Drama : Kitsch und Kampagne

Gut gemeint, schlecht gemacht: "Die Minensucherin“ im ZDF mit Publikumsliebling Christine Neubauer.

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Will viel Gutes tun: Bauingenieurin Nina Schneider (Christine Neubauer). Foto: ZDF Foto: Ronny Bregulla
Will viel Gutes tun: Bauingenieurin Nina Schneider (Christine Neubauer). Foto: ZDFFoto: Ronny Bregulla

Wenn die Metalldetektoren ausschlagen, beginnt eine Arbeit, die an den Nerven zerrt. Mit dünnen Stöckchen bohren die Minensucher in die Erde, um die Position des Sprengkörpers zu bestimmen. Mit einem Pinsel wird die Mine behutsam freigelegt, ehe sie gehoben und der Zünder entfernt werden kann. Ein Fehler kann, trotz Schutzanzug, den Tod oder Verstümmelungen zur Folge haben. Und weil diese Arbeit höchste Konzentration erfordert, müssen die Minensucher alle halbe Stunde eine Pause einlegen und werden abgelöst. So schnell werden die Räumkommandos trotz des 1997 verkündeten Landminen-Verbots nicht arbeitslos sein: Weltweit sind nach Schätzungen noch zwischen 70 bis 110 Millionen Minen vergraben. Die Rüstungsindustrie hat gut daran verdient.

Im ZDF-Film „Die Minensucherin“ spielt Publikumsliebling Christine Neubauer eine Frau, die mit besten Absichten nach Angola gereist war. Gleich in der ersten Szene ist Bauingenieurin Nina Schneider bei der Minensuche zu sehen. Sie wird von einem Schmetterling abgelenkt, tritt auf eine Mine und darf sich nicht mehr vom Fleck bewegen. In einer Rückblende werden die Ereignisse der Wochen zuvor erzählt. Eigentlich wollte Nina Schneider drei Monate in einer Schule Kinder unterrichten. Als die kleine Mumbi, ein wahrer Sonnenschein, durch eine Mine ums Leben kommt, lässt sich die Hobby-Lehrerin, von Schuldgefühlen geplagt, zur Minensucherin ausbilden. Der Schmetterling ist natürlich eine Metapher – für unbeschwerte Schönheit wie für drohendes Unheil – und ein melodramatischer Kniff hart an der Grenze zum Kitsch. Mumbi hatte ihrer neuen Lehrerin ein Bild von einem Schmetterling gemalt. Als das Mädchen bei einer gemeinsamen Autofahrt austreten muss und jenseits der Straße einen geeigneten Ort sucht, sieht die wartende Nina Schneider einen Schmetterling auf dem Außenspiegel des Fahrzeugs landen. Es geschieht, was geschehen muss. Dass die Explosion, bei dem Mumbi das Leben verliert, im Film mehrfach, wenn auch nur angedeutet, gezeigt wird, wirkt mit jedem Mal aufdringlicher und ärgerlicher.

Man muss dem Film von Marcus O. Rosenmüller zugute halten, dass er sich mächtig ins Zeug legt, um Aufklärung über die Landminen-Tragödie zu betreiben. Die Sisyphos-Arbeit der Räumkommandos ist hart. Ausbilder Mike Mason, gespielt von Hannes Jaenicke, spart nicht an Detailinformationen über die verschiedenen Modelle. Auch lässt seine zynische Bemerkung über „deutsche Wertarbeit“ keinen Zweifel daran, dass die heimische Industrie beteiligt ist an dem Geschäft, das nach UNO-Angaben monatlich mindestens 2000 Opfer unter der Zivilbevölkerung fordert.

Doch wie sich wieder zeigt, machen die allerbesten Absichten noch keinen guten Film. Alle sprechen, oh Wunder, Deutsch. Das ist praktisch, auch sonst ist das hier eine klare, eindimensionale Welt, die Dialoge plakativ und die Handlung vorhersehbar. Das Böse ist klein und heimtückisch, alle anderen sind die Opfer. Die Einheimischen sowieso, aber auch irgendwie die Weißen, die mit Schuld und einem furchtbar schlechten Gewissen beladen sind: Vor allem der alkoholkranke Arzt und die Bauingenieurin, die ihre Unachtsamkeit wiedergutmachen will. Mit Grabesstimme inszeniert die Neubauer Nina Schneiders Leiden an sich selbst. Noch schwerer zu ertragen ist nur dieses Gutmenschentum von oben herab. Die Minensucherin bleibt natürlich eine mutige Wohltäterin, die ihrer angolanischen Zelt-Nachbarin Lesen und Schreiben beibringt. Oder es führt zu unfreiwilliger Komik: Etwa wenn Nina Schneider allein zum Anführer einer Privatarmee marschiert, um ihm entschlossen die Leviten zu lesen. Ja, so kennen wir unsere Christine Neubauer.Thomas Gehringer

„Die Minensucherin“; ZDF, 20 Uhr 15

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