Medien : Geheimes Deutschland

ARD-Dokureihe über die Männer, die den Anschlag auf Hitler planten, zeigt neu entdecktes Filmmaterial

Kerstin Decker

Die Skeptischen sprechen von Stauffenberg-Festspielen. Und der kleine Mann auf der Straße, nein, der kleine Mann vorm Fernseher, würde schon glauben, der Widerstand gegen Hitler hört auf einen Namen: Stauffenberg. Mediale Überinszenierung? Natürlich wäre es traurig, wenn nur jene, die spät erkannten, für wen sie da Krieg führten, im Gedächtnis des Widerstands bleiben. Die Widerständler der ersten Stunde verschwanden 1933 in den Konzentrationslagern. Und der KPD-Slogan „Wer Hitler wählt, wählt den Krieg“ war nicht darum falsch, weil er von der KPD war. Der spätere Widerständler Henning von Tresckow hatte 1933 Hitler euphorisch begrüßt.

Es bleibt dabei: Für seine Bildung ist jeder selbst verantwortlich. Nichts wäre dümmer, als ARD/ZDF ihr Engagement für diesen 20. Juli vorzuwerfen. Guido Knopp schickte seinen Vierteiler Anfang März über den Sender, hob sich dafür das Dokudrama um Stauffenberg auf. Das Erste macht es umgekehrt. Im Februar zeigte es den Film „Stauffenberg“, ab heute folgt die Dokumentation. Gerade beim 20. Juli gehen Spielfilm und Dokumentation eine gute Verbindung ein.

Denn natürlich konzentrierten sich die Spielfilme ganz auf die Dramatik dieses einen Tages, der so singulär schien und doch nur die sichtbar gewordene Spitze eines verborgenen Verschwörungsarchipels war. Diesen Archipel macht der Dokumentar-Filmer Maurice P. Remy noch einmal sichtbar – mit vielen Namen, Zeitzeugen und neuentdeckten Filmaufnahmen. Die gut geschnittene ARD-Doku beginnt mit zwei suggestiven Daten: Im Juni 1944 landeten die Allierten und die sowjetische Großoffensive begann. Einen Monat später geschieht das Attentat und scheint nur als letzte verzweifelte Reaktion auf die unabwendbar scheinende Niederlage. Um so wichtiger der Blick Jahre zurück, als Stauffenberg noch nicht zum Widerstand gehörte. Die Dokumentation verschweigt nicht, dass dieser junge Offizier 1940 den Frankreichfeldzug begrüßte, wie überhaupt der militärische Widerstand von Hitlers Eroberungserfolgen so gut wie lahm gelegt wurde. Aber zuvor, als sich 1938 der Überfall auf die Tschechoslowakei abzeichnete, stand ein Staatsstreich des Militärs kurz bevor. Der erste Teil deutet die Rolle des damaligen Oberbefehlshabers des Heeres Ludwig Beck an, der Ende Juli 1938 eine Denkschrift für Hitler verfasst hatte. Ein Staatsstreich wurde für den 29. September geplant, alles war vorbereitet, als die Nachricht eintraf, mit der niemand gerechnet hatte: Chamberlain und Daladier kapitulierten in München vor Hitlers Forderungen. Man hat später viel darüber gemutmaßt, welchen Verlauf die Geschichte genommen hätte ohne den französisch-britischen Verrat an den Tschechen und dabei eines übersehen: dass der Staatsstreichplan von 1938 die größten Aussichten auf Erfolg hatte. Von seinem Abbruch in letzter Minute hat sich der militärische Widerstand nicht mehr erholt. Knopps Dokumentation hatte den Staatsstreichsplan von 1938 noch parallel geschnitten mit dem einsamen Attentatsversuch Georg Elsers ein Jahr später und auch die „Weiße Rose“ war erwähnt. Remys „Offiziere gegen Hitler“ konzentriert sich ausschließlich auf die Militärs.

Wie Knopps Dokumentation ist auch Remys Annäherung ganz dem Faktischen verpflichtet. Was fehlt, ist ein geistiger Umriss. Der junge schwäbische Adelige Stauffenberg zog sich die Verachtung seiner Familie zu, als er in der Weimarer Republik zur Reichswehr ging. Der Stefan-George-Schüler kam aus einer demokratieabgewandten, elitär-konservativen Gegenwelt. Remy erklärt Stauffenberg zum Antisemiten. Das ist ein zu kurzes Wort für eine viel längere Sache. Dem George-Kreis gehörten viele Juden an, und es war die Kenntnis von den Massakern an Juden, die ihn 1942 zum Widerstand brachte. Nach der Landung der Alliierten rezitierte Stauffenberg seinen Gefährten George-Gedichte. Seiner Verschwörung gab er den Namen des letzten George-Gedichts „Geheimes Deutschland“. Sein letzter Ruf, dem Erschießungskommando entgegengeschleudert, soll nicht das „heilige“, sondern das „geheime Deutschland“ beschworen haben. Menschen existieren in geistigen Kokons. Dort überleben sie, dort finden sie ihre Stärke. Schade, dass sich die Dokumentation für diesen Stauffenberg nicht interessiert.

„Offiziere gegen Hitler“, ARD, 21 Uhr 45. Zweiter und dritter Teil: Freitag,

21 Uhr 40 und Montag, 21 Uhr 45

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