Fernsehfilm : Die Leichen des Lehrers

Erst Latein, dann Mord: Robert Atzorn spielt einen Pädagogen, der im Liebesrausch durchdreht.

Thilo Wydra
Atzorn
Benutzt. Lehrer Jon Evermann hat sich in seine neue Kollegin Julie verliebt - doch die treibt ein doppeltes Spiel. -Foto: ZDF

Einmal nimmt sein Gesicht beinahe animalische Züge an. Seine Augen scheinen hinter der Windschutzscheibe seines Wagens für kurze Momente im Halbdunkel gelb-grün aufzuflackern, so, als wären sie die eines Raubtieres. Dann tritt der Hamburger Lehrer Jon Everman (Robert Atzorn) abrupt aus dem Stand aufs Gaspedal, um auf diesem verlassenen Waldweg seinen bei ihm Deutsch und Latein lernenden Schüler umzubringen. Der Junge wird ihm zu gefährlich, Evermann hat schon andere Menschen aus dem Weg geräumt, der ihn zu der undurchsichtigen Julie (Judith Rosmair) führen soll.

Robert Atzorn, einst „Unser Lehrer Doktor Specht“, später im Norden ermittelnder „Tatort“-Kommissar, spielt in dem von Kai Wessel fürs ZDF inszenierten Fernsehfilm „Im Gehege“ einen Mann, der nicht mehr bei sich ist.

Schuld daran scheint Julie Schwertfeger, Evermanns neue, junge Kollegin zu sein. Er hat sie bei seiner kleinen Geburtstagsfeier im Lehrerzimmer kennengelernt – und mit dieser Begegnung ändert sich das Leben des Anfang-Fünfzigers. Sein geregelter Alltag ist mit einem Schlag vorbei, seine labile und alkoholkranke Ehefrau Charlotte (Eleonore Weisgerber) wird misstrauisch, sein bester Freund, Anwalt Robert (Axel Milberg) erkennt Evermann in seinem Verhalten nicht mehr wieder. Robert glaubt deshalb auch nicht an einen Unfall, als Evermanns Frau Charlotte zu Hause betrunken die Treppe hinunterfällt und tot am Boden liegt. Vorausgegangen war eine heftige Auseinandersetzung der Eheleute, Evermann hatte ihr von Julie erzählt, dass er sich verliebt habe, sich scheiden lassen und ausziehe wolle – und zwar jetzt, sofort.

Weil Robert seinem Freund die Geschichte vom Unfall nicht abnimmt, muss auch er dran glauben: Evermann versenkt den in Plastik eingerollten Leichnam seines Freundes im See. Aus dem bürgerlichen Lateinlehrer ist plötzlich ein obsessiver Mensch geworden, der aus einer Nacht mit seiner jungen Kollegin eine Liebesgeschichte entwirft, ihr Heiratsanträge macht und sie in teure Nobelrestaurants einlädt. Die Kollegin lässt es geschehen. Sie hat noch anderes vor.

Evermann ist ein Gefangener, ein Mordender. „Im Gehege“ ist die beklemmend eindringliche Studie eines totalen Identitätsverlustes, die Drehbuchautorin Martina Boger auf der Grundlage ihres Romans angelegt hat, den sie zusammen mit Maria Elisabeth Straub schrieb.

Manisch ist der Verlauf des Verlustes, den Atzorn in teils äußerst intensiver, eindringlicher Manier spielt. Man will es eigentlich nicht so recht glauben, was eine fixe Idee aus einem Menschen zu machen vermag. Bei Evermann tritt eine grundlegende psychologische Veränderung ein. Er meint, zu lieben und geliebt zu werden – dabei wird er letzten Endes nur benutzt, in einem ganz anderen Spiel, von dem er nichts weiß. Er kann davon nichts wissen, weil er in seinem Leiden schaffenden Wahn blind und geblendet ist. So wird ein Unschuldiger zum Schuldigen, einer zum Täter, der eigentlich Opfer ist. Es ist ein Thema, wie es für Filme von Alfred Hitchcock typisch war und mit „Im Gehege“ von Martina Boger und Kai Wessel verwendet wird. Von einigen etwas unglaubwürdigen Übertreibungen und Überhöhungen einmal abgesehen, haben sie zusammen mit ihrem Hauptdarsteller Robert Atzorn ein Psycho-Portrait geschaffen, das von Nachhaltigkeit zeugt.

„Im Gehege“, 20 Uhr 15, ZDF

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