Interview mit Intendant Erik Bettermann : „Lafontaine wollte die Deutsche Welle schließen“

Intendant Erik Bettermann verlässt die Deutsche Welle. Ein Gespräch über globale Missionen, böse Politiker und Sandwich-Situationen.

Politischer Intendant. Als Erik Bettermann 2001 an die Spitze der Deutschen Welle gewählt wurde, war er dem Sender als Mitglied des Verwaltungsrates bereits verbunden. Der „Netzwerker“ aus dem Rheinland arbeitete im Bundestag, für den SPD-Parteivorstand und das Land Bremen, stets hielt er engen Kontakt zu den Medien, so als Mitglied im ZDF-Fernsehrat. Ende September übergibt Erik Bettermann, 69, das DW-Intendantenamt an Peter Limbourg, 53, den früheren Informationsdirektor von ProSiebenSat1. Foto: Schulzki/DW
Politischer Intendant. Als Erik Bettermann 2001 an die Spitze der Deutschen Welle gewählt wurde, war er dem Sender als Mitglied...

Herr Bettermann, Sie haben 170 Länder bereist. Was erwarten diese Länder von der Deutschen Welle?

Eine mediale Visitenkarte Deutschlands. Journalistisch zeitgemäß, multimedial aufbereitet für die an unserem Land interessierten Multiplikatoren. Die frühere Rolle als Heimatsender für die Auslandsdeutschen ist längst passé, da jedes deutsche Fernsehprogramm, jeder Hörfunksender fast überall via Internet angesteuert werden kann. Heute kann die Deutsche Welle als Elitenprogramm nur ein Medium sein, das in vielen Fremdsprachen ein umfassendes, realistisches Deutschland-Bild vermittelt. Nicht im missionarischen Sinne, sondern nüchtern und auch ein bisschen werbend für das „Modell“ Deutschland. Über unsere Sprachkursangebote im Internet können die Nutzer auch Deutsch lernen. Daneben sind wir auch ganz praktisch unterwegs mit unserer DW-Akademie, mit der wir beispielsweise in Tunesien Journalisten ausbilden.

Als Sie vor zwölf Jahren Intendant des Auslandssenders wurden, gab es im englischsprachigen Fernsehbereich drei Sender – BBC, CNN und die Deutsche Welle. Jetzt gibt es 26 Stationen weltweit. Wo steht da die Welle?

Im guten Mittelfeld. Aber für mich sind nicht alle Sender direkte Konkurrenz. BBC und CNN sind aktuelle Informationssender, die tagtäglich die globale News-Agenda abarbeiten. Die Deutsche Welle will dagegen Aktualität mit erklärendem Hintergrund verbinden, thematisch breiter streuen, immer auch umfassend über Wirtschaft und Kultur in Deutschland berichten.

Nun muss die Deutsche Welle ihre Programme nicht mehr alleine füllen, im Fernsehbereich gibt es eine enge Kooperation mit ARD und ZDF. Wie sieht das Mengenverhältnis aus? Wer DW-Fernsehen sieht, der sieht eigentlich ARD und ZDF?

So ist es nicht, das geht auch gar nicht – und betrifft im Übrigen im Wesentlichen unser deutschsprachiges Angebot. Sie können nicht „Wiso“ in die Welt schicken mit einem Beitrag über die Verbraucherberatung in Lübeck. Wir übernehmen nur das, was zu unserem Programmauftrag passt und was wir mit Blick auf die weltweiten Ausstrahlungsrechte auch finanziell stemmen können. Die Übernahme im aktuellen Bereich ist generell schwieriger und damit kleiner dimensioniert. Wir übernehmen Material von ARD-Landesrundfunkanstalten und ZDF da, wo es sinnvoll ist. Seit unserer TV-Programmreform Anfang 2012 ist der Anteil in der Tat gewachsen. Im Bereich Dokumentationen beispielsweise liegen wir bei ungefähr 80 Prozent.

Die steuerfinanzierte Deutsche Welle bezahlt gebührenfinanziertes Programm von ARD und ZDF. Geht das nicht einfacher, kostengünstiger – schlauer?

Daran habe ich vier Jahre lang gearbeitet. Es gibt seit Juni eine Vereinbarung von Bund und Ländern, dass die Programme des öffentlich-rechtlichen Inlandsrundfunks, also auch des Deutschlandradios, möglichst kostenfrei zur DW kommen. Schon im Produzentenvertrag sollten die Modalitäten der Übernahme geklärt sein. So machen es die Franzosen und auch die Briten schon länger. Außerdem wäre es mehr als hilfreich, wenn wir uns bei ARD und ZDF großzügiger bedienen könnten, gerade für unseren Unterhaltungsbereich. An ein Fernsehereignis wie „Unsere Mütter, unsere Väter“ kommen wir noch nicht heran.

Klingt alles ein bisschen defensiv.

Wir sind noch nicht im Paradies. Aber wir haben es geschafft, über den formalen ARD-Status hinaus zu einem gleichberechtigten Mitglied der öffentlich-rechtlichen Senderfamilie zu werden.

Die Politik hat geschafft, was die Sender unter- und miteinander nicht geschafft haben. Armseliges Zeugnis für die Intendanten, oder?

Das Verständnis für die Deutsche Welle ist sehr langsam gewachsen. Deutschland hat nicht unbedingt ein internationales Denken, das ist anders in den ehemaligen Kolonialmächten wie Frankreich oder England oder auch in den USA, wo die Politik paternalistisch nach draußen denkt und handelt. Ein internationales Auftreten Deutschlands kann sich nicht auf die Auslandseinsätze der Bundeswehr beschränken. Das muss in den Inlandssendern und im Deutschen Bundestag noch mehr gelernt werden,

Sie haben drei Bundesregierungen erlebt: Rot-Grün, Schwarz-Rot, Schwarz-Gelb. Welche hat es mit der Deutschen Welle am besten, welche am schlechtesten gemeint?

