Medien : Die verspätete Regisseurin

Ulrike Grote hat den Studenten-Oscar gewonnen. Eigentlich ist sie als Schauspielerin bekannt

Simone Schellhammer

Die Thrombose-Strümpfe für den Flug darf sie nicht vergessen. Und Paul, ihrem 13-jährigen Sohn, muss sie klarmachen, dass er doch nicht mit nach Los Angeles kommen kann. Denn die fünf Tage dort werden vollgepackt sein mit Terminen. Zusammen mit den anderen Siegern der Studenten-Oscars wird Ulrike Grote in Hollywoods Filmindustrie herumgereicht.

Eine Woche, nachdem sie vom Gewinn des prestigeträchtigen Preises erfahren hat, sitzt Ulrike Grote, 41, in einer Hamburger Weinstube. „Wer hätte gedacht, dass der Preis zum zweiten Mal an einen Absolventen des Hamburger Filmstudiengangs geht. Darum war ich bei der Nominierung Ende April auch noch ganz ruhig, weil ich nicht annahm, dass das klappen könnte“, sagt sie. Als sie Hark Bohm, dem Leiter der Filmschule, davon erzählte, sei der tatsächlich in Freudentränen ausgebrochen. Einen Tag später, als die Nachricht in allen Zeitungen stand, bekam sie selbst einen nervösen Heulkrampf, weil sie fürchtete, es könnte nur ein Scherz sein. Doch schließlich stand fest: Der 20-minütige Film „Der Ausreißer“ bekommt am 12. Juni 2005 in Los Angeles den Honorary Foreign Film Student Award.

Ansonsten ist Ulrike Grote eigentlich keine Frau für nervöse Heulkrämpfe. Sie wirkt kraftvoll und handfest, gleichzeitig aber auch mädchenhaft. So spielt sie auch die Lisa Schubert in der Serie „Der Dicke“, die derzeit immer dienstags bei der ARD läuft. Grote ist bekannter als Schauspielerin denn als Regisseurin. In „Der Dicke“ gibt sie eine alleinerziehende Mutter, die neben Dieter Pfaff als Anwalt Ehrenberg einzieht und sich trotz etlicher Reibungspunkte mit ihm anfreundet.

Dieter Pfaff und Grote kennen sich bereits aus dem Regiestudium, sie hatte bei ihm Unterricht: „Wir hatten es sehr lustig. Er ist ja ursprünglich Dramaturg und ein unglaublich schneller, kluger Hund. Anstrengend, aber auch sehr klasse“, sagt sie. Sie spricht begeistert von dem Studiengang, den sie im letzten Jahr abgeschlossen hat und um den es derzeit großen Ärger gibt. Gründer Hark Bohm („Nordsee ist Mordsee“) hört auf, und um seine Nachfolge tobt eine kleine Schlammschlacht. Bohm, der zu Ulrike Grotes Erfolg sagt: „So einem Glück kann man nur mit Bescheidenheit begegnen und versuchen, mit der nächsten Studentengeneration noch intensiver zu arbeiten“, wurde letzte Woche vom Aufsichtsrat der halbstaatlichen Hamburg Media School, zu der die Filmschule mittlerweile gehört, von seinem Beratervertrag suspendiert mit der Begründung, er habe sich in das Auswahlverfahren eingemischt.

Ulrike Grote, die eine enge Freundschaft mit dem als schwierig geltenden Bohm verbindet, fürchtet um die Zukunft des Studiengangs. „Es wäre unglaublich, wenn alles, was Hark aufgebaut hat, ihm weggenommen und total verändert wird“, sagt sie. Die zweijährige Ausbildung sah bisher so aus, dass neben den Fachbereichsleitern stets Filmgrößen wie Michael Ballhaus, Hannelore Hoger oder Fatih Akin im Wechsel von zwei bis drei Wochen unterrichteten. In den Semesterferien drehten die Studenten dann ihre Filme. „Hark hat immer wieder grandiose Lehrer verpflichtet und von denen lernt man in diesen kompakten Wochen irrsinnig viel“, sagt sie. Darum sei es auch nicht zufällig, dass nach Florian Baxmeyers Film „Die rote Jacke“ der Studenten-Oscar nun schon zum zweiten Mal an einen Hamburger Absolventenfilm geht. „Man lernt hier einfach, gute Geschichten zu erzählen.“

Die Geschichte, die Grote in „Der Ausreißer“ erzählt, handelt von einem Mann, Walter, der einen kleinen Jungen trifft. Der Junge behauptet, sein Sohn zu sein und will von ihm in die Schule gebracht werden. Die Mutter, Walters Exfreundin, ist offenbar verschwunden. Was wie eine lockere Vater-und-Sohn-Komödie beginnt, verwandelt sich in ein berührendes Drama, als klar wird, dass es sich bei dem Jungen um einen Geist handelt, der Walter tatsächlich zu seinem kleinen Sohn führt. Der liegt allerdings nach einem Unfall, bei dem die Mutter ums Leben kam, auf der Intensivstation.

Grote beschäftigt sich in ihrer Arbeit häufig mit dem Tod: „Meine beste Freundin und mein Vater starben im Jahr 2002, als ich die Regieausbildung begann, direkt hintereinander.“ Auch der Tod von Kollegen hat sie in den letzten Jahren beschäftigt: Elke Lang, mit der sie in „Drei Schwestern“ am Hamburger Schauspielhaus auftrat, Matthias Fuchs, mit dem sie ein Hörbuch aufnahm und schließlich Hermann Lause, der im „Ausreißer“ eine seiner letzten Rollen spielt. „Das Gute daran ist, dass ich dadurch mittlerweile keine Angst mehr habe vor dem Tod, weil ich gemerkt habe, er gehört zum Leben. Er umgibt mich, ich muss mich damit beschäftigen.“ Und von Hark Bohm seien sie immer wieder ermutigt worden, Stoffe aus dem eigenen Lebensbereich zu suchen. „Auch Familie mit all ihren vertrackten Geschichten ist ein wichtiges Thema bei mir“, sagt Grote, deren Lebensgefährte, der Maler Peter Paul, mit dem gemeinsamen Sohn in einer eigenen Wohnung fünf Minuten entfernt von ihr lebt. „Ohne Peter könnte ich nicht so arbeiten, wie ich es tue. Er hält mir den Rücken frei.“ Das ist auch nötig, denn außer als Schauspielerin, Sprecherin und Regisseurin arbeitet sie auch als Sängerin und Dozentin.

Ihr nächster Film, den sie für die Hamburger Wüste-Filmproduktion („Gegen die Wand“) dreht, wird sich denn auch wieder mit dem Tod beschäftigen: In einer Familie stirbt über Nacht der Vater, woraufhin alles ins Rutschen gerät. „Es ist ja manchmal so, dass Familien einen Deckel haben, unter dem alles schön geordnet ist. Dann passiert etwas, der Deckel geht hoch und alle kleinen und großen Geheimnisse fliegen auf.“ Die Kamerafrau Ute Freund, die Drehbuchautorin Ilona Schulz werden auch bei dem Film wieder mitmachen und vielleicht Schauspieler wie Peter Jordan und Monika Bleibtreu. Diese Verortung im Team ist ihr sehr wichtig. Darum ist es auch unwahrscheinlich, dass sie – wie ihr Vorgänger Florian Baxmeyer mit dem Zweiteiler „Das Blut der Templer“ – demnächst einen Ritterfilm mit zusammengewürfelten Stars machen wird. Auch von Hollywood träumt Ulrike Grote trotz Oscar nicht: „Ich bin hier geboren, kenne die Menschen hier. Ich finde, wir müssen hier unsere eigenen Filme machen.“

„Der Dicke“: 20 Uhr 15, ARD

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