Deutsches Integrationsfernsehen : Der 1,6-Milliarden-Euro-Irrtum

Die CSU will „Leitkultur TV“ für Flüchtlinge – doch die haben gerade anderes vor, als Fernsehen zu schauen. Eine Idee im Faktencheck.

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„Deutsche Werte“ will die CSU über einen Fernsehsender für Flüchtlinge vermitteln. ARD und ZDF bauen lieber ihre fremdsprachigen Angebote aus.
„Deutsche Werte“ will die CSU über einen Fernsehsender für Flüchtlinge vermitteln. ARD und ZDF bauen lieber ihre fremdsprachigen...Foto: picture alliance / dpa

Neulich habe sie einen Fernseher auf der Straße gesehen, leider kaputt, „aber so groß war der“, erzählt Jehida Bader und streckt ihre Arme aus, um das Ausmaß des Geräts zu demonstrieren, das demnach fast ihren Flur und die komplette Küche gefüllt hätte – wobei es sich dabei um nur einen Raum handelt, denn Jehida Bader, eine kleine Frau mit langen schwarzen Haaren und lautem Lachen, lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in zwei winzigen Räumen in einer Notunterkunft in der Straßburger Straße in Berlin. Vor zwei Jahren ist sie vor dem Krieg in Syrien von Damaskus nach Deutschland geflüchtet – und gehört damit genau zu dem Publikum, das die CSU mit einem neuen Fernsehsender für Flüchtlinge erreichen will. „Deutsche Leitkultur“ soll der unter anderem vermitteln, schlug CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer vor zwei Wochen in einem Brief an die Intendanten von ARD und ZDF vor. Würden Flüchtlinge einen solchen „Flüchtlingssender“ einschalten?

Jehida Bader ist begeistert. „Dann können sich die deutschen Zuschauer noch besser darüber informieren, was es bedeutet, Flüchtling zu sein“, sagt sie – ein kleines, aber hübsches Missverständnis bei der Übersetzung von Deutsch zu Arabisch: Denn die CSU will ja nicht etwa dem deutschen Publikum per TV Willkommenskultur eintrichtern, sondern den Flüchtlingen, was „deutsche Werte“ sind. Auf Deutsch selbstverständlich.

Jehida Bader könnte diesen Sender also schon einmal nicht schauen, sie versteht die Sprache zwar ein bisschen, aber Mohammad Alzahlawi muss bei der Übersetzung helfen. Der 20-Jährige ist selbst „vor einem Jahr und einem Monat“ aus Damaskus nach Deutschland geflohen, er spricht inzwischen sehr gut Deutsch – und gehört deshalb in der Notunterkunft in der Straßburger Straße – einer ehemaligen Schule, in der heute rund 200 Flüchtlinge leben – zu den gefragtesten Personen. An diesem Dienstagnachmittag wirbelt er über die Flure, vom Sozialbüro zum Leitungsbüro und wieder zurück. Er hilft, Papiere zu übersetzen und erklärt den Bewohnern, bei welcher Behörde sie welchen Antrag stellen müssen. „Ich hab überhaupt keine Zeit, Fernsehen zu schauen“, sagt Alzahlawi. Sein Deutschkurs gehe von acht Uhr morgens bis nachmittags um drei, anschließend komme er zum Helfen in die Notunterkunft, danach fahre er nach Hohenschönhausen, wo er inzwischen in einem kleinen Appartement wohnt, um schnell zu essen und dann sei der Tag auch schon vorbei. Wenn er Nachrichten lesen wolle, dann nutze er sein Smartphone – für ihn wie für die meisten Flüchtlinge wichtigstes Kommunikations- und Informationsmittel. „Ich lese auf Facebook, was ,Orient News‘ und Al Dschasira gepostet haben“, dazu tausche er sich mit seinen Familienangehörigen und Freunden aus, die noch in Syrien sind.

