Blutige Hochzeit : Abgeblitzt

Erst „Ja“-Wort, dann Mord: Im Leipziger „Tatort“ gerät ein Ex-Freund ins Visier. Der Film will hoch hinaus - und versteigt sich.

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Nur noch schreien kann Annikas Mutter (Cornelia Köndgen, 2. v. r.), als die beiden Hauptkommissare Andreas Keppler (Martin Wuttke, 2. v. l.) und Eva Saalfeld (Simone Thomalla) sie zu ihrer toten Tochter führen. Foto: MDR
Nur noch schreien kann Annikas Mutter (Cornelia Köndgen, 2. v. r.), als die beiden Hauptkommissare Andreas Keppler (Martin Wuttke,...Foto: MDR/Steffen Junghans

Es gibt Paare, die sind nur noch zusammen, weil es den „Tatort“ gibt. Es gibt Kneipen, in denen die Gäste im Kollektiv ermitteln. Es gibt Familien, wo sich die Generationen nur für den „Tatort“ versöhnen. Es gibt Sonntage, die zu leben nur lohnt, weil wir am Abend ein Rendezvous mit dem Tod haben. Und wenn uns auch sonst im Leben nichts gelingt, nach neunzig Minuten lassen wir die Handschellen klicken. Es gibt bessere und schlechtere „Tatorte“, aber Hauptsache ist doch, dass wir Sonntag für Sonntag in unsere Abgründe blicken. Und wer im „Tatort“ glücklich ist, wer im Überschwang das Leben küsst, der ist bald tot. Das ist eine alte „Tatort“-Regel, die auch bei dem neuesten Fall „Todesbilder“ stimmt, den das Erste an diesem Sonntag zeigt.

Die Braut trägt Weiß, damit das Blut später umso schöner ins Auge sticht. Es beginnt mit einer Hochzeitsfeier, Peter und Annika, so heißen die frisch Vermählten. Doch Stunden später liegen sie erschlagen am Ufer eines Sees. Eine verdächtig kurze Ehe. Ist der Täter unter den Hochzeitsgästen? Gab es nicht manchen scheelen Blick?

Die Kommissare Eva Saalfeld (Simone Thomalla) und Andreas Keppler (Martin Wuttke) nehmen die Ermittlungen auf und bitten zur Speichelprobe. Alle geben dem Wattestäbchen ihre Visitenkarte, nur Florian Koll, ein enttäuschter Ex-Freund der Braut, weigert sich. Verdächtig genug! Aber es kommt noch besser: Der junge Mann ist psychisch instabil, aggressiv, schließlich erwischen ihn die Kommissare, wie er versucht, belastende Indizien zu beseitigen. Bingo? Das Drehbuch lässt jetzt weitere Verdächtige und eine neue Leiche aufmarschieren. Eine glückliche Abiturientin wird erstochen. Gibt es eine Beziehung zu dem Doppelmord? Ja, das gleißende Blitzlicht eines Fotoapparates. In beiden Fällen wurden die Opfer, bevor sie starben, fotografiert.

Wir, die Sofaermittler, arbeiten mit Hochdruck. Was hat es mit diesem dubiosen Pressefotografen auf sich, der zufällig immer am Tatort erscheint? Warum verdingt sich der international renommierte Kriegsfotograf plötzlich als Provinzknipser? Und dann ist da noch der leicht schmierige Fahrlehrer Baumann, der Onkel der Braut. Warum war er nicht zur Hochzeit eingeladen? Und – aufgepasst – er hat eine verdächtige Leidenschaft für schmuddelige Fotos.

Hier soll nichts verraten werden, aber hinter jede Figur setzt das Drehbuch ein dickes, mitunter zu dickes Ausrufezeichen. Zart hingestrichelte Fragezeichen indes sucht man vergebens. Miguel Alexandre, der in diesem Fall das Buch und die Regie verantwortet, ist nicht als Krimiregisseur bekannt. Das muss kein Nachteil sein, aber hier tritt seine Leidenschaft für’s dramatisch-melodramatische Fach überdeutlich hervor.

Die Kommissare Saalfeld und Keppler, die ja früher ein Ehepaar waren, müssen tief in ihre Beziehungsgeschichte einsteigen, um aus diesem Fall heil rauszukommen. Doch die Zusammenführung des Kriminalfalles mit ihrer Ehegeschichte wirkt erzwungen, zumal Thomalla und Wuttke immer aneinander vorbeizuspielen scheinen, ein stilistischer Graben tut sich hier auf. Der Film will hoch hinaus und versteigt sich. Anstatt ein dichtes Täterpsychogramm zu entwickeln, anstatt ein Milieu intensiv auszuleuchten, reiht er plakativ Verdachtsmomente und Figurenskizzen aneinander. Die Recherchen der Kommissare wirken sprunghaft und unstet wie das Hopsen eines Flohzirkus.

Die besten „Tatorte“ blieben im Gedächtnis, weil sie uns Täter und ihre Motive ganz nahebrachten, so nahe, dass es uns schauderte. Weil aber dieser Film die große Geste sucht, weil er das ganze menschliche Elend zeigen will, wird der Film blind gegenüber dem Leben seiner Figuren, unachtsam gegenüber dem Alltag, interesselos gegenüber der Stadt, in der er spielt, fühllos gegenüber dem Land, das er doch auskundschaften soll. Aber was soll’s? Der nächste Sonntag kommt bestimmt. Und wir werden wieder die Ermittlungen aufnehmen und in unsere schwarzen Seelen blicken.

„Tatort: Todesbilder“, ARD, 20 Uhr 15

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