Do-it-yourself-Filme : Flucht aus der Förderung

Heiner Lauterbach tut es, Patrick Wolff auch: Immer mehr Schauspieler produzieren ihre Filme selbst. Ziel: Die Finanzierung durch TV-Sender umgehen.

Jörg Seewald
Als "Harms" kommt Heiner Lauterbach aus dem Knast und will den letzten großen Coup landen. Den gleichnamigen Krimi produzierte der Schauspieler selbst.
Als "Harms" kommt Heiner Lauterbach aus dem Knast und will den letzen großen Coup landen. Den gleichnamigen Krimi produzierte der...Bild: Promo

Ein deutscher Produzent hat einmal die deutschen Fernsehredakteure mit den Studiochefs in Hollywood verglichen: „Sie entscheiden, was produziert wird.“ Und so wie der Boss der Universal-Studios oder von Disney bestimmt, wie der nächste Blockbuster heißt, sind bei ARD, ZDF, RTL und Sat 1 Redakteure diejenigen, die den Daumen über einem Drehbuch oder einer geplanten Produktion heben oder senken. Dabei entscheidet neben dem privaten Geschmack natürlich auch die vermutete Einschaltquote oder die augenblickliche Philosophie des Senders darüber, wer Sendeplatz und Budget in der Größenordnung von etwa 1,3 Millionen Euro bekommt. In den USA umgehen große Stars mittlerweile gerne das etablierte Studiosystem, indem sie ihre Traumfilme selbst drehen.

Kevin Spacey zum Beispiel erlitt 2004 einen grandiosen Schiffbruch, als er für den von ihm geschriebenen und produzierten Film „Beyond the sea“ über das Leben des Sängers Bobby Darin 25 Millionen Dollar auftrieb, an den Kinokassen aber nur knapp neun Millionen Dollar wieder einspielte. Spacey hatte außerdem Regie geführt, die Hauptrolle gespielt und gesungen. Selbst für den Oscar wurde er zwar nominiert, verlor aber immer gegen den Musikfilm „Ray“ über Ray Charles. Besser machte es ein Jahr später George Clooney mit seinem Herzensprojekt „Good Night and Good Luck“ über den Kommunistenjäger McCarthy. Clooney produzierte, schrieb, spielte und führte Regie für sieben Millionen Dollar und spielte 54 Millionen Dollar weltweit wieder ein. Bei den Oscars 2006 ging der Film trotz mehrfacher Nominierungen allerdings leer aus.

Crowdfunding und Low-Budget-Produktionen: Wege aus dem Förderdickicht

Auch in Deutschland umgehen nun immer mehr Schauspieler das etablierte Fördersystem, um ihre Filmträume zu verwirklichen. Wer sich in diesem Förderdickicht gut auskennt, kann zwar prima damit leben. Bislang musste er aber von dem ein oder anderen Filmprojekt Abstand nehmen. Als zum Beispiel Heiner Lauterbach mit seinem Kumpel, dem Regisseur Nikolai Müllerschön, einen selbst geschriebenen Gangsterfilm in der Tradition von Jean Pierre Melville drehen wollte, wusste er, dass er dafür keine TV-Fördergelder bekommen würde. Also gründeten die beiden Buddies zusammen die Produktionsfirma Handschlagfilm, fragten erfolgreich weitere Freunde wie Axel Prahl und Friedrich von Thun an, ob sie Lust hätten, mitzumachen – auch unter der Prämisse, dass es zunächst kein Geld zu verdienen gebe. „Alle Beteiligten haben ausnahmslos 1000 Euro die Woche bekommen“, schildert Lauterbach die Ausgangslage für den Gangsterfilm „Harms“, in dem er einen entlassenen Knacki spielt, der mit Leidensgenossen einen letzten großen Coup landen will – und grandios scheitert. „Harms“, von der Kritik widersprüchlich bewertet, kam diesen Juni in die Kinos.

Da wollen einige von Lauterbachs Kollegen erst noch hin. Marion Mitterhammer-Bücking zum Beispiel. Zusammen mit ihrem Mann, dem Regisseur und Kameramann Hans-Günther Bücking, schrieb sie im September vergangenen Jahres die Geschichte einer abgestürzten Schlagersängerin, die auf der Insel Gozo am Rande des Abgrunds lebt und sich bei einem nächtlichen Parforceritt in ihren gesammelten Lebenslügen verheddert. Das überraschende Finale folgt am nächsten Morgen. „Night Trash“ hat alle Zutaten für ein Kult-Roadmovie und ist nebenbei eine Leistungsschau der Mitterhammer-Bücking, die zu Beginn ihrer Karriere als neue Sissi gefeiert wurde, in Österreich so ziemlich alle Film- und Staatspreise abgeräumt hat und hier vom zarten Liebchen über die Gelegenheitsnutte bis zur intriganten Rächerin alle Register ziehen darf.

Das ZDF droht mit Millionen-Produktionen. Ob die letztlich besser sind?

„Night Trash“ wurde an 20 Tagen im November 2013 gedreht – nach einer einfachen Finanzierungsformel: „Wir haben die Schauspieler aus Malta nach Tarif bezahlt. Die österreichischen Schauspieler und die nur achtköpfige Crew bekamen 500 Euro plus Rückstellungsvertrag und natürlich Reisekosten, Catering und Übernachtungen in guten Hotels. Die Produktionskosten betrugen deshalb nur einen Bruchteil einer normalen Produktion. Das Ergebnis ist aber so gut, dass ich sagen würde, ,Night Trash‘ gehört zu den zehn besten Filmen, an denen ich mit meiner Kamera beteiligt war – und ich habe immerhin schon etwa 300 Filme gedreht“, sagt Hans-Günther Bücking. Die ZDF-Drohung, demnächst Filme für eine Million Euro in Auftrag zu geben, nimmt der mehrfache Filmpreisträger und Golden-Globe-nominierte Regisseur als sportliche Herausforderung: „Nur zu: Dafür drehe ich sogar drei Filme.“ Bücking verweist auf das heute deutlich günstigere technische Equipment. „Früher mussten wir bei Kodak um hochwertiges Filmmaterial betteln und für die Kameras viel bezahlen. Heute kannst du dir eine Kamera schon für 1000 Euro kaufen und die entsprechenden Speicherkarten gibt’s günstig in jedem Elektronikmarkt.“

Für Marion Mitterhammer-Bücking hat der Film noch eine weitere Karrierechance mit sich gebracht. Da sie in „Night Trash“ auch vier Schlager singt, die eigens für den Film komponiert wurden, gibt es nun schon Anfragen von Radiosendern. Eine musikalische Karriere droht. Wichtiger ist der Schauspielerin aber, dass ihr Erstlingswerk demnächst auf großen Festivals auf sich aufmerksam macht. „Der Film hat komödiantische und tragische Züge. Das ist in dieser Form sonst nicht möglich. Ein Traumprojekt.“ Sie gibt aber auch zu, dass sie ohne die Hilfe ihres Mannes dieses Regiedebüt nicht gewagt hätte.

Den Münchner Schauspieler Patrick Wolff („Die Rettungsflieger“) trieben auch familiäre Gründe zur Zusammenarbeit mit Regisseurin Mia Meyer und Kameramann Marco Braun. Denn sein Vater, der langjährige „Forsthaus Falkenau“-Star Christian Wolff, war nach dem Aus der ZDF-Serie noch voller Tatendrang, auch weitere Facetten seines Könnens zu zeigen. Doch die Branche gab dem Max-Reinhardt-Schüler keine weitere Chance. Die bekommt der ehemalige Fernsehförster erst jetzt: Bei seinem Sohn in dem Film „Treppe Aufwärts“. Als demenzkranker Spielsüchtiger mit Zauselbart wird Christian Wolff vom15. September an in Berlin und Polen vor der Kamera stehen. An seiner Seite spielen so illustre Namen wie Ken Duken, Hanno Koffler („Freier Fall“) und Matti Schmidt-Schaller. Letztgenannter als Rächer seines Vaters, der mit seiner Spielsucht die Familie zu ruinieren drohte.

Die Filmförderung springt im letzten Moment ab. Private Unterstützer nicht

Regisseurin Mia Meyer entdeckte bei ihren vierjährigen Recherchen in der Daddel-Szene dass „Spielsucht kein Randthema in unserer Gesellschaft ist“. Aber natürlich gab es für diesen Film keine Filmförderung und auch keine Unterstützung durch die Automatenindustrie. „Eigentlich sind die gesetzlich verpflichtet, solche Projekte zu unterstützen. Aber die haben uns hingehalten und dann doch abgesagt“, schüttelt Neu-Produzent Patrick Wolff über das falsche Spiel den Kopf.

Nun entsteht „Treppe Aufwärts“ unter großer öffentlicher Anteilnahme. Für bislang unter 100 000 Euro, was ein Zehntel des Etats ist, der sonst für einen derartigen Film zur Verfügung steht. Noch bis zum 17. August läuft eine Crowdfunding-Kampagne auf startnext.de, bei der „jeder Cent in den Film gesteckt wird“, wie Patrick Wolff verspricht. „Das Movie wird auf jeden Fall gedreht, nur wird es durch das Geld der Unterstützer noch hochwertiger.“

Das etwa 30-köpfige Filmteam glaubt so sehr an den Erfolg, dass es mit Gehalt-Rückstellungen arbeitet und „Treppe Aufwärts“ bei der Berlinale einreichen will. Trotz der knappen Kalkulation fühlt sich Regisseurin Mia Meyer frei, den Film den Recherchen entsprechend zu verwirklichen „und sich nicht den Dramaturgien eines Senders oder Sendeplatzes anpassen zu müssen“. Ein Versuch, beim Kleinen Fernsehspiel des ZDF anzudocken, verlief zuvor unerfreulich.

Das selbstbestimmte Arbeiten hat jedenfalls allen mächtig Spaß gemacht. Lauterbach will nun ein Roadmovie drehen, das – na klar – „Frauen“ heißt. Marion Mitterhammer-Bücking und ihr Mann haben schon Ideen für drei weitere Filme, „die alle dem echten Leben abgelauscht sind – genau wie ,Night Trash‘“. Doch dieser Film würde sich jetzt nicht mehr zu günstigen Konditionen realisieren lassen. Schuld sind Angelina Jolie und Brad Pitt, die gerade bei gemeinsamen Dreharbeiten auf Gozo die Preise verdarben. Hans Günther-Bücking: „Die haben in einer Pizzeria für einen Tag Verdienstausfall 100 000 Euro gezahlt und insgesamt 20 Millionen Euro auf der Insel gelassen. Trotzdem glaube ich nicht, dass ihr Film besser wird als unserer.“

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