Medien : Italienische Aufklärung

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Manche Dinge würde man gerne verdrängen. Weil sie unangenehm sind – oder nicht in unser Bild von der Welt passen. Die Ereignisse von Genua vor einem Jahr, die „chilenische Nacht“ bei der Razzia in einer Schule, die Folterungen in der Polizeikaserne von Bolzaneto – sie gehören zweifelsohne dazu. Seitdem blicken wir wie zum ersten Mal auf ein Italien, das wir doch so gut zu kennen glaubten.

„Gipfelstürmer. Die blutigen Tage von Genua“ heißt der Film, mit dem die ARD heute um 23 Uhr 30 eine erste Bilanz zieht über das, was Zeugenaussagen und Justizermittlungen ergeben haben. Anders als jene zwei schon im Kino gezeigten G-8-Filme versucht die Dokumentation von Michael Busse und Marie-Rosa Busse nicht, die Demonstrationen als europäisches Woodstock zu porträtieren, das am Ende der Polizei zum Opfer fiel. Nüchternheit ist angesagt.

Und Aufklärung.

Was geschah, ist weitgehend bekannt: Tagelang durften die gewalttätigen Demonstranten des so genannten „Schwarzen Block“ sich fast ungestört austoben, während stattdessen immer wieder friedliche Demonstranten verprügelt wurden oder Kameramänner und Fotografen, die eine seltsame Art der Zusammenarbeit dokumentieren wollten: Zwischen der Polizei und vermummten Gewalttätern. Das Foto- und Filmmaterial ist erdrückend: Die Polizei hat systematisch Agents Provocateurs eingeschleust, die sich immer wieder mit ihren Einheiten trafen, Aktionspläne absprachen, Taktiken ausarbeiteten. So erklärt sich auch die Zurückhaltung der Polizei, selbst wenn Ausschreitungen direkt neben ihren eigenen Hundertschaften stattfanden.

Aber warum ließ man den Black Block nicht nur das Zentrum Genuas demolieren, sondern trotz mehrmaliger Anzeige durch die Verwaltung auch ein Sozialzentrum samt Schule und Kinderkrippe, das eigentlich Gewerkschafter beherbergen sollte? Um die friedlichen Demonstranten politisch zu diskreditieren, legt der Film nahe. Möglich auch, dass man so einen Vorwand schaffen wollte für ein schreckliches Finale: Den nächtlichen Überfall auf die Diaz-Schule.

Die Aussagen der friedlichen Demonstranten, die dort von der Polizei meist im Schlaf überrascht wurden, lassen einen auch ein Jahr danach nicht kalt. Manche wurden schwer verletzt noch im Schlafsack herausgetragen. Wer weniger abbekommen hatte, hatte das Schlimmste noch vor sich: Physische und psychische Folter in der Kaserne von Bolzaneto. Dort wurden die Gefangenen immer wieder geschlagen, wurden Zigaretten auf ihnen ausgedrückt. Sie mussten Pinochet hochleben lassen, die Juden verfluchen und faschistische Lieder singen.

Erst fast ein Jahr nach der Razzia in der Diaz-Schule stellte sich heraus, dass die zwei Molotow-Coctails, die die Polizei in der Schule gefunden hatte und die als Beweis für Gewalttäter dienten, fingiert waren: Ein Polizist hatte sie an ganz anderer Stelle der Stadt sichergestellt und in die Polizeistation gebracht.

Inzwischen hat die Justiz Ermittlungen wegen Beweisfälschung aufgenommen gegen 30 leitende Polizeibeamte. Eine kleine Genugtuung.

Schwieriger ist es, den politischen Hintergrund jener Exzesse aufzuklären. War die Polizeigewalt von ganz oben gewollt, um ein Exempel zu statuieren? Ein im Film gezeigter Polizeibeamter hat, wie viele andere, den Führer der Postfaschisten Gianfranco Fini und andere Politiker der Koalition mehrmals in der Polizeizentrale in Genua gesehen. Seiner Ansicht nach ist die Botschaft klar, die vom G8-Gipfel ausgehen sollte: Wer gegen die Regierung demonstriert, muss mit dem Schlimmsten rechnen. Eine Spekulation, die schwer zu beweisen ist. Eines jedoch kann man sagen: Manche Spezialeinheiten der italienischen Polizei sind von faschistischem Gedankengut infiziert. Und wenn es keine Anordnung von oben gab, so herrschte doch zumindest eine Atmosphäre, in der prügelnde und folternde Polizisten sich als von oben gedeckt betrachten durften. Ein stilles Einverständnis darüber, es „denen“, den Linken, mal so richtig zu zeigen.

Die Linke hat sich die Lust am Demonstrieren dadurch nicht nehmen lassen.

Stattdessen wurde der Welt ein bisher verborgenes Italien vorgeführt.

Clemens Wergin

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