Auch Abdulellah Al Tayar, 29, der sich in der Straßburger Straße ein Zimmer mit zwei weiteren Syrern teilt, besitzt keinen Fernseher, sondern liest und sieht Nachrichten über sein Handy. Oft die Angebote von Al Dschasira, denn seine Familie lebt noch in Syrien und im Libanon. Immer mal wieder schaue er sich aber auf Facebook auch die Sendungen der Deutschen Welle auf Arabisch an. „Dort bekommt man schon einen ganz guten Überblick über Themen aus Deutschland“, sagt er. Einen Sender für „deutsche Leitkultur“ vermisse er aber nicht. Auch Mohammad Alzahlawi findet die Idee überflüssig: „Wie die Deutschen leben, das sehe ich doch jeden Tag. Dafür brauche ich doch keinen Fernsehsender.“

Das sieht CSU-Generalsekretär Scheuer anders. Er will für das „Deutsche Integrationsfernsehen“ – kurz „DIF“ - die 1,6 Milliarden Euro Mehreinnahmen aus dem neuen Rundfunkbeitrag verwenden. Die Einnahmen liegen zunächst auf Sperrkonten und dürfen nicht verwendet werden, bis ein politischer Beschluss gefasst ist. Scheuer setzt nun darauf, dass die Ministerpräsidenten, die über die Gründung eines neuen Senders entscheiden müssen, das Geld für „Leitkultur TV“ ausgeben wollen. Die programmliche Gestaltung soll dann bei ARD und ZDF liegen.

ARD und ZDF halten wenig von der Idee aus Bayern

Doch die öffentlich-rechtlichen Sender haben bereits anklingen lassen, dass sie von Scheuers Idee wenig halten. Sie wollen lieber die bestehenden Angebote ausweiten, mit denen Flüchtlinge bereits jetzt gezielt angesprochen werden sollen. Und die leicht über mobile Geräte wie Smartphones zu nutzen sind.

So bietet die ARD seit zwei Wochen im Netz unter refugees.ard.de Nachrichten, Basiswissen zur deutschen Gesellschaft, Sprachkurse und Alltagswissen für Flüchtlinge in englischer und arabischer Sprache an. Auch über Hilfsprojekte und Initiativen wird informiert. Knapp 300 000 Mal sei die Seite bereits abgerufen worden, teilt eine ARD-Sprecherin mit. Noch im November soll die „Tagesschau in 100 Sekunden“ in Englisch und Arabisch verfügbar sein. Übersetzt von einem professionellem Übersetzungsteam, im Arabischen gebe es zudem einen zweiten, unabhängigen Übersetzer. Die Kosten dafür würden aus dem laufenden Etat gedeckt, für die Übersetzung der „Tagesschau in 100 Sekunden“ seien rund 50 000 Euro im Jahr veranschlagt.

Besonders erfolgreich ist das internationale Angebot der „Sendung mit der Maus“, bereits verfügbar auf Englisch, Kurdisch, Arabisch und Dari, demnächst auf Französisch, Albanisch und Rumänisch. Mehr als 100 000 Mal sei die Seite bereits abgerufen worden, teilt der Westdeutsche Rundfunk mit. Das ZDF will ebenfalls seine „ZDF.reportage“-Reihe, die sich bis Ende des Jahres ausschließlich mit der Flüchtlingsthematik befasst, für die Mediathek auf Arabisch übersetzen, dazu die leicht verständlichen „logo“-Nachrichten.

Die größte Resonanz erfährt bisher wohl die n-tv-Sendung „Marhaba – Ankommen in Deutschland, in der Moderator Constantin Schreiber auf Arabisch Deutschland und die Deutschen erklären will, es geht um Themen wie Frauenrechte, Religion und das Grundgesetz. Mehr als eine Million Mal sind die sechs Folgen nach seinen Angaben bereits abgerufen worden.

In der Straßburger Straße kennen allerdings weder Mohammad Alzahlawi noch Jehida Bader und auch viele der Mitarbeiter die speziellen Angebote für Flüchtlinge von ARD, ZDF und n-tv nicht – die Sender müssen ihre Zielgruppe offensichtlich noch direkter ansprechen.

Als Baders Tochter Juana, 11, am späten Dienstagnachmittag von der Schule kommt, hat sie noch einen Vorschlag für die Sender parat: „Mehr über Fußball berichten.“ Egal welche Mannschaft, Hauptsache, der Ball roll – Torjubel versteht man in allen Sprachen.

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