für seinen ersten Dokumentarfilm interviewte er ehemalige Schüler und Missbrauchs-Opfer, auch einige Lehrerinnen und Lehrer. Das Konzept ist so reduziert wie radikal: Zu sehen sind nur Interviews, nur sprechende Köpfe. Ein einziges Mal blendet Röhl kurz einige Ansichten von der Schule ein. Sonst lenkt nichts von den Worten, von den Gesichtern ab. Keine Bilder, die für eine Atempause sorgen oder, schlimmer noch, das Unfassbare versuchen darzustellen. Erst einmal gilt es, die Sprache wiederzufinden.

Zum Beispiel Dieter Grah, Schüler von 1974 bis 76 an der Odenwaldschule. Er sagt: „Ich bin da reinerzogen worden.“ Die sexuellen Übergriffe seien ihm zwar gegen den Strich gegangen, aber er habe sie als richtig empfunden. Besonders der allseits verehrte Schulleiter Becker hatte alle Möglichkeiten der Manipulation – und er hat sie gegenüber den Kindern auf perfide Weise genutzt. Der im vergangenen Jahr verstorbene Becker „war auch hochgradig aggressiv. Er hat mich einfach gepackt, um seine Bedürfnisse zu befriedigen“, sagt eines seiner Opfer. Dieser im Film nur unscharf gezeigte Mann gehörte zu den beiden Briefeschreibern, die das Schweigen als Erste gebrochen haben. Sie wiesen die Schulleitung 1998 auf die Vergangenheit hin, damals noch vergeblich. Auch ein im November 1999 erschienener Artikel in der „Frankfurter Rundschau“ blieb ohne nennenswerte Resonanz. Erst 2010 fanden weitere Opfer und die heutigen Verantwortlichen ihre Sprache wieder.

Der Dokumentarfilm ist alles andere als voyeuristisch. Es geht dem Autor nicht darum, die Schuld einzelner Täter akribisch zu belegen oder mit dem reformpädagogischen Ansatz der Schule abzurechnen. Wohl aber, wie unter den besonderen Bedingungen der Odenwaldschule ein solches System des Missbrauchs entstehen konnte – „ein Gefängnis ohne Mauern“, wie eines der Opfer sagt – und durch die unsichtbare Mauer des Schweigens und Verdrängens geschützt bleibt. Der Film ist in all seiner Nüchternheit ein Blick in den Abgrund. Thomas Gehringer

„Und wir sind nicht die Einzigen“, 3sat, 22 Uhr 25

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