Oskar Lafontaine, der Finanzminister der rot-grünen Koalition, wollte 1998 die Deutsche Welle schlankweg zumachen. Auch Kulturstaatsminister Michael Naumann beabsichtigte nichts anderes. Das haben wir verhindern können. Rot-Grün hat dann 17 Prozent unseres Etats gestrichen. Schwarz-Rot und Schwarz-Gelb haben unser Budget in dieser Größenordnung belassen.

Die Sozis haben den Sozialdemokraten Erik Bettermann im Regen stehen lassen?

Das ist bitter gewesen.

Das Beste für die Deutsche Welle ist welche Bundesregierung?

Die Große Koalition aus SPD und CDU/CSU war eine wichtige Zeit für die Deutsche Welle. Der neue Staatsminister Bernd Neumann hat viel Verständnis für Medien entwickelt, auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat uns geholfen.

Die Politik gibt, die Politik nimmt. Und die Welle blicket stumm in der ganzen Welt herum.

Alle sind lernfähig.

Aber international ist der deutsche Auslandssender mächtig abgehängt worden. Al Dschasira gibt es mittlerweile als US-Variante, France 24 sendet auf Englisch …

Die Mehrheit des Deutschen Bundestages hat die Verantwortung Deutschlands in der Welt noch nicht wirklich verstanden. Wir sind in Sachen Internationalität ein Schwellenland. Darunter leiden die Goethe-Institute, die Humboldt-Stiftung und die Deutsche Welle unisono.

Schauen wir in die Anstalt hinein. Worüber darf sich ein Mitarbeiter der Deutschen Welle in den Augen des scheidenden Intendanten Erik Bettermann beklagen?

Zwei Standorte in Berlin und Bonn sind nicht förderlich…

… welchen würden Sie als Erstes schließen?

Das werden Sie von mir nicht hören. Sagen wir es so: Sollten irgendwann einmal alle noch in Bonn angesiedelten Bundesministerien nach Berlin umziehen, dann wird es Kompensationsleistungen für Bonn geben. Wir haben standortübergreifende Multimedia-Redaktionen entwickelt, die zeigen, dass man auch an zwei Standorten ein gutes gemeinsames Programm produzieren kann.

Und die Klagen der Mitarbeiter?

Sie fragen sich: „Wie sicher ist meine Zukunft im Sender?“ Wir haben in Berlin einen hohen Anteil an festen freien Mitarbeitern, etwa 600 von 1000 Mitarbeitern. Natürlich haben die Angst. In Bonn ist das Verhältnis umgekehrt. Mitarbeiter dort sagen, Bettermann hat alles auf Fernsehen und Internet gesetzt. Die haben aber 20 und mehr Jahre Radio gemacht. Da sind beim Webseiten-Betreuen die Erfolgserlebnisse rarer geworden. Und dann wird in Bonn geklagt: „Die in Berlin machen die Musik.“

Umbau ohne Abbau?

Wir haben seit Mitte der 1990er-Jahre annähernd 1000 Planstellen abgebaut. Allesamt sozialverträglich.

Gibt es Unterschiede in der Programm-Philosophie der beiden Standorte Bonn und Berlin?

Nein. Durch das standortübergreifende Arbeiten der Redaktionen sind die fünf Hauptbotschaften des Tages in all unseren Ausspielwegen – Hörfunk, Fernsehen, Internet – gleich. Das ist die Grundstruktur unseres Programms aus Information und Bildung. Und dann wird in jedem Fremdsprachenangebot auf die Regionen abgestimmt und auf die Interessen der Multiplikatoren.

Wo ist das Arbeiten für DW-Mitarbeiter auf dieser Welt prekär?

Überall dort, wo es Konflikte gibt. Und in China, da stehen wir auf der Schwarzen Liste der KP, die uns als Stimme der Dissidenten missversteht. Die Dissidenten sagen übrigens, die Deutsche Welle stünde aufseiten der KP. Eine unbefriedigende Sandwich-Situation. Aber es gibt gute Ansätze. So will beispielsweise der neue chinesische Botschafter in Berlin an einer Entspannung arbeiten.

Worauf sind Sie am meisten stolz nach zwölf Jahren als Intendant der Deutschen Welle?

Dass wir die Umsteuerung der Deutschen Welle hin zu einem Multimedia-Unternehmen zusammen mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hinbekommen haben. Und das sozialverträglich.

Das Interview führte Joachim Huber.

Der deutsche Auslandssender ist seit 1953 auf Sendung. „Die Deutsche Welle hat eine ganz einfache Aufgabe, nämlich zu entkrampfen, indem sie von Deutschland berichtet, ein Bild der sozialen, der wirtschaftlichen Entwicklung gibt“, formulierte der damalige Bundespräsident Theodor Heuss. Zum deutschsprachigen Radioprogramm kamen bis 1980 mehr als 30 Sprachen dazu. 1992 wurde aus Rias-TV DW-TV, zwei Jahre später ging die Welle online. Die DW-Akademie kümmert sich um Medienausbildung und -förderung in aller Welt. Die Deutsche Welle hat zwei Standorte, einen in Bonn, wo vor allem der Internetauftritt betreut wird, einen in Berlin mit dem Schwerpunkt Fernsehen. An beiden Standorten arbeiten rund 1500 festangestellte und ebenso viele feste freie Mitarbeiter aus 60 Ländern. Der Sender wird aus Steuermitteln des Bundes finanziert, der Jahresetat beträgt rund 270 Millionen Euro.

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