Corinna Harfouch in ARD-Film : Blick in die Seele

Schauspielerin Corinna Harfouch beeindruckt in „Viel zu nah“ als Mutter, die sich an ihren 18-jährigen Sohn klammert.

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Kann nicht loslassen: Caro (Corinna Harfouch) redet auf Sohn Ben (Simon Jensen) ein.
Kann nicht loslassen: Caro (Corinna Harfouch) redet auf Sohn Ben (Simon Jensen) ein.Foto: HR/Bettina Müller

Der Ex hat jetzt eine Jüngere und wird wieder Vater. Caro (Corinna Harfouch) trägt es mit Fassung. „Aha, na das ist ja eine Überraschung“, sagt sie beim gemeinsamen Mittagessen in einem Restaurant mit Manni (Peter Lohmeyer) und dem gemeinsamen, 18 Jahre alten Sohn Ben (Simon Jensen). Mannis „Neustart“ findet sie am Ende sogar „wunderbar“ – und bringt es fertig, dabei zu lächeln.

Petra K. Wagner erzählt in „Viel zu nah“ eine Geschichte aus der Krisenzone in der Mitte des Lebens: Eine Frau jenseits der 40, beruflich erfolgreich, von ihrem Mann getrennt, klammert sich an ihren heranwachsenden Sohn, der noch zur Schule geht und bei ihr wohnt. Während des Treffens im Restaurant streicht sie Ben übers wuschelige Haar und redet mit ihm, als wäre er nicht 18, sondern zwölf. Dass Ben sie finster ansieht, scheint sie gar nicht zu bemerken.

Von diesem Punkt an könnte alles Mögliche passieren, und man würde dank der großartigen Corinna Harfouch vermutlich selbst dann noch dranbleiben, wenn der Stoff im Klischee ersaufen oder auf ein peinliches Happy End zusteuern würde. Dass Caro Kommissarin ist und gemeinsam mit ihrem Kollegen Oliver (Philipp Hochmair) die Ermittlungen in einem großen Fall leitet, scheint etwas Krimi-Spannung zu versprechen, aber Petra K. Wagner, Autorin und Regisseurin in einer Person, hat offenbar anderes im Sinn: das Porträt einer Frau in mittleren Jahren, die mit Panikattacken und der Angst vor dem Verlassenwerden kämpft.

Wagner hält sich konsequent an die Perspektive der Hauptfigur. Aber so aufmerksam und genau, wie Armin Alkers Kamera Corinna Harfouchs Bewegungen und Mienenspiel verfolgt, so ungewiss und unvollständig sind die Bilder, die sie liefert, wenn das Publikum mit Caros Augen in die Welt und vor allem auf Ben blickt, erotische Andeutungen inklusive. Die Mutter ist dem Sohn tatsächlich viel zu nah, wie der Titel verspricht, aber auf eine andere, verhängnisvolle Weise.

Eine Maske wie aus einem Horrorfilm

Ben sitzt nachts plötzlich vor der Couch, auf der Caro eingeschlafen ist. Er trägt eine Maske wie aus einem Horrorfilm und spielt mit Caros Polizeiwaffe. Ben kifft und hat seltsame Freunde, klaut Schokoriegel an einer Tankstelle und streitet dreist alles ab, zumal sich seine Mutter, die Polizistin, bedingungslos vor ihn stellt. Dann geschieht ein Raubüberfall an derselben Tankstelle, begangen von Tätern, die Masken trugen, wie Ben sie hat. Der Tankstellenwärter wird ins Koma geprügelt. Caro beginnt, Akten und Ermittlungen zu manipulieren, um ihren Sohn zu schützen. Geschickt erschüttert Wagner immer wieder die vermeintlichen Gewissheiten.

Auch Simon Jensen macht das an Corinna Harfouchs Seite großartig: Ben kann tatsächlich alles sein, der harmlos-verpeilte Jugendliche, der nur ab und zu ein paar Joints zu viel einschmeißt, oder der bösartige Nichtsnutz, der wegen Drogen und falscher Freunde auf die schiefe Bahn gerät. Dafür muss man in Kauf nehmen, dass Darsteller Jensen nicht ganz darüber hinwegspielen kann, dass er bei den Dreharbeiten zehn Jahre älter als seine Rollenfigur war.

Dass die Hauptfigur ausgerechnet Polizistin ist, kann man angesichts der Krimiflut natürlich kritisieren. Aber die Frage der Verbrechensaufklärung, die Frage nach den Tätern bei dem Überfall, steht hier immer im Dienst des eigentlichen Themas: der Verunsicherung der Mutter, der Entfremdung von ihrem erwachsen werdenden Sohn. Und den erschütternden Moment, in dem man glaubt, alles um einen herum verstummt, während man nur noch seinen eigenen Herzschlag hört, den gibt es hier auch. Wagner gelingt es tatsächlich, von den Ängsten einer Frau in dieser Lebensphase mitfühlend und differenziert zu erzählen. Ein Blick in die Seele, ganz unpathetisch gespielt von Corinna Harfouch.

„Viel zu nah“; Mittwoch, 20 Uhr 15, ARD

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