Welt voller Möglichkeiten? : Frei aber feige: Eine Generation verharrt im Wartezimmer

Die Psychologiestudentin Julia Engelmann unterstellte ihrer Generation in ihrer poetischen Performance zu Recht, feige zu sein. Doch warum tun wir uns eigentlich mit Entscheidungen so schwer? Ein Blick hinter die lila Wolken.

Johanna Sailer
"Ich glaube nicht, dass es genügt, auf Dächer zu steigen und lila Wolken anzuhimmeln."
"Ich glaube nicht, dass es genügt, auf Dächer zu steigen und lila Wolken anzuhimmeln."Foto: pa/dpa

"Wir haben unser Glück selbst in der Hand!", "Wenn wir etwas ganz doll wollen, dann können wir es auch schaffen!", "Wir sind so frei wie noch nie!" - Diese Sätze sollten vielen von uns bekannt vorkommen. Nun hören wir sie sogar schon aus den eigenen Reihen. Die 21-jährige Julia Engelmann prangerte auf einem Poetry Slam die Inaktivität ihrer Altersgenossen an. Die Lebenszeit würde von Vielen nicht genutzt, sondern mit Zweifel und Prokrastination verschwendet, so Engelmann. Ich stimme zu, dass sich aus unseren Lebensläufen selten erzählenswerte Geschichten formen lassen. Auch ich kann mich in die Reihe der liberalen Faulenzer oder faulenzenden Liberalen stellen. Jedoch glaube ich nicht, dass es genügt, auf Dächer zu steigen und lila Wolken anzuhimmeln. Wenn wir schon mal auf dem Dach sind, dann könnten wir die Gelegenheit gleich nutzen, und auch mal einen Blick auf unser Umfeld werfen.

Uns würde ganz schnell klar werden, dass unser ständiger Zweifel eine logische Reaktion auf eine Welt voller Möglichkeiten ist. Wir sind umgeben vom Besten des Besten und wir können nur mit schwimmen, wenn wir aus der Fülle an Möglichkeiten die Beste wählen und besonders herausstechen. Wir bauen unseren Selbstwert aus unseren Entscheidungen; denken, jeder Fehlgriff könnte unseren Lebenslauf ruinieren. Wir sind Könige im Multitasking, schaufeln das Mittagessen in uns hinein, während wir mit Oma telefonieren und E-Mails beantworten. - Weil wir nicht "Nein" sagen können. Dabei sollten wir die Prioritätenliste vielleicht mal etwas stutzen. Unsere wahren Freunde werden uns nicht gleich vergessen, wenn wir mal nicht zu einer Party kommen. Die Welt geht nicht unter, wenn wir die Hausarbeit im nächsten Semester schreiben.

Doch warum haben wir ständig das Gefühl, dass wir nur die Wünsche anderer erfüllen? Privilegien wie Schule, Auslandsaufenthalt, Praktikum und Studium fühlen sich wie Pflichtveranstaltungen an. Vor lauter Freiheitsrausch vergessen wir zu essen, zu schlafen und zu lieben und am Ende fühlt sich selbst das wie Pflicht an.

Wenn wir auf zu vielen Hochzeiten tanzen, zu jedem Thema in mindestens drei verschiedenen Sprachen irgend etwas zu sagen haben und von einem Kontinent zum anderen hüpfen, ist das ein sicheres Zeichen für Orientierungslosigkeit. In den ersten 21 Jahren unseres Lebens finden wir ja überhaupt keine Atempause, in der wir uns einmal nach unseren eigenen Wünschen fragen können. Statt uns mit Wissen zu füttern, hätte uns mal jemand darin unterrichten können, eine starke Persönlichkeit auszubilden. Wer nicht weiß, was er will, läuft Gefahr, sich zu verlieren,  in einer Welt, in der er alles sein und alles haben kann. Wer mit 20 noch der Liebling aller Lehrer war und sich in Selbstüberschätzung suhlte, kann nur wenig später in der Vorlesung eines Studiengangs erwachen, den er niemals studieren wollte; Oder in den Armen einer Person, die er nie begehrte. Dann wird ihm plötzlich klar, dass er vom Leben gelebt wird und nicht anders herum.

Das Paradoxe ist, dass wir uns aus diesem Paradox der Unfreiheit durch ein Übermaß an Freiheit nur befreien können, indem wir es durch ein weiteres Paradox ausstechen: Wir können Größe zeigen, indem wir nicht versuchen, groß zu sein. Wir werden freier, indem wir lernen, Fehler zu machen und auf Dinge zu verzichten. In einer Welt voller "Ja's" erfordert es jedoch Stärke, "Nein" zu sagen. Deshalb ist es ganz natürlich, dass wir eine gewisse Zeit und viele Fehlstarts benötigen, bevor wir auf den richtigen Pfad gelangen.

Auf der Generation Z lastet ein hoher Druck. Schon allein ihre soziologische Bezeichnung lässt Endzeitstimmung aufkommen. Ich als Generation Y-Vertreter darf mich zurücklehnen und die Welt mit Sinnfragen torpedieren, aber ihr sollt das Alphabet zu einem schönen Ende bringen.

Julia Engelmann machte vor wenigen Wochen in ihrer poetischen Darbietung den ersten Schritt. Sie forderte ihre Altersgenossen dazu auf, das tägliche Prokrastinieren zu überwinden und aufs Dach zu steigen. Doch nachdem wir den eigenen Schweinehund bekämpft haben, sollten wir eine Stimme gegen die Zustände erheben, in denen sich unser Schweinehund pudelwohl fühlte. Vor dem Studentenzimmer finden Ausspähaktionen á la NSA statt. Eine opportunistische Kanzlerin geht in die dritte Amtszeit. Einem Schulsystem gelingt es, seinen Schülern die ganze Welt näher zu bringen, aber nicht sich selbst. Und wir sitzen still im Wartezimmer, bis uns jemand aufruft? Und wir nehmen uns die Freiheit, uns vor diesen Missständen einfach weg zu flüchten, in eine romantische lila Traumwelt?

Komm Baby, lass' uns endlich wirklich Geschichte schreiben!

Johanna Sailer wurde 1986 in Berlin geboren. Sie studierte Philosophie an der TU Berlin. Als freie Autorin schreibt sie für den Wedding-Blog des Tagesspiegels und die Prenzlberger Ansichten.

Ihr Blog heißt www.primatberlin.wordpress.com.

8 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben