Computerspiele : Per Klick zur Steueroase

Mit Newsgames haben Games-Entwickler den Journalismus für sich entdeckt. Im Idealfall wird dabei das Weltgeschehen kritisch kommentiert.

Christoph Dorner
Wo geht’s in die Schweiz? Foto: picture alliance / dpa
Wo geht’s in die Schweiz?Foto: picture alliance / dpa

Klingt so nicht ein computersüchtiger Jugendlicher? „In den Jahren 2002 bis 2006 habe ich richtig gezockt. Das war der Kick, das pure Adrenalin.“ Tatsächlich stammt das Zitat von Uli Hoeneß, dem Präsidenten des FC Bayern, der im Mai 2013 mit der „Zeit" über seine Börsenzockereien und die damit verbundene Steueraffäre sprach, die ihn demnächst ins Gefängnis bringen könnte. Wie ein ironischer Kommentar zum Fall Hoeneß mutet da der Titel eines Computerspiels an, das sich auf der Onlineseite des Fernsehsenders Arte spielen lässt: „Steuerflucht für Anfänger“. Lernt man hier cleverer zu zocken als Uli? Während Spielewelten zumeist als actionlastige und damit politisch inkorrekte Sphären programmiert werden, geht dieses Spiel den umgekehrten Weg.

Mit ein paar Klicks durch schlichte Menüs lässt sich ein Konto im Steuerparadies Schweiz eröffnen und die Steuerersparnis je nach Investitionssumme berechnen. Zuletzt erfährt man, mit welchen legalen Tricks sich Offshore-Millionen am Finanzamt vorbei schmuggeln lassen. Die knapp zehnminütige Runde Infotainment endet mit dem erhobenen Zeigefinger eines Leitartikels. In den Steueroasen der Welt lagern bis zu 32 000 Milliarden Dollar, den Staaten entgingen dadurch erhebliche Steuereinnahmen. Am Ende hat der Spieler die Möglichkeit: „Noch einmal spielen.“ Möchte man das?

24 Millionen Deutsche spielen mittels Browser

Laut einer Studie des Bundesverbands Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) spielen 24 Millionen Deutsche: Browser-Spiele wie einst „Moorhuhn“ oder die Ratespiel-App „Quizduell“, mit der sich Schüler, Angestellte und Rentner die Zeit vertreiben. Gleichwohl kämpft die Branche weiterhin gegen das Image, Computerspiele seien nurmehr eine simple, zynische oder gar verrohende Kulturtechnik. Dabei hatte das Genre der Serious Games, zu der Flugsimulationen oder digitale Lernspiele zählen, seit jeher das Anliegen, Wissen zu vermitteln. Nun haben die Spieleentwickler auch den Journalismus für sich entdeckt.

Mit Newsgames wie „Steuerflucht für Anfänger“ wollen sie die Nachrichten interaktiv und zeitnah aufbereiten. So arbeiten kleine Entwicklerteams meist nur wenige Tage an den Spielen, die in der wenig politisierten Branche auch als eine Art digitale Visitenkarte gelten. Grafik und Gamedesign sind dabei zugunsten der Aktualität meist wenig anspruchsvoll. „Gaddafi Land“ zum Beispiel erschien 2011 nur fünf Tage nach dem Tod von Libyens Diktator. Gut möglich also, dass es bald ein Newsgame zur Krim-Krise geben wird.

Die Agenda der Newsgames ist ohnehin breit gefächert: Polizeigewalt, Piraterie, der Darfur-Konflikt, die illegale Einwanderung aus Mexiko in die USA oder der Fast-Food-Kapitalismus von McDonalds. Im Idealfall wollen Newsgames das Weltgeschehen kritisch kommentieren. Dies gelingt der Mehrzahl der Spiele häufig nur bedingt, weil sie vor der inhaltlichen Komplexität der Themen allzu schnell kapitulieren und sich stattdessen auf moralisierende Fingerübungen an der Tastatur verlegen.

Wer etwa „Endgame Syria“ in der Hoffnung auf eine Einordnung des syrischen Bürgerkriegs nach journalistischen Gütekriterien spielt, wird schnell enttäuscht. Denn das britische Newsgame, bei man für die Rebellen in den Krieg zieht, reduziert den blutigen Konflikt auf ein eintöniges, rundenbasiertes Kartenlegespiel. Für Aufsehen hatte das Spiel vor allem gesorgt, weil Apple das Werk zunächst nicht in seinem App-Store aufnehmen wollte – und Journalisten in ihrer Skepsis gegenüber der Allmacht des US-Unternehmens darüber ausgiebig berichtetet haben.

Auch das deutsche Newsgame „Prism – The Game“ bietet nach kurzen Ballereien in einem Cyberspace nicht mehr als die Botschaft, dass die Datensammelwut der NSA wohl nicht dazu dienlich ist, Terroristen zu identifizieren. Dennoch sollte man sich davor hüten, das junge Genre abzuschreiben. Denn als Ergänzung zu journalistischen Apps könnten Newsgames gerade für die Gewinnung jüngerer Leser bei Verlagen in Zukunft durchaus eine Rolle spielen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar