Chat Fiction : Wo aus SMS Romane werden

Generation Smartphone: Neue Apps erzählen Kurzgeschichten in Form von WhatsApp-Dialogen. Die witzigsten Fundstücke gibt es auch als Taschenbuch.

Sophie Krause
Noch keine Weltliteratur. Die Hooked-Erfinder wollen die Young Adults erreichen, also die Zwölf- bis 20-Jährigen.
Noch keine Weltliteratur. Die Hooked-Erfinder wollen die Young Adults erreichen, also die Zwölf- bis 20-Jährigen. Screenshot: Tsp

Wenn Jugendliche pausenlos auf ihr Smartphone starren, dann haben sie dafür neuerdings eine gute Ausrede: Sie lesen Geschichten. Chat Fiction heißt der Trend, der diesen Sommer aus den USA nach Deutschland kam. Apps wie Hooked, die den Trend auslöste, erzählen Geschichten durch fiktive Kurznachrichten. In Deutschland führte Hooked bereits die App-Charts an. Auch der Internetriese Amazon ist auf den Zug aufgesprungen. Mit seiner Lern-App TenMarks können Schüler seit Kurzem kreatives Schreiben anhand von Textnachrichten, Kommentaren und Essays üben. Ende 2016 veröffentlichte Amazon die Chat-Fiction-App Rapids mit Kurzgeschichten für Kinder. Damit will das Unternehmen die Generation der „Digital Natives“ auf dem Bildungsmarkt ansprechen.

Einen Bildungsanspruch haben Apps wie Hooked freilich nicht. Hier geht es um kurzweiliges Lesevergnügen für ein junges Publikum. Die Protagonisten sind meistens Jugendliche, die unheimliche oder unglaubliche Situationen erleben. Das Chatformat holt den Leser sofort ab. Doch sobald es spannend wird, fordert die App zum Zahlen auf. Ein Monatsabo kostet etwa acht Euro. Wer danach kostenlos weiterlesen will, muss eine halbe Stunde warten. Im Menü können Nutzer zwischen Genres wie Drama, Fantasy und Horror wählen, aber auch eigene Beiträge einsenden.

Die Geschichten sind zwar keine Weltliteratur, aber überwiegend spannend und unterhaltsam. Die Hooked-Erfinder wollen gezielt die Young Adults erreichen, also die Zwölf- bis 20-Jährigen. Mit dem Format reagieren sie auf die Lesegewohnheiten der „Generation Smartphone“, um diese mit einer neuen Form des digitalen Erzählens für Geschichten zu begeistern. Zehn Millionen Menschen hätten die App innerhalb eines halben Jahres heruntergeladen, schreibt Hooked-Erfinderin Prerna Gupta in einem Blogeintrag.

Manchmal klingen die Dialoge wie aus einem Groschenroman

Hooked hat längst Ableger gefunden: Auch Yarn fordert den Leser anhand eines Cliffhangers zum Bezahlen auf. Zudem können Nutzer hier fiktive Chats zwischen Stars lesen, sogenannte Fan Fiction. Die Startseite der App Tap erinnert optisch stark an den Katalog von Netflix. Deren „Tap Originals“ sind nur auf Tap verfügbar und werden wöchentlich um eine neue Episode ergänzt. Manche Geschichten werden durch fiktive Videoanrufe der Protagonisten unterbrochen, die aber nur für zahlende Mitglieder sichtbar sind. Alle drei Apps wirken mal mehr, mal weniger authentisch. In manchen Storys nutzen die Protagonisten Smileys und ignorieren Regeln wie Groß- und Kleinschreibung und Interpunktion. Manchmal klingen die Dialoge allerdings wie aus einem Groschenroman, zu gewollt und gestelzt.

Das Prinzip dieser Chat Fiction ist nicht neu. In Deutschland ist die Facebookseite „Chat von gestern Nacht“ sehr beliebt, die angeblich echte Nutzereinsendungen von peinlichen und lustigen Kurznachrichten teilt. Die Seite hat seit ihrem Beitritt 2009 über 1,7 Millionen Facebook-Likes gesammelt. Die witzigsten Fundstücke gibt es auch als Taschenbuch. Für den Fall, dass die „Generation Smartphone“ bedrucktes Papier in die Hand nehmen will.

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