Doku mit Guido Knopp : History wird Archäologie

70 Jahre nach Kriegsende – Guido Knopp sucht Spuren zur „Stunde Null“. Der TV-Historiker berichtet von Originalschauplätzen in und um Berlin.

von
Hier soll mal ein Hochhaus hin. Guido Knopp (links) auf Spurensuche im Tiefbunker unter dem Berliner Alexanderplatz.
Hier soll mal ein Hochhaus hin. Guido Knopp (links) auf Spurensuche im Tiefbunker unter dem Berliner Alexanderplatz.Foto: PHOENIX/tobias krause

Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg. 70 Jahre später wird es für das Fernsehen zunehmend schwieriger, die Vergangenheit auf immer neue Weise anschaulich darzustellen. Manche Spuren wird Deutschlands bekanntester TV-Historiker in seiner Phoenix-Dokumentation „Stunde Null. Auf Zeitreise mit Guido Knopp“ am 1. Mai sogar möglicherweise zum allerletzten Mal im Fernsehen zeigen können. So wie den Luftschutzbunker unter dem Alexanderplatz. Dort will der kalifornische Stararchitekt Frank Gehry ein 150-Meter-Hochhaus bauen. Die Fundamente des Wolkenkratzers müssen sich tief in den Boden erstrecken. Für den Bunker, in dem während der Bombardements bis zu 15 000 Menschen Schutz fanden, ist dann kein Platz mehr. Knopp hat sich für seine Spurensuche dort mit einem Zeitzeugen getroffen. Damals war er ein kleiner Junge, der sich aber auch heute noch gut an die Zeit erinnern kann. Im Februar 1945 mussten die Menschen den Bunker während eines Bombardements verlassen, weil die Frischluftanlage defekt war.

Den 70. Jahrestag des Kriegsendes nimmt Phoenix zum Anlass für einen multimedialen Schwerpunkt. Eine Woche lang beschäftigt sich der öffentlich-rechtliche Nachrichten- und Ereigniskanal mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und den Folgen. Guido Knopp und Webmoderatorin Sara Bildau berichten von Originalschauplätzen in und um Berlin. Neben neuen Dokumentationen und Gesprächssendungen beleuchten diverse Beiträge von „Hitlers Vorkosterin – Das Leben der Margot Woelk“ am 1. Mai bis hin zum Film „Die letzte Schlacht“ mit Anna Maria Mühe, Tom Schilling, Christian Redl, Katharina Wackernagel und Jörg Schüttauf am 8. Mai zur Primetime das große Thema.

Messer, Gabeln oder Koppelschlösser der Wehrmacht

Wie sich die Zeiten geändert haben – und mit ihnen die Sicht auf den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg mit dem millionenfachen Tod unter Soldaten und Zivilisten – das zeigt auch ein anderer Fundort. Zwischen den Seelower Höhen, wo eine der verlustreichsten Schlachten während der letzten Kriegstage stattfand, und Berlin wurden im vergangenen Jahr Überreste eines großen Feldlagers der Roten Armee entdeckt. „Im Boden wurden alle möglichen Dinge wie Messer, Gabeln oder Koppelschlösser der Wehrmacht gefunden, die von den Russen mit dem Roten Stern überstanzt wurden“, erzählt TV-Historiker Knopp. Phoenix wird als erster Fernsehsender diese Ausgrabungen zeigen, sagt Filmemacher Sven Thomsen. Für Knopp bedeutet dies aber zugleich, dass aus History inzwischen Archäologie geworden ist. An die Stelle von Gesprächen mit Zeitzeugen treten nun ganz andere Werkzeuge der Geschichtswissenschaft.

Zu den Orten, die Knopp für seine Spurensuche besucht, gehört auch das Deutsche-Russische Museum in Berlin-Karlshorst. 1945 unterschrieb hier Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel die Kapitulationserklärung. Wiederum ist die Veränderung spürbar, auch aus TV-Sicht. 1985 hat Guido Knopp in Karlshorst zum Anlass des 40. Jahrestages des Kriegsendes Fernsehberichte anmoderiert. Bundespräsident Richard von Weizsäcker prägte damals den Begriff vom „Tag der Befreiung“. Das nächste Jubiläum: Zehn Jahre später – Deutschland war inzwischen wiedervereinigt – waren Ost und West so nah wie selten, erinnert sich Knopp. Das deutsche und das russische Fernsehen hatten zum Anlass des 50. Jahrestages zusammen einen 18-teilige Reihe „Der verdammte Krieg“ produziert. „Die gleichen Bilder, die gleichen Kommentare, damals noch mit lebenden Zeitzeugen der vier Siegermächte, die als Berichterstatter bei der Unterzeichnung der Kapitulationserklärung in Karlshorst dabei waren. Ob so etwas heute noch möglich wäre?“, fragt Knopp.

Wenn das Attentat auf Hitler geklappt hätte

70 Jahre nach Ende des Kriegs lassen sich einige Fragen ohnehin nur noch spekulativ beantworten. In diese Kategorie fällt auch das Gespräch mit Schriftsteller Christian von Ditfurth („Der 21. Juli“) über die Frage, was wäre gewesen, wenn das Attentat auf Hitler geklappt hätte.

1945 wurde das Kriegsende von den wenigsten Deutschen als Befreiung empfunden, sagt Knopp. Für die Menschen in der späteren DDR kam die Befreiung sogar erst am 9. November 1989, meint Erika Steinbach, CDU-Politikerin und frühere Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen. Mit ihr und der SPD-Politikerin und Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan diskutiert Knopp in der Sendung „History Live“ am 3. Mai darüber, ob es diese „Stunde Null“ wirklich gegeben hat, nicht zuletzt mit Blick auf die Kontinuität der alten NS-Eliten in führenden Positionen der jungen Bundesrepublik.

„Stunde Null. Auf Zeitreise mit Guido Knopp“, Freitag, 14 Uhr. „History Live“, Sonntag, 13 Uhr, Phoenix.

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben