Antikriegsspiel : „This War of Mine“ kennt keine Sieger

Das Computerspiel „This War of Mine“ zeigt Krieg aus der Sicht von Zivilisten – hart und schonungslos. Der tägliche Überlebenskampf wirft eine Reihe moralischer Fragen auf.

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Trauer um Katia. Screenshot: 11 bit studios
Trauer um Katia.Screenshot: 11 bit studios

An diesem Morgen kommt Pavle nicht von seinem nächtlichen Beutezug zurück. Katia und Bruno warten vergeblich auf ihren Verbündeten, mit dem sie ein zerbombtes Haus mitten im Kriegsgebiet teilen. Eigentlich sollte Pavle Verbandszeug für Katias Wunden und etwas zu essen für den hungernden Bruno mitbringen. Doch als er zum Stehlen in ein fremdes Haus eindrang, wurde er von den Besitzern überrascht – und auf der Stelle erschossen. Nun müssen Katia und Bruno sehen, wie sie ohne ihn klarkommen. Wie sie diesen Krieg gemeinsam überleben.

„This War of Mine“ ist ein außergewöhnliches Computerspiel: Es zeigt den Krieg aus der Sicht von Zivilisten – schonungslos und deprimierend. Damit steht es in hartem Kontrast zu Baller-Orgien wie „Battlefield“ oder „Call of Duty“, die Krieg als tumbe Machtfantasie inszenieren. Welches Leid all jene trifft, die schuldlos zwischen die Fronten geraten, wird in diesen Spielen nur sehr selten – und dann meist auch nur scheinheilig – thematisiert. „This War of Mine“ verdeutlicht das Kriegsleid, indem es Spieler in den täglichen Überlebenskampf schickt: einen Kampf gegen Hunger und Kälte, gegen schwindende Gesundheit und gewalttätige Plünderer. Ein zähes Ringen, bei dem es weder Gut noch Böse gibt, weil sich jeder irgendwann schuldig macht.

Entstanden ist „This War of Mine“ in den polnischen 11 bit studios. Den Entwicklern kam die Idee zum Spiel, als sie einen Artikel über den Jugoslawien-Krieg lasen. Unter dem Titel "Ein Jahr in der Hölle" schildert ein Zivilist, wie er die Belagerung einer bosnischen Kleinstadt überlebte. „Dieser Bericht hat uns alle sehr bewegt“, erzählt Pawel Miechowski, Hauptautor des Spiels, im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Als Vorlage dienten zudem Berichte aus dem belagerten Sarajevo (Barbara Demick: „Logavina Street“), aus Syrien und aus dem Irak. Für Miechowski und seine Kollegen ist das Thema auch eine sehr persönliche Angelegenheit: „Wir stammen aus Warschau, die meisten unserer Großeltern haben den Zweiten Weltkrieg und die Besetzung der Stadt erlebt.“ Ihre Berichte flossen ebenfalls in das Spiel ein.

Miechowski nennt „This War of Mine“ eine „Überlebenssimulation“. Aus der Seitenansicht steuert man per Mausklick drei Zivilisten, die Zuflucht in einem mehrstöckigen, vom Krieg schwer beschädigten Mietshaus gefunden haben. Die drei kennen sich noch aus friedlichen Zeiten, ihre Familien verloren sie im Krieg aus den Augen. In der Hausruine mangelt es am Nötigsten: Es gibt dort weder Betten noch Stühle, weder Heizöfen noch eine Kochgelegenheit – alles muss erst mühsam zusammengebaut werden. Das vorhandene Baumaterial – Holzbretter, Metallteile und ähnliches – ist schnell verbraucht. Um Nachschub an Essen, Medikamenten und Bauteilen zu beschaffen, müssen sich die Überlebenskämpfer nach draußen wagen. Doch weil es tagsüber in den Straßen zu gefährlich ist, starten sie ihre Beutezüge nur nachts. Sobald die Dunkelheit hereinbricht, bestimmt man einen „Plünderer“, der dann alleine loszieht. Die Verbündeten halten im Haus Wache oder schlafen sich aus, um am nächsten Tag bei Kräften zu sein. Wer welche Aufgabe übernimmt, hängt auch von seinen Fähigkeiten ab: Pavle ist sehr sportlich, Bruno kann gut kochen und Katia verhandelt geschickt mit sporadisch auftauchenden Hausierern.

Die nächtlichen Streifzüge indes bedeuten hohes Risiko. Bewaffnete Banden treiben in der zerstörten Stadt ihr Unwesen, Heckenschützen haben Straßen und Plätze im Visier. Zunächst wählt man auf einer Karte aus, welches Gebäude in dieser Nacht durchsucht werden soll – ob nun ein Supermarkt, eine Schule oder ein Privathaus. Dann pirscht man sich vorsichtig an das Gebäude an, bricht ein und durchsucht die Zimmer nach nützlichen Dingen. Oft stößt man dabei auf verschlossene Türen und Schränke, die sich nur mit Brecheisen oder Dietrich öffnen lassen. Der Plünderer läuft dabei ständig Gefahr, entdeckt zu werden. Und das kann – wie in Pavles Fall – schnell tödlich enden.

Rückkehr von einem nächtlichen Beutezug. Screenshot: 11 bit studios
Rückkehr von einem nächtlichen Beutezug.Screenshot: 11 bit studios

„This War of Mine“ zeigt die ganze Unbarmherzigkeit des Überlebenskampfes, dem Zivilisten in Kriegen ausgesetzt sind. Wer nicht genug Nahrung findet, ist irgendwann zu schwach zum Laufen. Wer keine Waffen besitzt, wird früher oder später selbst zum Überfallopfer. Wer seine Wunden nicht verbindet, bekommt Fieber und stirbt. Schon ein gescheiterter Beutezug kann die ganze Gruppe ins Verderben stürzen, weil dringend benötigte Medikamente oder Lebensmittel ausbleiben. Dazu passt die bedrückende Atmosphäre mit seinen Schwarz- und Grautönen und der melancholischen Musik, die sich wie ein Trauerschleier über das Spiel legt. Auch die Figuren sind keine aalglatten Helden, sondern ganz normale Menschen: nämlich die Entwickler selbst, die sich für das Spiel eingescannt haben.

In „This War of Mine“ kann man weder gewinnen noch Rekorde erringen. Das einzige Ziel ist, so lange zu überleben, bis der Krieg vorbei ist. Stirbt eine Figur, verschwindet sie von der Bildfläche – ein schockierender und trauriger Moment. Am eindringlichsten ist „This War of Mine“, wenn Spieler über Leben und Tod entscheiden müssen: Hilft man einem Fremden, der gerade von Bandenmitgliedern angegriffen wird? Beherbergt man den Flüchtling, der an die Tür des Mietshauses klopft, auch wenn er dann mit durchgefüttert werden muss? Stiehlt man einem alten Ehepaar Medikamente, weil ein Verbündeter die dringend braucht? Fragen wie diese machen „This War of Mine“ zu einem verstörenden, brillanten Werk.

„This War of Mine“. Als Box (20 Euro) oder Steam-Download (19 Euro) für PC/Mac/Linux. USK-Alterseinstufung: ab 16 Jahren.

Ein Interview mit dem Autor des Spiels, Pawel Miechowski.

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