Caroline Peters im Porträt : So komisch, so frei

Eine Begegnung mit Caroline Peters, einer Burgtheater-Schauspielerin, die zum Liebling von Millionen Fernsehzuschauern wurde.

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Gefangen im Netz. Bei Caroline Peters muss es nicht immer Komödie, es kann auch Thriller sein. Im ARD-Film „Im Netz“ wird sie als Unternehmensberaterin Juliane Schubert verhaftet. Sie soll Terroranschläge vorbereitet haben. Wer will ihr Leben zerstören? Foto: ARD Foto: WDR/Alexander Fischerkoesen
Gefangen im Netz. Bei Caroline Peters muss es nicht immer Komödie, es kann auch Thriller sein. Im ARD-Film „Im Netz“ wird sie als...Foto: WDR/Alexander Fischerkoesen

Am 9. November 1989, der Nacht des Mauerfalls, trampt Caroline Peters mit ihrer besten Freundin von Köln nach Berlin. Beide haben als Leistungskurs Geschichte belegt und werden im nächsten Jahr ihr Abitur machen. Sie sind sich einig: „Das müssen wir jetzt miterleben.“ Also raus aus der Schule, rein ins Abenteuer, ins Leben. „Das war toll“, sagt Peters mehr als 23 Jahre später beim Interview in einem Kölner Hotel. Aber auch „total absurd“. Denn nach ihrer Rückkehr sei der Mauerfall im Unterricht kein Thema gewesen. „Alle sagten, wir müssen uns auf unsere Abi-Klausuren vorbereiten – wir reden weiter über Bismarck.“

Die Schauspielerin ist nur noch zu Besuch im Rheinland, wo sie in Mainz geboren und in Köln aufgewachsen ist. Jetzt lebt sie in Wien und vor allem in Berlin, wo auch viele ihrer Verwandten wohnen und wo 1995 ihre Theaterkarriere an der Schaubühne am Lehniner Platz begann. Caroline Peters stand später in zahlreichen von René Pollesch inszenierten Stücken auf der Bühne: im Schauspielhaus Hamburg, an der Volksbühne Berlin und im Wiener Burgtheater. 2012 erhielt sie den Ulrich-Wildgruber-Preis zur Förderung junger Schauspieler in Hamburg.

Das „Raus ins Leben“ hat bei ihr prächtig funktioniert, wenn man so will. Caroline Peters ist eine Pendlerin, auch zwischen Theater und Fernsehen, eine Burgschauspielerin, die zum Liebling von Millionen geworden ist. Heute auf der Bühne in Wien die Elena in Anton Tschechows „Onkel Wanja“, morgen im Fernsehen die Sophie Haas in „Mord mit Aussicht“.

Theater, Kino, Fernsehen – Caroline Peters will das alles und will „es so lange durchziehen, wie es irgend geht“. Möglich sei das nur, weil Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann dies explizit unterstütze, sagt Peters. Hartmann sei „total gegen diesen früheren Theater-Standpunkt: Wir müssen das künstlerische Kloster sein, und jeder, der da austritt, ist ein Verräter.“

Heutzutage begeht jemand wie Caroline Peters keinen Verrat mehr, aber deswegen muss es ja nicht gutgehen, wenn man sich so gar nicht entscheiden mag, wenn man so sehr die eigene Freiheit liebt. Aber es geht gut, sehr gut sogar. Im Burgtheater steht sie zurzeit bei drei Stücken auf der Bühne, und für die Fernsehkarriere hat der Publikumserfolg von „Mord mit Aussicht“ Grundlegendes verändert. Bisher war sie eine Schauspielerin, die sich wie andere beim Casting für eine feststehende Rolle bewarb – „und dann passt du in das Kuchenstück rein oder nicht“. Nun erhalte sie Angebote für Produktionen, die speziell auf sie zugeschnitten seien, da werde dann eher geprüft, welcher Kuchen zu ihr passe. „Das macht natürlich total Spaß.“ Geplant sei etwa eine deutsch-österreichische „Anti-Liebeskomödie“, in der sie mit Josef Hader spielt. „Die sind schon zu alt für die große romantische Liebe und erleben sie trotzdem“, sagt Peters.

Aber erst einmal ist die 41-Jährige am heutigen Mittwoch in dem ARD-Thriller „Im Netz“ zu sehen. Als Unternehmensberaterin Juliane Schubert, die unter Terrorismus-Verdacht gerät, weil unter ihrem Namen Wohnungen und Autos angemietet wurden. Es geht um Identitätsklau im Internetzeitalter, um den Verlust der persönlichen Kontrolle erst über die eigenen Daten und dann über das eigene Leben. Ein spannender Verschwörungskrimi mit einer cleveren Wendung: Juliane Schubert ist offline, ohne Internetzugang, wie abgeschnitten von ihrer alten Welt, und entdeckt dabei neue Möglichkeiten. „Sie denkt, sie verliert alles, und merkt durch diese Krise, dass sie an persönlicher Freiheit ganz viel dazugewinnt“, sagt Peters, die selbst in den sozialen Netzwerken nicht zu finden ist. „An der Grenze zum Überwachungsstaat“ sei das, sagt sie, wenn man sich pausenlos alles mitteile.

Sie hat für diesen Film die Haare gefärbt, trägt dunkel statt blond. Weil die Filter für die HD-Kameras dies erforderlich machten, aber auch weil sich Peters von Sophie Haas absetzen wollte, damit die Zuschauer die Unternehmensberaterin nicht für eine komische Figur halten. Obwohl Caroline Peters nicht einmal hier ihr Talent fürs Komische verbergen kann, in Gang und Körpersprache, auch in dieser verblüffend wandelbaren Mimik, bei der das Freudestrahlen noch etwas freudestrahlender als bei anderen zu sein scheint. Und dann gibt es am Ende diesen speziellen Moment. Juliane Schubert legt Musik auf, „The Passenger“ von Iggy Pop. Sie beginnt zu tanzen, und das wird zu einem Ausdruck der Befreiung, voller Kraft und Lebenslust. Sogar der Herr vom Verfassungsschutz wippt am Abhörgerät mit.

Caroline Peters liebt Iggy Pop, „weil der so zeitlos ist“. Und weil der für Ausbruch, für Subversives gestanden habe. Fragt man sie danach, ob sie selbst noch von einem anderen Leben träume, sagt sie, sie habe ununterbrochen Träume: Wie das wäre, in Paris zu leben oder in London. „Aber das hatte ich schon immer.“ Und dann beginnt sie plötzlich mit leuchtenden Augen von Christoph Waltz zu reden, ihrem Schauspielerkollegen, der gerade mit dem zweiten Oscar ausgezeichnet wurde. Waltz sei dadurch eine ganz andere Person geworden, „ein Hollywoodstar, als hätte es die Jahre davor nicht gegeben. Das finde ich total merkwürdig.“ Ob sie ihn beneide? „Ja, auf eine Art beneide ich ihn. Weil er ein Tor in ein ganz anderes Leben aufgestoßen hat.“

Im Gespräch mit Caroline Peters begegnet man immer wieder diesem Wunsch nach dem „Raus“, nach Freiheit und der großen, weiten Welt. Ihre Serienrolle in „Mord mit Aussicht“ mutet da tatsächlich an wie pure Selbstironie: eine Kommissarin, die am liebsten Verbrecher in der Großstadt Köln jagen würde, aber stattdessen im Eifel-Kaff Hengasch mit Faultier Schäffer (Bjarne Mädel) und Mauerblümchen Bärbel (Meike Droste) zu versauern droht. Ein seltsames, komisches Biotop ist das. Die Serie „Mord mit Aussicht“ ist in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal für den Adolf-Grimme-Preis nominiert.

Worin besteht die Kunst der Komödie? „Timing“, sagt Caroline Peters wie aus der Pistole geschossen. „Alle müssen dasselbe Timing haben. Man muss viel zusammen üben, denn man kann nicht alleine komisch sein, davon bin ich fest überzeugt.“

Sechs Millionen Zuschauer sahen die zweite Staffel von „Mord mit Aussicht“ im vergangenen Jahr. Das hatte die üblichen Folgen: Caroline Peters wird jetzt auf der Straße erkannt und bisweilen angesprochen – als Sophie Haas. Sie weiß noch nicht so recht, wie sie das finden soll. Bei Theaterfans sei sofort eine Distanz da. „Doch im Fernsehen ist es so: Die Leute kennen mich aus ihrem Schlafzimmer oder aus ihrer Küche und haben dabei die Füße hochgelegt.“ Caroline Peters legt zur Demonstration die Füße auf die Kante des Hotelsessels und kaut auf imaginären Chips. „Sie sind der Gastgeber und ich bin der Gast, das ist ein völlig anderer Zugang.“ Bisher sei sie nur von zauberhaften Menschen aus allen Altersgruppen angesprochen worden, „aber ich bin mir ganz sicher, dass diese Art von Intimität sehr schnell sehr unangenehm werden kann“.

Und Caroline Peters widerspricht auch nicht, wenn man nach Gemeinsamkeiten zwischen ihr und Sophie Haas fragt. Die Rolle sei überzeichnet, „aber es ist sowieso in jeder Rolle sehr viel von einem selbst drin. Ich glaube überhaupt nicht an dieses Modell, dass sich Schauspieler in jemand vollkommen anderes verwandeln. Kein Mensch, der alle Tassen im Schrank hat, nicht schizophren oder Borderliner ist, verwandelt sich.“ Caroline Peters kann sehr entschieden werden, das bekommt auch die ARD zu spüren. Denn dass das Erste es nun am Vorabend mit einer ganzen Reihe von Krimikomödien aus der Provinz versucht, darüber hat sich Caroline Peters „wahnsinnig gewundert“. Da bringe die ARD eine erfolgreiche Serie hervor „und gibt gleichzeitig den Auftrag raus: Bitte kopieren wir uns selbst, und so billig und schnell wie möglich“. Trotz allen Ärgers: Im Sommer wird die dritte Staffel von „Mord mit Aussicht“ gedreht.

Und die Nacht von Berlin im November 1989? Erst einmal kamen die beiden Teenager nur bis Helmstedt, weil fast alle auf die Stauwarnungen hörten. Staus, die es gar nicht gab. Das sahen sie, als sie von einem Ossi im Trabi mitgenommen wurden und über die weitgehend leere Transitstrecke nach Berlin fuhren. „Der war genauso aufgeregt wie wir, weil wir keine Ossis kannten bis zu dem Zeitpunkt, und er keine Wessis“, erinnert sich Caroline Peters. Ein Stück aus der Mauer hat sie sich nicht gesichert damals, was sie heute bedauert. Aber auf dem Ku’damm haben sie zu dritt Würstchen gegessen. „Das war wirklich ein großes Erlebnis.“

„Im Netz“, 20 Uhr 15, ARD

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